Kritik an Bau und Konzept

NS-Dokumentationszentrum: tz blickt auf die Fakten

Am 30. April 2015 öffnet das NS-Dokumen­tationszentrum nähe des ­Königsplatzes.

München - Am Mittwoch geht's im Stadtrat ums NS-Dokumentationszentrum. Für den Bau und das Konzept für den Lern- und Erinnerungsort hagelt es Kritik. Die tz hat die Fakten zusammengefasst:

Am Mittwoch wird der Stadtrat die Personal- und Sachmittelkosten für das NS-Dokumentationszentrum absegnen – und somit den letzten Weg freimachen für die Eröffnung, die auf den 30. April 2015 verschoben wurde, genau 70 Jahre nach dem Einmarsch der US-Truppen in München. Kritik gab es im Vorfeld reichlich – etwa um die Entlassung der ursprünglichen Direktorin Irmtrud Wojak. Die wollte stärker und kritischer beleuchten, warum gerade München zur „Hauptstadt der Bewegung“ werden konnte, warum gerade hier die braune Ideologie auf besonders fruchtbaren Boden fiel.

Zwei Untergeschosse wird das neue Haus besitzen – darin ist Platz für Auditorium, Cafeteria und einen Lernbereich.

Jetzt wird alles ein bisserl weichgespülter – das Kulturreferat begründet das in seiner Sitzungsvorlage so: „Das NS-Dokumentationszentrum München richtet sich an Erwachsene und Jugendliche ohne besondere Vorkenntnisse.“ Kritiker sehen dieses Konzept allerdings eher als ein in ihren Augen typisches Münchner Heile-Welt-Heiteitei: Man will die Touristen nicht über Gebühr verschrecken und die Schattenseiten nicht gerade jedermann sofort auf die Nase binden.

NS-Dokumentationszentrum: Kritiker sprechen von 08/15-Baustil

tz-Stichword "Braunes Haus":

Genau an der Stelle, wo das NS-Dokuzentrum gebaut wird, stand von 1930 bis 1945 die Parteizentrale der NSDAP, das „Braune Haus“ – in der Brienner Straße nahe dem Königsplatz. Die Nazis hatten das einstige Palais Barlow für rund 800 000 Goldmark gekauft. Die Entwürfe zum Umbau stammten von Hitler. 1945 wurde das Gebäude zerbombt. Den Beschluss, hier das Dokuzentrum zu bauen, hatte das bayerische Kabinett vor neun Jahren gefasst.

Wasser auf die Mühlen dieser Kritik ist ja schon die Architektur des Baus: Was die Befürworter als Kontrapunkt zu den Bauten ringsrum auffassen, sehen andere als typisches Beispiel eines banalen, austauschbaren 08/15-Baustils, der jeder Versicherung oder Unternehmensberatung gerecht würde. Mehr zu diesem Thema lesen Sie im Kommentar unten.
Den gewichtigsten Raum, auch örtlich, bildet die Dauerausstellung in den oberen Stockwerken. Hier sollen etwa typische Münchner Biografien der Zeit unter die Lupe genommen werden. Nach unten hin, über dem Foyer und dem Shop, schließen sich Wechselausstellungen an, die „vor allem Bildungs- und Vermittlungsprogramme sowie Veranstaltungen“ anbieten sollen, heißt es in der Vorlage.

Weitere Zahlen und Fakten für den Lern- und Erinnerungsort:

  • Die Projektkosten belaufen sich auf 28,2 Millionen Euro. Ein Drittel zahlt die Stadt München, ein Drittel der Bund und ein Drittel der Freistaat Bayern.
  • Für den baulichen Unterhalt und den Betrieb steht die Stadt München in der Pflicht.
  • Die zahlungswirksamen Kosten (etwa Leistungsverrechnung, kalkulatorische Kosten, Rückstellungen für u.a. Pensionen) betragen heuer 2,431 Millionen Euro, nächstes Jahr in der „heißen Phase“ zu Beginn der Eröffnung 3,921 Millionen Euro und in den kommenden Jahren jeweils 3,601 Millionen Euro. Rund zwei Fünftel davon entfallen aufs Personal, drei Fünftel auf Sachleistungen.
  • Der Stadtrat hat fürs Personalbudget 1,405 Millionen Euro bereitgestellt. Hier soll für 2014 nochmals um 173.500 Euro aufgestockt werden.
  • Die Betriebskosten (z. B. Wasser, Strom) werden mit 350.000 Euro pro Jahr beziffert, die Wartungskosten mit 60.000 Euro.
  • Der Bauunterhalt beträgt pro Jahr 262.000 Euro.
  • Geöffnet wird dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr sein. Seminarprogramme, insbesondere für Schulklassen, finden zwischen 9 und 18 Uhr statt.
  • Geschlossen ist außer montags an den gesetzlichen Feiertagen.
  • Fachspezifische Veranstaltungen können tagsüber, aber auch von 19 bis 22 Uhr über die Bühne gehen.
  • Die Dauerausstellung soll in 60 bis 90 Minuten zu bewältigen sein und beschäftigt sich ­u.a. mit den Fragen Was geht mich das heute an? oder Warum München? Derzeit wird der letzte Feinschliff verpasst.
  • Im zweiten Untergeschoss entsteht eine Cafeteria, im Erdgeschoss ein Buchladen. Die Öffnungszeiten entsprechen denen des Hauses.
  • Das Dokuzentrum hat keine Sammlung von Originalen und wird auch keine besitzen. Hierfür ist also kein Ankaufsetat vorgesehen.

Matthias Bieber

Kommentar: Der nächste Bau ohne Gesicht

Wie geht München mit seiner braunen Vergangenheit um? Die Stadt, Touristenmagnet aus aller Welt, berühmt für ihre Gastfreundschaft, ihre Biergärten, ihre Herzlichkeit und jene idyllische Dörflichkeit, die bei aller Pracht und aller Kultur so sympathisch hervorlugt? Die einen sagen: Mit dem NS-Dokumentationszentrum tun wir ja endlich etwas! An zentraler Stelle, genau da, wo früher die Parteizentrale der NSDAP stand. Schon richtig, aber: Die Pläne und Vorschläge für ein derartiges Lern- und Erinnerungszentrum, wie die Stadt das nennt, gibt es schon seit Jahrzehnten. Und, viel schlimmer: Was, um alles, hat man sich da wieder für eine Architektur ausgedacht? Das Gebäude, das Sie noch im Bau an der Briennerstraße nahe der Arcisstraße sehen können, könnte für einen x-beliebigen Immobilienmakler, für eine Unternehmensberatung, für ein Kreditinstitut sein. Da wird wieder ein völlig belangloser, beliebiger Klotz hingestellt, der mehr über München sagt, als uns lieb sein dürfte. Es drängt sich der Gedanke auf: Klar, wir gedenken! Wir erinnern! Wir mahnen! Aber das machen wir möglichst im stillen weißen Würfel-Kämmerlein. Lieblos wirkt dieses so wichtige Haus – und noch schlimmer: respektlos.

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