Geschichten von Opfern und Tätern

NS-Dokuzentrum eröffnet: Zeitzeugen erinnern sich

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Jetzt ist das NS-Dokuzentrum für Besucher offen. Der Eintritt ist bis 31. Juli frei.

München - Seit Donnerstag ist das NS-Dokuzentrum in München eröffnet. Es zeigt die Geschichten von Opfern und Tätern in Schautafeln, Bildern und Filmen. Zwei Zeitzeugen schildern ihre bewegende Geschichte,

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis München einen würdigen Erinnerungsort bekommen hat, der sich mit der dunkelsten Zeit der Stadt auseinandersetzt. Am Donnerstag, auf den Tag genau 70 Jahre nachdem die Rainbow Division der US-Army die „Hauptstadt der Bewegung“ befreit hat, wurde das NS-Dokumentationszentrum in der Brienner Straße mit einem Festakt eröffnet.

„Wir brauchen diesen Ort. Jetzt. Um den Jüngeren zu zeigen, dass

Bei der Eröffnung (v.l.): Romani Rose, Winfried Nerdinger, Charlotte Knobloch, Monika Grütters und Dieter Reiter.

es Menschen waren, die ihresgleichen gedemütigt, gequält und grausam ermordet haben – millionenfach, penibel organisiert und indus-triell durchgeführt. Unvorstellbar, bis heute“, sagt Charlotte Knobloch, die von einer Hausangestellten als ihr eigenes Kind ausgegeben wurde und so den Holocaust überlebte.

Das NS-Dokuzentrum zeigt die Geschichten von Opfern und Tätern in Schautafeln, Bildern und Filmen. Es will kein Museum sein, sondern ein Lern- und Erinnerungsort. Kulturministerin Monika Grütters (CDU) sagte in ihrer Rede, die Ausstellung zeige, wie eine weltoffene Kulturmetropole zu einem Sammelbecken antisemitischer und nationalistischer Kräfte menschenverachtender Ideologie werden konnte.“

Dementsprechend hoch waren die Sicherheitsvorkehrungen beim Festakt: Am abgesperrten Karolinenplatz waren 400 Polizisten sowie Sicherheitsleute und Sprengstoffspürhunde im Einsatz. Sie schützen Politiker und Holocaust-Überlebende.

„Dieser Teil unserer Geschichte darf niemals als abgeschlossen betrachtet werden“, mahnte OB Dieter Reiter. Denn das NS-Dokuzentrum zeigt nicht nur die Vergangenheit, sondern stellt auch Bezüge ins Heute her.

Ghetto und KZ überlebt: Unbändiger Wille rettet Uri Chanoch (87)

Uri Chanoch bei der Eröffnung des Dokuzentrums.

Uri Chanoch wollte viele Jahre nicht zurück nach Deutschland. Zu viel Grauen, zu viel Unaussprechliches ist ihm hier widerfahren. 1993 kehrte er zurück – als Zeitzeuge, der von dem Unaussprechlichen berichtet. Uri Chanoch (87) ist in Litauen geboren, wo auf den Straßen hebräisch gesprochen wurde – bis am 22. Juni 1941 die Wehrmacht einmarschierte. „Die Menschen aus Litauen waren am schlimmsten. Sie haben angefangen, uns systematisch zu töten.“ Wie in anderen baltischen Staaten solidarisierten sich Litauer mit den neuen Besatzern und töteten zahlreiche Juden. Bis November 1941 wurden etwa 80.000 ermordet. „Dann kam der Befehl, ins Ghetto umzuziehen. Wir dachten, wir seien an dem schlimmsten Ort der Welt angekommen. Aber es kam noch viel schlimmer“, erinnert sich Uri Chanoch.

Die Familie hatte ständig Hunger und Angst. Bei einem unvorstellbaren Massaker werden jüdische Männer in einer Synagoge verbrannt. „Doch in meiner Familie sind wir alle groß und stark. Mein Vater war zwei Meter groß, meine Mutter war eine stattliche Erscheinung. Die Nazis brauchten uns, um für den Krieg zu arbeiten“, sagt Chanoch. Sein Vater und sein Bruder werden nach Auschwitz deportiert. Der Vater wird in der Gaskammer ermordet. Er weiß nicht, dass sein Sohn Daniel auch in Auschwitz ist.

Uri Chanoch verbringt drei Tage in einem Viehwaggon, Endstation Kaufering. Dort baut er einen Bunker für die Nazis, die dort Flugzeuge fertigen wollten. Der Hunger ist unerträglich, die Erschöpfung nicht in Worte zu fassen. Wer nicht mehr konnte, kippt in den flüssigen Beton und bleibt dort für immer liegen. Uri Chanoch hat überlebt, weil er später in der Schreiberstube eingesetzt worden ist.

„Ich habe verstanden, dass ich als Überlebender an die Schulen gehen muss und meine Geschichte erzählen“, sagt Uri Chanoch. Und er lächelt, wie nur einer lächeln kann, der aus seinem Leben das Beste gemacht hat, nachdem er Ghetto und Konzentrationslager überlebt hat.

Er „befreite“ das Hofbräuhaus: Hermann Cohen

Ehrengast Herman Cohen.

Herman Cohen (93) spricht leise und ruhig. Wenn er Wichtiges zu sagen hat, dann nimmt er die Hand seines Gegenübers, und von „den Menschen in Deutschland heute“ spricht er in einem warmen Ton.
Das ist nicht selbstverständlich, denn Herman Cohen floh 1938 aus Essen nach Chicago. 1938 ist das Jahr der Kennzeichnung von Juden, dem Ausbau der Konzentrationslager­ Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen und das Jahr der Novemberpogrome.
Als Herman Cohen seine Heimat verlässt, ist er 17 Jahre alt. Er tritt in die US-Army ein und zieht gegen die Deutschen in den Krieg. Als die Rainbow Division München befreit, ist Herman Cohen einer der Ersten. „Ich habe das Hofbräuhaus befreit“, sagt Cohen lächelnd. Das wurde freilich gefeiert. Gezahlt haben die Soldaten an diesem Tag nichts im weltberühmten Biertempel.

„Ich lebe in Chicago, aber ich fühle mich hier daheim. Weil die Menschen sich zum Besseren gewendet haben und wieder gute, aufmerksame Menschen sind“, sagt Cohen. Im Hofbräuhaus war er auch schon. Diesmal hat er gezahlt.

Jasmin Menrad

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