Ministerpräsident Söder und Sozialministerin Schreyer

Zu Besuch bei Münchens Obdachlosen: Söder verspricht mehr Hilfe

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„Die Obdachlosenhilfe in St. Bonifaz ist großartig“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (M.), als ihm Abt Johannes Eckert (li.) und Frater Emmanuel Rotter die Einrichtung zeigten. Links: Sozialministerin Kerstin Schreyer.

Mehr Hilfe für Bayerns Obdachlose: Das hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gestern bei einem Besuch in St. Bonifaz versprochen. Auch in München wächst die Zahl der Wohnungslosen.

München - Die erste Halbe des Tages ist schon leer, als Markus Söder an der Karlstraße eintrifft. Um 9 Uhr morgens sitzen auf den Stufen vor St. Bonifaz ein paar jener Menschen, um die sich der Ministerpräsident nun kümmern will: Obdachlose. Sie reden auf Rumänisch oder Bulgarisch, trinken Bier und beobachten misstrauisch bis gelangweilt den Politiker- und Pressetross, der an ihnen vorbeizieht.

Gemeinsam mit Sozialministerin Kerstin Schreyer ist Söder am Donnerstag hergekommen, um zu sehen, wie die Obdachlosenhilfe arbeitet – und um anzukündigen, dass die Hilfsangebote für Obdachlose in Bayern verbessert werden sollen. Zum Amtsantritt im März hatte Söder gesagt, er verstehe sich als „Manager“ Bayerns, aber auch als „Kümmerer“. Nun, mitten im Landtagswahlkampf, ist er also hier und kümmert sich erst mal um seine Gesprächspartner: Abt Johannes Eckert von St. Bonifaz und Frater Emmanuel Rotter, der die Obdachlosenhilfe vor fast 20 Jahren mit gegründet hat und leitet.

Laut Gesetz Kommunen zuständig

Für die Obdachlosenhilfe sind laut Gesetz die Kommunen zuständig, die mit Kirchen und Wohlfahrtsverbänden zusammenarbeiten. In München funktioniert das bisher gut. Laut Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) finanziert die Stadt viele Angebote wie Kälteschutz, Teestube oder Straßenambulanz. Doch hier wie in anderen Großstädten steigt seit einigen Jahren die Zahl der Wohnungslosen enorm. Das liegt an der EU-Freizügigkeit, die seit 2014 auch für Bulgaren und Rumänen gilt, an fehlendem Wohnraum und an der Wegrationalisierung einfacher Jobs.

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„Das ist ein unglaublich reiches Land“, sagt Söder. „Aber auch hier gibt es Armut vor der Tür.“ Bei einer Privataudienz bei Papst Franziskus im Juni hatte er bereits ein „Hilfsprogramm“ für Obdachlose in Großstädten angekündigt. Laut Schreyer soll nun ein Runder Tisch gegründet werden, an dem sich Verantwortliche austauschen, „was schon alles getan wird“ und wo es noch hakt. Der Sozialpädagogin zufolge geht es „erst mal ums Zuhören, um dann passgenaue Hilfen planen zu können“ mit dem Ziel, Menschen „ins Leben zurückzuholen“.

Passgenau ist die Hilfe hier im Haneberghaus von St. Bonifaz längst, wie Söder und Schreyer beim Rundgang erfahren. Zur Essensausgabe kommen laut Frater Emmanuel täglich bis zu 300 „Gäste“, so nennen die Benediktiner die Obdachlosen. Es gibt eine Kleiderkammer, Duschen, eine Arztstation. Ständig huschen Männer an Söder und Schreyer vorbei, mit noch nassen Haaren oder einem neuen Hemd im Arm. Jeder kann kommen, „wir stellen keine Fragen“, so Abt Johannes. Ein Sozialarbeiter hilft mit Kontakten zu Behörden, wenn die Menschen das wünschen. Man ist behutsam hier, die „Gäste“ haben seelisch und körperlich oft stark gelitten. Fast jeder Zweite ist nicht sozialversichert, mehr als die Hälfte lebt auf der Straße, zwei Drittel haben keine deutsche Staatsangehörigkeit.

Söder lehnt Statistiken ab

Statistiken einzuführen, wie viele Obdachlose es überhaupt gebe, lehnt Söder ab. Wohlfahrtsverbände fordern dies seit Jahren. Frater Emmanuel schätzt, dass in München etwa 12 000 Menschen keine Wohnung haben – offiziell zählt das Sozialreferat 9000. Die allermeisten leben in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Laut Referat leben 550 Menschen auf der Straße, schlafen in Hauseingängen und Parks – Frater Emmanuel schätzt, dass es eher 1000 sind. Er schildert, wie seit den „Säuberungsaktionen“ am Hauptbahnhof (wir berichteten) neuerdings auch die Drogenszene „hier reindrückt“. Viele Obdachlose hätten Jobs, wenn auch höchst prekäre, und gerieten schnell in einen „Teufelskreis“ aus Armut und Alkohol. Das Hauptproblem sei, dass erschwinglicher Wohnraum fehle.

Söder sagte, der Freistaat wolle die Kommunen nicht alleinlassen. Gemeinsam mit ihnen, Kirchen und Verbänden solle eine Stiftung gegründet werden. Schiwy sagte auf Anfrage, eine finanzielle Unterstützung durch den Freistaat und die Realisierung von mehr Angeboten in anderen Kommunen wäre „begrüßenswert“. Der Freistaat sollte sich aber zudem „deutlich stärker im Bereich des Wohnungsbaus engagieren“. Schreyer hingegen hatte gesagt, Wohnraum sei „nicht die einzige Frage“.

Abt Johannes sagt nach dem Besuch: „Wir hoffen, dass durch eine bessere Vernetzung unkompliziert Menschen in Not geholfen wird.“

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