Ärger wegen zu geringer Miete

Miet-Drama in München: Anwohner in der Maxvorstadt fürchten um ihre Wohnungen

Lukas Johannes Garbellotti vor seinem Wohnhaus
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Kämpft gegen Ungerechtigkeit: Mieter Lukas Johannes Garbellotti vor dem Haus in der Maxvorstadt.

Ärger wegen zu günstiger Mieten – das gibt es. So absurd es auch klingt, genau aus diesem Grund hat ein Vermieter in der Maxvorstadt seine Immobilien verkauft. Die Mieter fürchten jetzt um ihre Zukunft.

München - Die Mieter in einem Wohnkomplex in der Maxvorstadt* haben Angst. Angst davor, dass sie sich bald neue Wohnungen suchen müssen, da sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Und das, weil ihr Vermieter über Jahre zu wenig Miete verlangt haben soll. Klingt absurd, ist aber so.

„Das ist einfach nur unfair“, schimpft Lukas Johannes Garbellotti (30), einer der Anwohner. Er fragt sich: „Warum werden auf einer Seite in München* günstige Mieten gefordert und andererseits wird die Umsetzung vom Gesetz verhindert?“ Für seine 21,5 Quadratmeter große Wohnung bezahlt der selbstständige Unternehmer beispielsweise im Monat 430 Euro warm, also 20 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Laut Wohnungsmarktbarometer 2020 lag die Kaltmiete in der Maxvorstadt für vergleichbare Apartments durchschnittlich bei 26,51 Euro pro Quadratmeter.

München: Zu billige Wohnungen? Der Experte erklärt die Gesetzgebung

Doch mit der relativ günstigen Miete ist bald Schluss. Denn Anfang des Jahres hat der Vermieter Post vom Finanzamt bekommen. Er habe keine Gewinnabsicht und müsse teurer vermieten, ansonsten sei das Liebhaberei. Ihm drohten wohl hohe Steuernachzahlungen.

Wer zu wenig Miete verlangt, kriegt Ärger vom Finanzamt. So besagt es das Steuergesetzbuch. Nach Paragraf 21, Absatz 2 muss die Miete mindestens 50 Prozent des ortsüblichen Mietspiegels betragen (bis Ende 2020 waren es sogar 66 Prozent). Ansonsten kann der Vermieter die Werbungskosten wie etwa Reparaturen und Abschreibungen nur anteilig abrechnen.

„Die Fälle nehmen deutlich zu“, sagt Rudolf Stürzer, Vorsitzender von Haus und Grund. Ursprünglich wurde der Paragraf für Gefälligkeitsmieten zwischen Verwandten geschaffen, aber immer mehr Fremdmietverhältnisse fallen darunter, da die Mieten insgesamt gestiegen sind. Wer da nicht mitgeht, fällt plötzlich unter die Grenze – „und fällt aus allen Wolken, wenn sich das Finanzamt meldet“, sagt Rechtsanwalt Stürzer.

Er ordnet ein: „Für viele private Vermieter, die sozial handeln – und das sind mehr als man meint – ist es ein Dilemma.“ Entweder sie müssen die Mieten erhöhen oder draufzahlen. Zudem kritisiert Stürzer, dass das Finanzamt offensichtlich einen eigenen Mietspiegel habe, der nicht veröffentlicht werde. Er fordert: „Der Paragraf muss weg.“

München: Mieter fürchten um ihre Wohnungen

Dem Vermieter von zwei Wohnblöcken und einem Hinterhaus mit insgesamt 35 Wohnungen und drei Gewerbeeinheiten in der Maxvorstadt aus dem Jahr 1958 wurde es schließlich zu viel, berichten Mieter. Er verkaufte die Immobilien. Per Post wurden die Hausbewohner darüber informiert. Der Vermieter wollte sich auf Anfrage unserer Zeitung zu dem ganzen Ärger nicht weiter äußern.

Wie es nun weitergeht, weiß Garbellotti nicht. Eines scheint aber klar: Die günstige Miete ist Geschichte. Manche Anwohner schauen sich schon nach neuen Wohnungen um. Sie befürchten, es sich hier bald nicht mehr leisten zu können. In den Häusern wohnen nämlich Menschen aus verschiedenen Nationen und Gesellschaftsschichten. Eine richtige Gemeinschaft, wie Garbellotti berichtet.

Die meisten Mieter leben schon viele Jahre in der Wohnanlage, Garbellotti selbst seit 2011. Hofflohmärkte, gemeinsame Feste, zusammen kochen – all das gehört mit dazu. Es habe sich sogar eine Segelgruppe gebildet, die regelmäßig zum Ammersee fahre, erzählt der selbstständige Unternehmer. Doch das menschliche Miteinander – ohnehin eine Seltenheit in der Großstadt – könnte schon bald Geschichte sein. - Noch mehr Nachrichten aus München lesen Sie hier. *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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