"Wird es noch in 100 Jahren geben"

Hinter den Kulissen des Marionettentheaters

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Das Marionettentheater fasziniert noch heute

München - Marionetten? Dafür interessieren sich in Zeiten von 3D-Kino und HD-TV doch nicht mal mehr Kinder. Von wegen. Ohne mit der Wimper zu zucken, können Puppen auch heute noch Erwachsene wie Kinder in ihren Bann ziehen.

Alois Hingerl ereifert sich, ohne die Miene zu verziehen. Er grantelt, weil er im Himmel sein geliebtes Bier nicht bekommt - dabei kann er nicht einmal den Mund öffnen. Sein Publikum stört die fehlende Mimik des Schauspielers nicht. Es lacht über jedes Zucken seiner Gliedmaßen. Hingerl ist die Hauptfigur des Stücks „Ein Münchner im Himmel“ im Münchner Marionettentheater - er wird jedoch nicht von einem Menschen aus Fleisch und Blut gespielt, sondern von einer Puppe aus Holz. In Deutschland gilt Puppenspiel als Theater für Kinder. Dabei können die starren Wesen viel mehr erzählen als bloß die Geschichte vom Kasperl.

Ashot Oganian, Mitarbeiter im Münchner Marionettentheater, bereitet die Bühne für eine Vorstellung vor

Ina Hemmelmann steht im Halbdunkel auf einer wackeligen Holzbrücke und beugt sich über das Geländer. In ihren Händen hält sie das Spielkreuz. Die Puppe während einer Vorstellung fallen lassen - das gibt den größten Ärger. Die Studentin arbeitet seit fast fünf Jahren im Marionettentheater. „Ich finde diese Illusion toll, dass ich tote Dinge zum Leben erwecke“, sagt Hemmelmann.

„Ein Münchner im Himmel“ ist eine Aufführung für Erwachsene. Doch wie schafft es der an Fäden hängende Alois, das Publikum für sich zu begeistern? André Studt, Theaterwissenschaftler der Universität Erlangen, sagt, die Puppen erinnerten die Zuschauer an ihre Kindheit. Doch hinter der Faszination fürs Puppenspiel stecke mehr als bloße Nostalgie: „Man weiß, dass es ein lebloser Gegenstand ist. Aber im Spiel kommt der Moment der "Animation", der "Beseelung" der Puppen.“ Dann könnten auch Erwachsene vergessen, dass die Marionetten an Fäden hängen, an denen Menschen wie Ina Hemmelmann zupfen.

Bis sie diese Illusion erreichen konnte, musste die Studentin allerdings viel üben. „Am Anfang dachte ich, ich lerne das nie und werde immer Knoten produzieren“, erinnert sie sich. Auch jetzt geht nicht alles glatt. Beinahe verheddert sich Hemmelmanns Marionette in den Requisiten, die ein Kollege herum schiebt. Hemmelmann unterdrückt ein Lachen. „Pst“, zischt ihr Intendant Siegfried Böhmke zu. Nichts soll in traditionellen Theatern wie dem in München die Zuschauer an die Menschen über der Bühne erinnern.

Anders beim modernen Puppenspiel, das in Deutschland bisher wenig populär ist. Dabei sind die Spieler meist gemeinsam mit ihren Figuren zu sehen. „Das zeigt, wie die Puppe manipuliert wird“, erklärt Theaterwissenschaftlerin Meike Wagner von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. „Und man kann das menschliche Wesen ins Verhältnis setzen zum künstlichen Wesen, der Puppe.“ Denn der Spieler lässt die Figuren nicht nur nach seinem Willen tanzen wie im traditionellen Spiel, sondern agiert mit ihnen.

Zum Beispiel im Stück „Der Fall Ikarus“ des freien Puppenspielers Florian Feisel. Darin wendet sich die Fingerpuppe an den Schauspieler: „Sag mal, du bewegst ja die Lippen, wenn ich spreche.“ Gezeigt werden Vorstellungen wie diese etwa beim internationalen Figuren-Theater-Festival, das jedes Jahr nahe Nürnberg stattfindet. Mit „Kindertheater“ hat das nichts mehr gemein.

Das war auch schon vor rund 170 Jahren so. Damals wurde Marionettentheater vor allem auf Jahrmärkten und in Wirtshäusern aufgeführt - der Inhalt war entsprechend derb. Gerade der Kasper trat nicht besonders kinderfreundlich auf: „Er säuft, schlägert und mordet“, beschreibt Theaterwissenschaftlerin Wagner die damalige Figur.

1858 gründete dann Josef Leonhard Schmid das Münchner Marionettentheater und führte Stücke für Kinder auf, die Franz Graf von Pocci dafür schrieb. „Damit haben die beiden die Keimzelle für den "Mythos des Kindertheaters" geschaffen“, sagt Wagner. Von hier aus breitete sich das Puppentheater für Kinder in ganz Deutschland aus. „Die Leute sind sogar nach München gereist, um die Stücke zu sehen“, erzählt die Theaterwissenschaftlerin.

Der heutige Intendant des Theaters, Siegfried Böhmke, glaubt, dass diese Tradition auch in Zukunft Menschen anziehen wird: „Es ist ein direktes Erlebnis, da ist keine Mattscheibe dazwischen wie beim Fernsehen. Das wird es noch in hundert Jahren geben.“

dpa

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