Zu Besuch in Helge Sieferts Laden

Second-Hand-Expertin: Dieses Bild gibt Rätsel auf

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Helge Siefert im Second-Hand-Laden. Sie zeigt ein Gemälde, das zum Verkauf steht.

München - Helge Siefert betreibt den ältesten Second-Hand-Laden der Stadt. Kunst, Klamotten, Kitsch und Krempel: Die tz hat vorbeigeschaut.

Helge Siefert im Innenhof vor dem Eingang zum Laden.

Das Bild ist ihr immer noch ein Rätsel. Das Gemälde mit der Inventarnummer 14-1159/V. Ein paar Bauernhäuser, zwei Kirchen, ein See, dahinter Berge. Links zwei Tannen. Helge Siefert (69) hat es seit ein paar Monaten – eine Frau hat es ihr vorbeigebracht, auf der Rückseite steht „Gebirge mit Königssee“. Helge Siefert aber war schon einige Male am Königssee. Sie weiß: Der Titel kann gar nicht stimmen, es sieht dort ganz anders aus. „Vielleicht“, sagt sie mit einem Lächeln, „vielleicht weiß ja einer Ihrer Leser, welcher See das ist und wo das sein könnte.“ Wer sich das Bild näher anschauen möchte, ist bei Helge Siefert herzlich willkommen, es gibt dazu noch viel mehr zu entdecken, bei der „Freien Selbsthilfe“, diesem wunderbaren und einzigartigen Verein mitten in München. Im ältesten Second-Hand-Laden der Stadt. Kunst, Klamotten, Kitsch und Krempel.

Eine wahre Fundgrube. Sofern man sie findet.

Theresienstraße 66, zwischen Türken- und Barer Straße, eine unscheinbare Hofeinfahrt, kein Hinweis, kein Wegweiser, nichts. Im Hinterhof Parkplätze, Firmenräume, ein Planungsbüro, ein Architekt. Erst beim Treppenaufgang ganz hinten, außen an der Mauer, da hängt ein Schild, dass es zur „Freien Selbsthilfe e.V.“ geht: „Antiquitäten – Schmuck – Kleidung.“ Gibt es oben im zweiten Stock. Das und noch viel mehr.

Dort oben neben dem Eingang, auf einem gewebten Teppich, vor Gläsern und Karaffen aus Kristall, steht eine Illustration. Feldherrnhalle, Theatinerkirche, dahinter ein zerbombtes Haus, vorne am Odeonsplatz eine Handvoll Leute, neben einem Bauwagen. So ging das alles los, 1948, als die Malerin Maria del Pilar, die Tochter des Bayern-Prinzen Ludwig Ferdinand, mit einigen Freundinnen diesen gemeinnützigen Verein gründete. Die Münchner strömten damals zuhauf auf den Odeonsplatz, die materielle Not war groß. Hier konnten sie alles, was den Krieg überstanden hatte, in Kommission geben. Kleidung, Schmuck, Besteck, Möbel, all das – und Geld bekamen sie dann, sobald sich ein Käufer gefunden hatte, oft waren das amerikanische Soldaten.

In den Fünfzigern zog der Verein in eine Pferdestallung im Circus Krone, später dann hierher, in die Theresienstraße 66, versteckt im Hinterhof. Helge Siefert war hier selbst viele Jahre Kundin. Von ihrer Arbeit hatte sie nicht weit, als Kunsthistorikerin leitete sie drüben in der Alten Pinakothek Führungen, organisierte und betreute Ausstellungen, wie etwa die fabelhafte Werkschau des andalusischen Barock-Malers Bartolomé Murillo 2001. Vor vier Jahren, als sie in Pension ging, fing Helge Siefert dann an, sich ehrenamtlich für die Freie Selbsthilfe zu engagieren. Sechs Stunden täglich, bis zu drei Mal die Woche sitzt sie dann an ihrem Schreibtisch, und jeden Tag kommen bei ihr Menschen vorbei, die nicht nur ihr altes Zeug loswerden wollen, sondern auch ihre Lebensgeschichte. „Was man hier hört“, sagt Helge Siefert, „das macht einen auch traurig und nachdenklich.“

Menschen, die allein sind und alt, die keine Erben haben und unter Tränen ihre lieb gewonnenen Erinnerungsstücke abgeben – in der Hoffnung, sie kämen hier in gute Hände. Und Menschen, die arm sind und bedürftig. Die hoffen, ein bisschen Geld zu bekommen. Neulich, sagt Helge Siefert, habe sie erst wieder jemanden sagen gehört: „… dann kann ich mir wenigstens wieder ein Mittagessen leisten.“

Wie hoch der Verkaufspreis ist, das legt Helge Siefert immer selbst fest. Mit ihrer Fachkenntnis ist sie bei den Mitarbeiterinnen die Spezialistin für alle Kunstgegenstände. Den Porzellanhund, den ihr vorhin eine Frau vorbeibrachte, taxiert sie auf 21 Euro. Bei erfolgreichem Verkauf erhält die Dame zwölf Euro, die restlichen neun Euro verbleiben beim Verein. Für Strom, Heizung, Miete. „Übrig“, sagt Siefert, „bleibt uns da nichts.“

Manchmal verbergen sich auch kleine Preziosen hinter vermeintlich wertlosem Krempel. Weil sie in der Pinakothek einmal eine Ausstellung über die Malerei der Wittelsbacher in der Romantik kuratierte, erkannte sie ein Werk aus jener Zeit, für das die Besitzerin in Unkenntnis nur mit ein paar Euro rechnete. Das Gemälde ging für 400 Euro weg.

Manches geht auch billiger her. Die alte Brandt-Zwiebackdose, Nummer 14-1129/B, gibt es schon für einen Fünfer. Und mittendrin, rein preislich, liegt in dieser schönen Schatzkammer für 83 Euro der Königssee.

Der Königssee, der keiner ist.

Florian Kinast

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