tz-Serie: Geschichten aus der Altstadt

Maximilianstraße: Luxusmeile im Wandel

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Die Maximilianstraße: Früher gab es hier Blumen- und Obstläden, heute dominieren in der Nobelmeile internationale Luxus-Modeketten.

Schon 1853, als der Architekt Georg Friedrich Cristian Bürklein die Maximilianstraße gestaltete, sorgte sie für viel Aufsehen: Hier lagen Architekturstile verschiedenster Epochen quasi Tür an Tür.

Aber König Maximilian II. wollte etwas neues, etwas auffälliges. Trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und der Unterbrechung durch den Altstadtring ist die Maximilianstraße etwas Besonderes geblieben, nicht zuletzt wegen Mosi und der Promis, die im Café Roma ein- und ausgingen. Aber das ist Geschichte. Teuer ist Münchens Luxusmeile noch immer. Aber was ist von der großen Zeit geblieben? Wird die Maximilianstraße ihrem Ruf noch gerecht? Die tz hat mit einem Anwohner und zwei Geschäftsleuten gesprochen.

Es kommen immer mehr Araber

Christa Stieböck (61) hat sich schon darauf eingestellt, dass 50 Jahre Buchhandlung Dessauer am Anfang der Maximilianstraße bald Geschichte sein werden. Der Buchhändlerin geht es wie vielen Münchner Traditions-Einzelhändlern in der Nobelmeile. „Die internationalen Modeketten treiben die Mietpreise in die Höhe – da können wir nicht mehr mithalten.“

Sie betreibt mit ihrem Mann die Buchhhandlung nun seit 15 Jahren. 15 Jahre, in denen die Maximilianstraße ihr Gesicht gewandelt hat. „Es kommen immer weniger Münchner und immer mehr Touristen“, sagt die 61-Jährige. „Aber auch die Herkunft der Touristen hat sich geändert: Es kommen immer mehr Araber und Russen. Die haben Geld, kaufen aber nur bei Modeketten, deren Markenname ihnen ein Begriff ist.“

Rund Dreiviertel der Geschäfte hier sind heute Filialgeschäfte mit einem großen Konzern im Hintergrund. Ein Münchner Einzelhändler, der nicht genannt werden möchte, erklärt deren Vorteil: „Die müssen hier keinen Gewinn machen, weil der Konzern sie abfängt. Für die zählt nur, dass sie sich hier präsentieren können.“ Hohe Mietpreise sind da kein Problem. Das Gewerbe-Immobilien-Beratungsunternehmen Kemper’s erwartet tatsächlich schon bald Mietpreise von rund 250 Euro pro Quadratmeter. Viele Modeketten sollen schon jetzt weit über 100 000 Euro zahlen, sagt man auf der Luxusmeile.

Zwar haben die Stieböcks noch ein wenig Schonfrist, weil sie die alte Mietpreisbindung haben, aber: „Die Renovierung ist schon in Planung, danach können wir uns das hier wohl nicht mehr leisten.“ Stieböck Bilanz: „Langsam sieht die Maximilianstraße aus wie jede andere Einkaufsstraße, nur auf hohem Niveau!“

In einer Weltstadt muss sich die Straße ändern

Vom Jammern hält Gisela Tornau nichts: Die Geschäfts-Managerin von Armani arbeitet seit 18 Jahren in der Maximilianstraße, war zuvor bei Jil Sander. Sie erlebte die Ära Mosi und kennt viele Händler, die ihre Läden dicht machen mussten. „Ich finde es persönlich schon schade um die Menschen, aber die Welt verändert sich – und mitten in einer Weltstadt muss sich die Maximilianstraße mit verändern.“

Seit ein paar Jahren sind die großen Marken einfach vermehrt gefragt. „Das erwarten gerade die Touristen aus Asien von einer Großstadt. Und das treue Münchner Stammpublikum bleibt uns auch erhalten, wenn es zufrieden ist.“

Aber auch sie musste sich erst auf die neuen Kunden einstellen: „Wir brauchen mehr Personal, weil die Scheichs immer in großen Gruppen kommen. Und vor allem für die Russen brauche ich größere Größen. Eine Lederjacke in Größe 60 – das habe ich früher nie gebraucht!“

Dass das Café Roma Anfang des Jahres zugemacht hat (hier kommt im Spätsommer Gucci rein), schmerzt Gisela Tornau aber doch: „Das italienische Flair ist weg.“ Wie viele Geschäftsleute hier bemängelt sie, dass es allgemein immer weniger Bars und Cafés gibt, die Lebensfreude und Gemütlichkeit in die Straßen bringen. „Aber Gabriel Lewy, der Chef vom Café Roma, gehört zu unseren Kunden. Er hat versichert, dass er alles tut, um nächstes Jahr was neues aufzumachen. Dann weiß ich auch wieder, wo ich mittags hingehen soll.“

Mosi sorgte hier für den einzigartigen Flair

Manchmal hat sich Heinz Schuster (71) einen Stuhl geholt, wenn er aus seinem Fenster die Maximilianstraße beobachtete. Dann, wenn er Rudolph Moshammer sah, bevor er abends nach Hause fuhr. „Er war ein Meister der Zeremonie“, sagt sein ehemaliger Nachbar. „Bis er mit seiner Mutter im Rolls-Royce drin saß, hat es oft ewig gedauert. Notfalls ist er zehn Mal hin- und hergelaufen – bis ihn wirklich jeder gesehen hat.“

Eigentlich haben sich Schuster und Mosi immer gut verstanden. Sie hatten viele gemeinsame Themen, über die sie auf der Straße oder bei einem Bier in der Emeramsmühle ratschten: Schuster hat 43 Jahre Maßhemden in seinem Atelier neben der Wohnung geschneidert.

Manchmal gab es aber auch Knatsch. Gerade, weil sie Kollegen und damit Konkurrenten waren. Moshammer hatte mit seinem Laden unten an der Luxusmeile eine exponierte Stellung. Aber nebenan, ein paar Stockwerke höher, war Schuster nicht minder erfolgreich: Viele Promis gingen ein und aus, sogar das holländische Königshaus bestellte bei ihm.

„Mosi selbst war ein fairer Kollege, aber seine Mutter …“,erinnert sich Schuster. „Eines Tages witterte sie ihre Chance, als sich die Sekretärin eines Milliardärs bei ihr im Laden nach meinem Geschäft erkundigte.“ Else Moshammer habe gesagt: „Nein, den gibt’s hier nicht.“ Blöd nur, dass die Sekretärin Schuster später noch ausfindig machen konnte …

Verziehen hat Schuster Mama Moshammer schnell. „So waren sie nun mal. Und die beiden haben das Flair der Straße in dieser Zeit ausgemacht.“ Noch mehr trauert Schuster der ganz alten Zeit nach. „Als ich hier vor 47 Jahren hergezogen bin, war das eine normale Straße: mit Tante Emma-Läden und Blumengeschäften, bei uns im Haus gab es einen Obstladen.“

Aber weg von hier mag er trotzdem nicht – zum einen wurde seine Miete 25 Jahre nicht erhöht. Und: „Von meinen Balkon aus sehe ich die Frauenkirche. Aus dieser Wohnung tragen sie mich mal raus.“

Quelle: tz

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