Alte Häuser und ihre Geschichten

Das Haus der Dichter: Paul-Heyse-Villa war Künstler-Treffpunkt - Unmut bei Anwohnern über Bauvorhaben

Die Paul-Heyse-Villa ist ein historisches Gebäude, das unter Denkmalschutz steht
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Die Paul-Heyse-Villa war Heimat des Schriftstellers Paul Heyse.

Hier haben viele Generationen gelacht und geweint, gelebt und gearbeitet: In alten Häusern steckt viel Seele. In ihnen wird die Vergangenheit lebendig und die Zukunft gestaltet. So wie in der Paul-Heyse-Villa, die ein beliebter Treffpunkt für Literaten und Intellektuelle war – und die jetzt fast abgerissen worden wäre…

Dort, wo jetzt das Wohnzimmer von Adriana von Schelling und Barry Goldman ist, wurde Literaturgeschichte geschrieben. „Unser Wohnzimmer war das Arbeitszimmer von Paul Heyse“, erzählt Goldman. Die beiden leben seit rund 25 Jahren in der Luisenstraße 22 in der Maxvorstadt – in jenem Haus, wo einst der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse gewohnt hat.

Sie leben heute in der Paul-Heyse-Villa: Adriana von Schelling und Barry Goldman genießen den alten Charme.

Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle

„Alles, was Rang und Namen hatte, war hier“, berichtet Bernd Noelle, ein weiterer Hausbewohner. Sein heutiges Musikzimmer war Heyses Schlafzimmer. Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle – sie alle kamen früher in der Paul-Heyse-Villa zusammen. Gäste waren zum Beispiel die Autoren Theodor Fontane und Thomas Mann sowie die Künstler Adolph von Menzel und Franz von Lenbach. Adriana von Schelling, übrigens eine Nachfahrin des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, hat ein altes Gemälde ihrer Großmutter in ihrer Wohnung hängen. „Der Maler war in der Villa zu Gast“, erzählt sie.

Das Haus wurde Anfang der 1830er-Jahre von dem Hafnermeister Ambrosius Seybold erbaut. „Wenn der Bauherr heute vorbeikäme, würde er das Haus wiedererkennen“, sagt Noelle. „Es sah schon so ähnlich aus wie jetzt – nur der erste Stock war niedriger.“ Nachdem Heyse das Gebäude erworben hatte, ließ er es 1873 von dem Architekten Gottfried von Neureuther umbauen und an seine Bedürfnisse anpassen. 1874 zog er gemeinsam mit seiner zweiten Frau Anna ein. Zur Familie gehörten viele Kinder – da passte es gut, dass die Villa im neoklassizistischen Stil 14 Zimmer hatte.

Bangen um die Zukunft der Villa

Doch trotz dieser bedeutenden Geschichte war die Zukunft der Paul-Heyse-Villa immer wieder bedroht – bis heute. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben das Haus und das Dach schwer. Der damalige Eigentümer Ludwig Rosner reagierte schnell, organisierte Baumaterial auf dem Land und rettete die Villa vor dem Verfall. Auch die Fassade wurde nach den Plänen des Architekten Walter von Breunig wieder instand gesetzt. Die Gestaltung orientierte sich an der ursprünglichen Form.

Zu dem Gebäude gehört ein größerer Garten. „Das Haus ist eines der letzten Beispiele einer Gartenvilla in der Maxvorstadt“, erklärt Noelle. Doch dieser Garten könnte bald verschwinden. Jahrelang wurde gestritten, wie es mit der Villa weitergehen soll. 2007 wurde sie an einen Investor verkauft, der sie abreißen wollte und die Aufhebung des Denkmalschutzes beantragte. Doch das lehnten die Behörden ab. Viele Bürger setzten sich für den Erhalt der Villa ein. Auch nach einem erneuten Eigentümerwechsel ging der Streit weiter.

Vergleich zwischen Stadt und Eigentümer

2017 schlossen der Eigentümer und die Stadt München einen gerichtlichen Vergleich: Die Villa bleibt erhalten, dafür darf der Eigentümer ein weiteres Haus auf dem Grundstück bauen.

Das kritisieren die Bewohner des Hauses. „Wir hatten gehofft, dass das Haus und der Garten gerettet werden“, sagt Barry Goldman. Er findet es auch schade, dass für den Bau mehrere Bäume im Garten gefällt werden müssen. Unter anderem steht dort ein Götterbaum, der mindestens 80 Jahre alt ist und einen Stammumfang von 3,80 Meter hat. „Das ist der drittgrößte in Deutschland“, erklärt Bernd Noelle. Die Bewohner befürchten zudem, dass es irgendwann doch noch zum Abriss der Paul-Heyse-Villa kommen könnte. : „So etwas gibt es sonst gar nicht mehr in so einer Lage“, sagt Noelle.

Er und seine Nachbarn haben von Anfang an gern dort gewohnt: Das große Treppenhaus mit den Porträt-Bildern, die hohen Decken, das Flair des geschichtsträchtigen Altbaus: „Es ist ein wunderschönes Haus mitten in der Stadt“, findet auch Adriana von Schelling.

Das war Paul Heyse

Der Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer Paul Johann Ludwig Heyse wurde am 15. März 1830 in Berlin geboren und 1854 von König Maximilian II. nach München geholt. Hier nahm er unter anderem regelmäßig an Symposien des Königs teil. Er pflegte einen regen Austausch mit anderen Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten und war ein beliebter Gastgeber. Auch an der Gründung des Dichtervereins „Die Krokodile“ war er 1856 maßgeblich beteiligt. Außerdem war er von 1871 bis 1887 Mitglied des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst. Heyse schrieb rund 180 Novellen, acht Romane, 68 Dramen sowie viele Gedichte. Er gilt als der letzte wirkliche „Dichterfürst“ der deutschen Literatur. 1910 erhielt er als erster deutscher Autor belletristischer Werke den Nobelpreis für Literatur. Im selben Jahr ernannte ihn die Stadt München zum Ehrenbürger, und Prinzregent Luitpold verlieh ihm den Adelstitel. Heyse starb am 2. April 1914. Er ist im Münchner Waldfriedhof bestattet. In München erinnern auch die Paul-Heyse-Straße und die Paul-Heyse-Unterführung an ihn.

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