Firma aus Martinsried entwickelt Hoffnungsträger

Kampf gegen Corona: Medikament aus Bayern soll Virus überlisten

Im Kampf gegen Corona gelten Impfstoffe als wichtigste Waffe. Medikamente spielen noch kaum eine Rolle – weil es keine wirklich wirksamen gibt. Doch das soll sich mit bayerischer Hilfe bald ändern. Die Firma Formycon aus Martinsried hofft, mit dem Medikament „FYB207“ alle Coronavirus-Varianten austricksen zu können.

Der Hoffnungsträger heißt „FYB207“. Der Name klingt nach Reagenzglas, aber die Geburt des Medikaments ist eine Geschichte aus dem wahren Leben. Sie beginnt am 22. März 2020 – sechs Tage, nachdem Ministerpräsident Markus Söder wegen Corona den Katastrophenfall ausgerufen hat. Dr. Carsten Brockmeyer ist gerade auf dem Isarradweg unterwegs, hier strampelt sich der Freisinger gerne den Stress von der Seele. „Beim Radeln kann ich gut nachdenken“, sagt der Vorstandschef der Formycon AG, einer Biotech-Firma mit Sitz in Martinsried.

Kerstin Schreyer (li.) ist Bayerns Ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr und regelmäßig in ihrem Stimmkreis unterwegs. Bei ihrem Besuch bei Formycon ließ sie sich erklären, wie das neue Medikament wirken soll.

Viele Menschen machen sich beim Radeln Gedanken über Gott und die Welt. Brockmeyer hat meist Moleküle im Kopf. Während seiner Isarrunde sinniert der vielfach ausgezeichnete Biologe, wie ein Medikament gegen das Virus wirken könnte. Die zündende Idee kommt ihm irgendwo zwischen Seilerbrückl und Achering: „Wir brauchen ein langwirksames ACE2-lgG-Fc Fusionsmolekül!“ Was für den Laien nur Fachchinesisch ist, setzt Brockmeyer unter Strom.

Kampf gegen Corona: Neues Medikament soll Virus überlisten

Sofort mailt er Johannes Buchner an, einen langjährigen Weggefährten. Und er holt Professorin Ulrike Protzer ins Boot, die Chefvirologin des Uniklinikums rechts der Isar. Buchners Anruf ereilt sie beim Einkaufen in der Metro, ihre Antwort kommt schneller als das Kassenband: „Klingt spannend, ich bin dabei.“

Knapp ein Jahr später sitzt das Trio wieder beisammen, in der Formycon-Zentrale in Martinsried. Brockmeyer hat Staatsministerin Kerstin Schreyer (CSU) eingeladen, um die spektakulären Zwischenergebnisse der Forschungsarbeit zu präsentieren. Die wichtigste Botschaft des Wissenschaftler-Trios: Ihr gemeinsames Baby FYB207, so der Arbeitstitel des Medikaments, wirke gegen Corona – auch gegen die gefürchteten Mutationen. „Bei allen Virus-Varianten, die wir momentan kennen, funktioniert das Medikament wunderbar“, erläutert Virologin Protzer. Allerdings bislang nur „in vitro“, wie Wissenschaftler sagen, also unter Laborbedingungen.

Hier in Martinsried forscht Formycon seit 2012 – eigentlich an Nachahmerprodukten, sogenannten Biosimilars.

Jetzt sollen klinische Studien den Beweis liefern, dass FYB207 auch bei der Behandlung von Menschen die hohen Erwartungen erfüllt – ohne gravierende Nebenwirkungen. Läuft alles glatt, könnte das Mittel Anfang 2022 auf den Markt kommen und viele Leben retten.

„Das Medikament wirkt bei allen Virus-Varianten“

„Je aggressiver das Virus ist, desto besser wirkt das Medikament“, erklärt Buchner. Es verhindert durch einen biotechnologischen Trick, dass der Erreger die Körperzelle überhaupt angreifen kann.

Jedes Coronavirus braucht ein Eiweiß auf der Oberfläche der menschlichen Zelle, um andocken, in sie eindringen und sich darin vermehren zu können. Auf diese Weise kann sich ein einzelnes Virus über 10 000 Mal in einer Zelle vervielfältigen. Dieses Schlüssel-Protein der Zelle heißt ACE2 und „sitzt vermehrt auf Zellen im Rachenbereich und in der Lunge, auch auf Gefäß- und Nervenzellen. Corona kidnappt die Zelle praktisch über das ACE2-Protein“, erläutert Brockmeyer.

Formycon-Chef Carsten Brockmeyer kam die Idee für das neue Corona-Medikament beim Radeln an der Isar.

Um dies zu verhindern, stellen die Forscher ACE2 im Labor her und kombinieren es molekularbiologisch mit einem Antikörperabschnitt. Dies erlaubt es, das Virus unschädlich zu machen und mit Hilfe des Immunsystems zu zerstören. Es dockt nämlich an diese sogenannten Fusionsmoleküle an. Vereinfacht erklärt: Das Virus geht dem Medikament in die Falle, kommt gar nicht an die Zelle heran und wird vom Immunsystem entsorgt. „Entscheidend dabei ist, dass unser Fusionsprotein über viele Stunden im Körper bleibt und wirkt. Das ist uns bei FYB207 gelungen“, sagt Brockmeyer.

Medikament gegen Corona: Noch fehlen Studien zu möglichen Nebenwirkungen

Ein Plan, der auch den Freistaat überzeugt. Er fördert das Formycon-Projekt mit mehreren hunderttausend Euro und hat weitere Mittel in Aussicht gestellt. Von den Zwischenergebnissen zeigt sich Ministerin Schreyer beeindruckt – und hakt gleich nach, ob sich ihre zuständigen Kollegen vorab genügend Dosen des Medikaments gesichert hätten. Sie will verhindern, dass es läuft wie bei den Impfstoffen. Schreyer formuliert es diplomatisch: „Nicht, dass uns wieder andere Länder, die etwas dynamischer agieren, zuvorkommen.“ Zunächst müssen die Formycon-Wissenschaftler aber noch an den Feinheiten von FYB207 tüfteln.

Seit 2012 forscht die Formycon AG in Martinsried im Südwesten von München. Der Planegger Ortsteil gilt als Herzkammer der deutschen Biotechnologie. Ministerpräsident Markus Söder nennt das beschauliche Würmtal „das Biovalley in Deutschland“ – und reagierte prompt, als ihn das Unternehmen vergangenes Jahr um Forschungsmittel bat. Ein Leuchtturm-Medikament aus Bayern für die ganze Welt – das wäre ganz nach Söders Geschmack. Alleine könnte Formycon nach eigenem Bekunden den weiteren Entwicklungs- und Zulassungsprozess nicht stemmen – obwohl die Firma in den letzten Jahren auf 130 Mitarbeiter angewachsen ist und den Umsatz jedes Jahr um etwa 25 Prozent gesteigert hat.

Kampf gegen Corona: Impfstoffe machen Medikamente nicht überflüssig

Vor Corona war das Unternehmen auf sogenannte Biosimilars konzentriert. Das sind Nachfolgeprodukte erfolgreicher, bereits zugelassener biopharmazeutischer Arzneimittel, die vor allem zur Behandlung schwerer und chronischer Erkrankungen wie Krebs, Rheuma oder Multiple Sklerose eingesetzt werden. Hier laufen zunehmend Patente aus und es kommen Mittel mit derselben Wirkweise wie die Originalpräparate auf den Markt. Biosimiliars spülten allein 2019 zwölf Milliarden Dollar in die Kassen der Hersteller, bis 2025 soll der Umsatz auf 69 Milliarden steigen.

FYB207, das Mittel gegen das Coronavirus, soll nun das Portfolio der bayerischen Firma krönen. Doch hinter der Hoffnung steht auch ein Fragezeichen: Kommt das Medikament – selbst, wenn es Anfang 2022 die erhoffte Notfallzulassung erhält – nicht zu spät? Schließlich werden dann bereits viele Menschen geimpft sein. Laut Brockmeyer kein Problem: „Impfstoffe sind zwar eine wichtige Säule im Kampf gegen Corona“, sagt der Formycon-Chef, „aber das Virus wird trotzdem nicht verschwinden.“ Es werde immer Menschen geben, die sich infizieren und ohne effektive Medikamente in Lebensgefahr sind.

Rubriklistenbild: © Markus Götzfried

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