Polizei-Serie über München

PI 12 - Maxvorstadt: Im Revier der jungen Leute

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Ein bisserl stolz san’s schon: PI-Chef Stephan Funk (3. v. li.) mit seinen Kollegen und den beiden Damen der Verkehrsüberwachung (re.).

Der Münchner Merkur und die tz starten ihre große Serie über die Münchner Polizei. Brennpunkte, Schwerpunkte und kuriose Fälle: Wir haben das für jedes Viertel zusammengefasst. Folge 1: Maxvorstadt.

Es war schon immer das Drama der Maxvorstadt, dass sie ständig mit Schwabing verwechselt wird. Doch darüber können sie nur milde lächeln – die 120 Polizisten der PI 12 in der Türkenstraße 20. Denn sie wissen: Ihr Revier mit der ehrwürdigen Universität, den Museen, Konsulaten, Ministerien und auch den geschichtsträchtigen Stätten aus der NS-Zeit verkörpert dennoch das junge, intellektuelle und fröhliche Gesicht der Großstadt. Die tz und der Münchner Merkur durften den Leiter der PI 12, Polizeidirektor Stephan Funk, und seine Kollegin, Polizeioberkommissarin Anna Mirlach, auf ihrer Streifenfahrt durch das Viertel begleiten. Und mit den Augen der Polizisten Brennpunkte besichtigen, über Ärgerlichkeiten staunen und verborgene Attraktionen bewundern.

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern

Nach dem fünften Einbruch in seine Imbiss-Hütte „Fräulein Grüneis“ nahe der Eisbachwelle im Englischen Garten hatte es Gastronom Henning Duerr (47) satt. Er montierte Kamera und Bewegungsmelder – mit Erfolg. Beim letzten Mal fassten Beamte der PI 12 einen Täter. Den Spinner, der mit boshafter Regelmäßigkeit den Anti-Rassismus-Aufkleber auf der Tür zerkratzt, sucht Duerr noch: „Nur zu. Ich habe 70 Stück davon. Die werden immer wieder ersetzt.“

Gastronom Henning Duerr hat immer wieder Ärger mit Einbrechern und Vandalismus. Hier zeigt er Polizeidirektor Stephan Funk und Oberkommissarin Anna Mirlach, wie er mit Kameras und Bewegungsmeldern aufgerüstet hat

26 Geschäftsleute beklagten im Jahr 2015 Einbrüche in ihre Läden. Oft ist der Schaden viel höher als die Beute, was die Sache besonders ärgerlich macht. In der Maxvorstadt soll es einen Wirt geben, der nach diversen Einbrüchen nun zurückschlägt. Er stellte eine Tresorattrappe ins Büro. Inhalt: Ein Stein und ein Zettel mit Verwünschungen in vielen Sprachen.

Opfer machen es den Dieben viel zu leicht

Das eigentliche Problem im Englischen Garten, in der Universität und in den Kneipen sind Diebstähle. Wobei es viele Opfer den Dieben allzu leicht machen. 20.000 Besucher strömen an schönen Tagen täglich in den Park. „Wer da iPhone und Geldbeutel unters Badehandtuch legt und eine halbe Stunde im Eisbach verschwindet, darf sich nicht wundern, wenn alles weg ist“, sagt Pilizeidirektor Stephan Funk, der Leiter der PI 12. Das gilt auch für die Studenten, die ihre Rucksäcke oft unbeobachtet in der Uni liegen lassen. 800 einfache Diebstähle und Ladendiebstähle nahm die PI 12 im Jahr 2015 zu Protokoll, dazu 50 Keller-, Garagen- und Automatenaufbrüche und 265 Fahrraddiebstähle. 35 Mal rückten die Beamten zu Einsätzen mit dem Stichwort „Häusliche Gewalt“ aus. Glücklicherweise stand am Ende oft eine Versöhnung. Einbrüche in Wohnungen (30 Fälle), Sexualdelikte (37), Raubüberfälle (19), und Körperverletzungen inklusive der Schlägereien (359) sind Delikte, die die Bürger beunruhigen.

Brennpunkt Alter Botanischer Garten: Hier kontrollieren die Polizisten oft mehrmals am Tag.

Schwere Verbrechen wie die Schießerei an der Zentnerstraße und die kürzlich aufgeklärte Vergewaltigung einer Studentin in einer Toilette der Universität geschehen selten. Aber wenn, dann fordern sie unter Umständen fast die ganze Inspektion: „Da bleiben wir dran. Wenn es sein muss auch monatelang“, sagt der Inspektionsleiter. Letzter Erfolg: Die Klärung der Diebstahlsserie an der Uni, die Ende Februar zur Festnahme des bundesweit aktiven Serientäters Silvio L. (40) führte.

Internationaler Mikro-Kosmos am Hauptbahnhof

Jenseits der eleganten Altbauviertel gehört auch der untere Teil der Dachauer Straße mit seinen Bars, Spielsalons und Restaurants aller Herren Länder zum Inspektionsbereich. Ein internationaler Mikro-Kosmos, „der aber kein großes Problem darstellt“, wie Funk sagt. Seitdem am Hauptbahnhof scharf kontrolliert wird, beobachtet er aber einen Verdrängungseffekt der Trinker-und Drogenszene, und zwar in den Alten Botanischen Garten. 

Ein Ort, den Münchner Bürger zumindest nachts mittlerweile meiden. Zuweilen beschweren sich auch die Geschäftsleute rings herum, das Gymnasiums gegenüber und die Bewohner der Luxus-Immobilien in den Lenbachgärten nebenan. 325 Delikte, darunter 31 Körperverletzungen und 250 Rauschgiftdelikte (überwiegend Marihuana und Haschisch), wurden allein hier im Jahr 2015 festgestellt. An keiner anderen Stelle der Stadt treffen Arm und Reich so unmittelbar aufeinander. Wer Millionen für ein City-Penthouse zahlte, erträgt wohl kein Elend vor der eigenen Tür – was auch für die andere Seite am Kloster St. Bonifaz an der Karlstraße gilt, wo täglich die Armen gespeist werden. Funks Kollegin, die Polizeioberkommissarin Anna Mirlach erzählt: „Dort fühlte sich eine Anwohnerin sexuell belästigt, weil sich ein Obdachloser in der Unterhose am Brunnen wusch. Schwierig.“

Bilder: Mit der Polizei auf Streife in der Maxvorstadt

Problemfall: Alter Botanischer Garten

Dennoch: das Problem Alter Botanischer Garten ist unübersehbar und muss gelöst werden. Die meisten der 37 angezeigten Sexualdelikte in der Maxvorstadt, darunter sieben Vergewaltigungen, von denen zwei in überfallartiger Weise passierten, geschahen 2015 hier, ebenso wie ein Großteil der Raubüberfälle im Park und der Umgebung. Den Polizisten, die anderswo im Viertel willkommen sind, geht man hier demonstrativ aus dem Weg: Bei unserem Rundgang verließen einige Männer sofort den Park, ebenso drei osteuropäische Damen, die den Männern gerade eben noch eindeutig zweideutige Angebote gemacht hatten.

Alter Botanischer Garten: Ein Brennpunkt für das Revier.

Brennpunkte Botanischer Garten und Raserei

Stephan Funk sucht jenseits häufiger Polizeipräsenz nach Lösungen: „Wir haben der Stadt vorgeschlagen, einige Bänke zu entfernen, Büsche zu lichten, das Rote-Ring-Kunstwerk mal wieder zu streichen und den Platz aufzuwerten, um diesen schönen Garten für die Bürger wieder attraktiv zu machen. Ich könnte mir hier auch Jazzkonzerte vorstellen.“

Ein weiterer Brennpunkt ist die ständige Raserei auf der Ludwigstraße und im Altstadttunnel, wo sich im Jahr 2016 fünf schwere Unfälle mit schnellen Autos – Maserati, Porsche und Co. – ereigneten. Einer der Boliden wurde sogar in den Gegenverkehr geschleudert. Warum immer hier? „Wir denken, dass die breite Tunneleinfahrt Sicherheit suggeriert und mangels stationärer Kamera-Überwachung zu massiver Beschleunigung verführt“, sagt Funk. In den Tunnel wird bald als erste Maßnahme eine Mittelwand eingezogen, auch wegen der Brandgefahr. 

Fahrt durch den Altstadt-Tunnel – ein Ort gefährlicher Rasereien.

Die einzige Waffe gegen die Raser ist derzeit der Laserstrahl, den die Polizisten aus der Türkenstraße so oft wie möglich einsetzen. Im Altstadttunnel sowieso, und unter anderem auch auf der Ludwigstraße, bei der nur der Anblick der Polizisten einen Lieferwagenfahrer daran hindert, bei Dunkelrot über die Kreuzung zu preschen. Die Vollbremsung wird ihn einen guten Teil seines Reifenprofils gekostet haben. Im Vorbeifahren grinst er breit. Die PI 12 bearbeitete im Jahr 2015 rund 2500 Unfälle mit einem Toten und 400 Verletzten. Die Hälfte der Verletzten waren Radler. Die geraten nicht nur mit anderen Verkehrsteilnehmern aneinander, sondern stürzen über Bordsteinkanten, Poller und Trambahnschienen.

Radl-Hauptstadt München – hier an der Universität an der Ludwigstraße.

Parkraum ist in der Maxvorstadt rar wie Gold: Knapp 200 Strafzettel heften die Damen der Verkehrsüberwachung der PI 12 jeden Tag an die Scheiben der Parksünder – macht 70 000 im Jahr. Und noch eine Zahl: Die Schandis aus der Maxvorstadt leisten jährlich 35 000 Stunden Objektschutz vor Konsulaten, Ministerien und gefährdeten Institutionen – ein eintöniger Job, der höchste Aufmerksamkeit verlangt.

Weg von den Problemzonen - hin zu einem architektonischen Kleinod, das die meisten Münchner trotz der Nähe zum Königsplatz wahrscheinlich nicht kennen. Die in Teilen fast 120 Jahre alte historische Häuserfront der Richard-Wagner-Straße ist nur einer von vielen Schätzen der Maxvorstadt, die Stephan Funk so liebt: „In einem Stadtführer habe ich gelesen: Viele Münchner kennen die Maxvorstadt gar nicht. Aber sie würden sie furchtbar vermissen, wenn es sie nicht mehr gäbe. Genauso ist es!“ Und da wären noch zwei Punkte, die hiermit offiziell geklärt wären: „Die Grenze der Maxvorstadt ist die Georgenstraße. Und das Siegestor gehört zu uns.“ Genau!

Da rührt sich was: In diesem Gebiet gab’s 2015 rund 1000 Einsätze

17.000 Einsätze bearbeitete die Polizeiin­spektion 12 in der Maxvorstadt im Jahr 2015. Das entspricht etwa 46 Einsätzen pro Tag. Das dicht bewohnte Einsatzgebiet umfasst 5,34 Quadratkilometer mit 55.000 überwiegend gut situierten Einwohnern aller Altersgruppen und Nationen. Das Bild der Maxvorstadt wird geprägt von 100.000 Studenten, die sich täglich fast rund um die Uhr in dem lebendigen Viertel und seinen rund 500 trendigen Kneipen, Restaurants, Bars, Eisdielen, Geschäften und Studenten-Feten tummeln. Und das schlägt sich in den Einsatzzahlen nieder: Über 5100 Mal riefen Bürger allein wegen Ruhestörungen, Verkehrs- und Parkbehinderungen sowie leichten Verkehrsunfällen an.

Das Gebiet der Inspektion 12 umfasst die Maxvorstadt inklusive kleiner Teile des Lehels und Schwabings mit dem Elisabethmarkt sowie den Südteil des Englischen Gartens vom Hofgarten bis zum Isarring. Die östliche Grenze ist die Isar – genau bis an die Wasserlinie. Im Westen endet das Revier mit der Schleißheimer- und Dachauer Straße inklusive des Alten Botanischen Gartens. Das Museumsviertel, der Königsplatz, das NS-Dokumentationszentrum, die Open-Air-Events im Sommer, Universität, Siegestor sowie die Eisbach-Surfer an der Prinzregentenstraße ziehen jährlich Zehntausende Touristen an. Dazu begleitet die Inspektion jedes Jahr zahlreiche politische Veranstaltungen und Versammlungen.

„Hochzufrieden mit der Polizei“: Familie von Dall’Armi feiert den 50. Geburtstag von Vater Andreas mit einer Kutschfahrt.

Das sind die weiteren Folgen

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik

Perlach: Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Trudering-Riem: In der Messestadt trifft sich die Welt. Auch ein Ort sozialer Spannungen.

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig – auch bei der Polizei.

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen.

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte.

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem.

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei.

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