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Wie sicher sind die Bahnsteige?

Blinder ins Gleis gestürzt und getötet: Jetzt spricht die Kollegin von Boris

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Boris Gil (links) stürzte am Josephsplatz ins U-Bahn-Gleis. Ein Zug erfasste ihn – die Verletzungen waren am Ende tödlich.

Nach einem Unfall am Josephsplatz ist der blinde Münchner verstorben. Er war ins Gleis gestürzt. Sein Tod ist ein Schock für Freunde und Angehörige. Und es stellt sich die Frage: Ist die U-Bahn sicher für Sehbehinderte?

München - Freundlich. Liebenswert. Und vor allem: herzensgut. „Boris war der netteste Mensch, den ich kannte“, sagte Steffi Dollmann (24). War. Was für ein schlimmes Wort. Nie wieder wird Steffi ihren Kollegen treffen, nie wieder sein Lachen hören. Nach einem Unfall am Josephsplatz (Schwabing) ist der blinde Münchner verstorben. Steffi kann es noch nicht fassen: Man spürt ihre tiefe Trauer, wenn sie von Boris erzählt…

„Anfangs dachte ich: Warum nur hat ihm niemand geholfen?“, sagt Steffi. Boris Gil († 41) war ins Gleis gestürzt – möglicherweise, weil er die Rillen am Bahnsteig mit seinem Blindenstock nicht richtig ertastet und das Gleichgewicht verloren hatte. Danach hatte Boris keine Chance mehr. Sich aus eigener Kraft aus dem Gleis hochzuziehen: Das hatte er nicht geschafft – ihm fehlte die Orientierung. Außerdem war er am Anfang des Bahnsteigs ganz alleine gewesen, andere Passanten standen viele Meter entfernt in der Mitte. „Es hat ihn wohl niemand bemerkt“, sagte Steffi. Fraglich ist auch, ob andere Fahrgäste überhaupt hätten helfen können. Denn schon nach wenigen Sekunden fuhr die U-Bahn ein. Obwohl der Fahrer stark bremste, kam der Zug nicht mehr rechtzeitig zum Stehen. Bei dem Zusammenprall wurde Boris in den Schutzraum unter der Bahnsteigkante geschleudert und dabei schwer verletzt. Drei Tage später erlag er dann in der Klinik seinen Verletzungen.

„Er war sehr gläubig, voller Nächstenliebe“

Es ist ein Schock für seine Freunde und Angehörigen! „Wir werden Boris für immer vermissen“, sagt Steffi. „Er war sehr gläubig, voller Nächstenliebe und hat immer zugehört.“ Seit drei Jahren kannte sie ihn. „Wir sahen uns jeden Morgen bei der Arbeit, gingen gemeinsam frühstücken oder einkaufen.“ Beim Deutschen Patentamt waren beide im Kundenservice tätig. Der perfekte Job für Boris, der seit seiner Kindheit sehbehindert war: Hier konnte er mit seiner lebensfrohen Art und großer Fachkenntnis Tausenden von Anrufern weiterhelfen.

Am 30. Dezember war Boris im Stress, glaubt Steffi. „Er wollte mit einem Freund in Regensburg Silvester feiern.“ Von seiner Wohnung am Josephsplatz aus war er er zur U-Bahn gegangen, um zum Hauptbahnhof zu fahren. Steffi: „Um 13.43 Uhr ging sein Zug.“ Doch Boris kam nie an.Morgen wird er auf dem Westfriedhof beerdigt.

So erlebt ein Blinder die U-Bahn

Was genau war die Ursache für Boris’ Tod? Warum hat er die Orientierung verloren? Auch der Telefonist Florian Hörterer (33, Foto oben) ist blind – und er erklärt uns, was in der­U-Bahn tückisch sein kann. Er sagt: „Ich denke, mit einem Blindenhund wäre dieser Unfall nicht passiert. Der Hund weiß, wann er gehen und wann er stehen muss. Allein mit dem Stock ist das wesentlich schwieriger. 

Florian Hörterer mit seinem Hund.

Ich würde sagen: In fast 50 Prozent der Fälle sind die Rillen nicht besonders gut und deshalb schwer zu ertasten. Oft stehen auch andere, sehende Fahrgäste zur Rushhour in genau diesem Bereich. Dann kann der Blinde gar nichts ertasten.“ Immer wieder, so Hörter, gelangten Steinchen und Schmutz in die Rillen – deshalb werde es schwieriger, sie zu ertasten. Die Münchner Verkehrsgesellschaft konnte auf eine tz-Anfrage gestern Nachmittag keine unmittelbare Antwort geben, Sprecher Matthias Korte betonte aber, dass die Bahnhöfe regelmäßig gereinigt würden. Hörterer betont auch, dass in Sachen Sicherheit Einiges passiere. Zum Beispiel seien die neuen Bahnen sicherer als die alten: „Die sind durchgängig, da gibt es keine Zwischenräume zwischen den Wagen.“

Kann Technik schützen?

Der Tod Boris Gils (41) hat viele Herzen gebrochen. Und er wirft eine gärende Frage auf: Wäre der Unfall vermeidbar gewesen? Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) fordert jedenfalls Verbesserungen in Sachen Sicherheit. Stefan Insam, stellvertretender Landesvorsitzender des BBSB, kritisiert: „Wir können uns nicht damit abfinden – gerade nach solchen Ereignissen –, dass die Münchner Verkehrsgesellschaft und die Stadt München aus Kostengründen auf eine rasche Gefährdungsbehebung verzichten. Wir fordern deshalb die Umsetzung von Bahnsteig­türen.“ Matthias Korte, Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) sagt: „Wir haben ausführlich erprobt und sogar mit Radar, Laser, Video drei unterschiedliche Systeme getestet. Ergebnis war, dass keines der Systeme praktikabel ist.“ Korte betont: „Die Münchner U-Bahn ist sicher. Auch die S-Bahn oder die Eisenbahn sind nicht mit einem System zur Gleisraumüberwachung ausgestattet. Letztere kann auch nicht jeden Vorfall verhindern. Sie wäre allerdings eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung.“

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