Chefarzt Dr. Clemens Wendtner analysiert

Coronavirus: Münchner Experte macht Hoffnung - Ein neues Medikament wird getestet

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Zählt zu Deutschlands führenden Corona-Experten: Professor Dr. Clemens Wendtner.

Professor Dr. Clemens Wendtner gehört zu den Coronavirus-Experten. Er hat die neuesten Fakten und klärt die wichtigsten Fragen.

  • Im Krankenhaus Schwabing wurden bereits rund 50 Corona*-Erkrankte behandelt.
  • Dr. Clemens Wendtner leitet dort die Infektiologie und forscht an der lebensbedrohlichen Lungenerkrankung.
  • Mit einem Impfstoff könnte es noch länger dauern, doch ein wirksames Medikament könnte bald zur Verfügung stehen.

München - Wie gefährlich ist die aktuelle Lage wirklich für jeden einzelnen von uns? Was ist Tatsache, was nur ein wildes Gerücht? Welche Befürchtungen sind realistisch, welche neuen Erkenntnisse haben die Wissenschaftler? Professor Dr. Clemens Wendtner (54) ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt – aber im Kampf gegen die Corona-Krise steht der Experte der München Klinik auch bundesweit an vorderster Front. Der Chefarzt leitet im Schwabinger Krankenhaus die Infektiologie – jenes Spezialistenzentrum mit den bislang meisten Covid-19-Fällen* in Deutschland. „Wir haben bereits etwa 50 Patienten behandelt. Derzeit sind es 19 Erkrankte, sechs davon auf der Intensivstation“, berichtet Wendtner.

Coronavirus: Schwabing forscht Seite an Seite mit der Charité

Hinter den Kulissen forscht der international renommierte Wissenschaftler Seite an Seite mit dem Chefvirologen der Berliner Uniklinik Charité, Professor Christian Drosten, an Medikamenten gegen die potenziell lebensbedrohliche Lungenerkrankung*. So soll bereits innerhalb der nächsten beiden Wochen in der München Klinik ein neues, vielversprechendes Mittel eingesetzt werden. „Wir haben erste ermutigende Hinweise darauf, dass daraus eine effektive Therapieform entstehen könnte. Wir arbeiten jetzt mit Hochdruck daran, diese Theorie im Rahmen einer klinischen Studie zu erhärten. Wenn dies gelingt, könnte eine Zulassung zur flächendeckenden Behandlung in einigen Monaten möglich sein“, sagt Wendtner.

Neben seinem Job in der Klinik gilt er als enger medizinischer Berater des bayerischen Gesundheitsministeriums. Für unsere Zeitung erörtert und analysiert der Experte die neuesten Fakten zur Corona-Pandemie – mit einem besonderen Blick auf die Situation in München und in der Region.

Coronavirus: Gibt es bald ein Mittel? So sieht die Behandlung aus

Anders als beim Thema Impfstoff sind die Wissenschaftler guter Hoffnung, dass sie bald ein wirksames Medikament gegen Covid-19 zur Verfügung haben. Diese Hoffnung nährt eine Substanz namens Remdesivir. Sie wurde ursprünglich im Kampf gegen Ebola entwickelt, aber mangels durchschlagenden Erfolgs nie zur Behandlung der Seuche zugelassen. Dagegen lassen erste Labortests mit Zellkulturen darauf schließen, dass Remdesivir bei der Lungenerkrankung Covid-19 wesentlich besser hilft. „Es reduziert offenbar die Virenlast – also vereinfacht gesagt die Zahl der Viren – und die Lungenentzündung bessert sich schnell. Das hat sich bereits bei einzelnen Patienten herauskristallisiert“, so Wendtner.

Doch bislang wurde Remdesivir nur vereinzelt im Rahmen von sogenannten individuellen Heilversuchen eingesetzt, eine Zulassung für einen flächendeckenden Einsatz gibt’s noch nicht. Deshalb soll jetzt an 50 Kliniken weltweit eine große Studie starten. In Deutschland nimmt daran neben den Unikliniken in Düsseldorf und Hamburg-Eppendorf auch die München Klinik Schwabing daran teil. „Das neue Medikament wird voraussichtlich innerhalb von ein bis zwei Wochen bei uns verfügbar sein“, berichtet Wendtner.

Die München Klinik Schwabing ist das Corona-Behandlungszentrum mit den bislang meisten Patienten in Deutschland.

Bei Remdesivir handelt es sich um eine Substanz in Pulverform. Sie wird mit Kochsalzlösung verdünnt und den Patienten über mehrere Tage als Infusion in die Vene verabreicht. Jede der Infusionen dauert etwa 30 bis 60 Minuten. Die weltweite Großstudie soll vorerst 1000 Patienten einschließen. Bis zu 20 Patienten sind zunächst in München vorgesehen, „Eine Steigerung ist möglich“, erläutert Wendtner.

Darüber hinaus wird derzeit auch ein Malaria-Mittel in Kombination mit einem Antibiotikum ausprobiert. Es wurde bei 20 Patienten unter der Federführung von Ärzten in Marseille eingesetzt. Damit gelang es bereits, die Viren innerhalb von sechs Tagen einzudämmen, die Patienten konnten früher entlassen werden. Wendtner ist allerdings skeptisch, ob sich diese Kombi zur Massentherapie von Covid-19 eignet. „Da muss man noch vorsichtig sein. Wir werden es nur im Einzefall nach sehr kritischer Überprüfung verwenden.“ Gleiches gelte für eine Wirkstoffkombination, die eigentlich in Tablettenform gegen HIV verabreicht wird. „Eine neue Studie aus China zeigt, dass dieses Mittel leider keine großen Vorteile bei der Behandlung von Covid-19 bringt.“

Coronavirus: Wann gibt es einen Impfstoff?

Vom Buhmann einiger Fußball-Fanatiker zum Retter der Welt? Der Unternehmer Dietmar Hopp hofft, dass seine Tübinger Firma CureVac bis Herbst einen Impfstoff zur Verfügung stellen kann. Wissenschaftler treten aber eher auf die Euphoriebremse: „Wir gehen davon aus, dass die Entwicklung mindestens ein Jahr dauern und ein Impfstoff damit erst 2021 zur Verfügung stehen wird*“, sagt Wendtner. „Als Mehrheitseigner des Unternehmens scheint Herr Hopp in dieser Frage mit einer besonders großen Portion Optimismus ausgestattet zu sein. Ich würde mich natürlich freuen, wenn es seine Firma tatsächlich bis Herbst schafft, rechne aber persönlich nicht damit.“

Coronavirus: Was bewirken Kontaktverbote und Ausgangssperren?

„Wenn ich keine Erkältungssymptome habe, dann kann ich ja auch niemanden anstecken“ – das ist ein fataler Irrglaube, wie der Schwabinger Chefarzt betont: „Als Corona-Patient kann man andere sehr leicht anstecken, und zwar selbst dann, wenn man sich kerngesund fühlt. Deshalb ist es unverantwortlich, sich jetzt nicht streng an die Regeln zur Einschränkung des sozialen Lebens zu halten. Der Ministerpräsident hat es den Menschen am Freitag noch einmal unmissverständlich gesagt: Bleiben Sie zu Hause! Das war keine Bitte, sondern eine sehr ernste Aufforderung. Menschenansammlungen müssen jetzt unbedingt vermieden werden. Die Ausgangsbeschränkungen waren alternativlos. Wir können nur hoffen, dass manche Uneinsichtigen nun endlich zur Vernunft kommen – es geht jetzt auch um Leben und Tod.“

Corona: Wie lange wird es Schul- und Kitaschließungen geben?

Hinter vorgehaltener Hand wird in Expertenkreisen bereits diskutiert, Schulen und Kindergärten auch über das Ende der Osterferien hinaus geschlossen zu halten. Professor Wendtner will sich nicht in die politische Diskussion einmischen, sagt aber aus medizinischer Sicht: „Man muss abwarten, ob der bisherige Zeitrahmen der Schließungen überhaupt ausreicht, um das Virus effektiv einzudämmen.“

Der Chef der Münchner Klinik Neuperlach spricht über den politischen Aspekt der Coronakrise: Ist Covid-19 nur eine Krise oder auch eine Chance für uns?

Coronavirus: Drohen bald Mutationen? Wendtner gibt Auskunft

Im Kampf gegen die Influenza muss der Impfstoff jedes Jahr vor Beginn der Grippesaison angepasst bzw. optimiert werden, weil sich das Virus verändert. Droht dieses Problem auch bei Corona? „Es könnte sein, dass wir zum Herbst hin ein verändertes Coronavirus haben – ähnlich wie bei der Influenza“, sagt Wendtner. „Es sieht aber nach ersten Untersuchungen so aus, als ob die neuartigen Corona-Viren nicht so mutationsfreudig sind wie die Influenzaviren.“

Coronavirus: So geht es den in Schwabing geheilten Patienten

Neun der 14 ersten Corona-Patienten in Deutschland sind im Schwabinger Krankenhaus behandelt worden – allesamt Personen aus dem „Webasto-Cluster“. Mitarbeiter des Starnberger Unternehmens hatten sich bei chinesischen Kollegen infiziert. „Allen neun Patienten geht es gut, sie gelten als geheilt“, weiß Wendtner, der mit ihnen weiterhin in Kontakt steht. Wie in vielen anderen Fällen auch hatten sie die Erkrankung nach etwa zwei bis drei Wochen auskuriert, und es waren in mindestens zwei Abstrichtests keine Viren mehr nachweisbar.

Allerdings verläuft die Infektion nicht immer so glimpflich. „Anfangs wurde jeder Infizierte stationär in der Klinik behandelt. Inzwischen nehmen wir aufgrund der Fülle der Infektionen – im Einklang mit den Behörden wie überall in Deutschland – nur noch Patienten auf, die Symptome zeigen, also Beschwerden haben“, erläutert Wendtner. „Etwa zwei Drittel dieser Patienten werden auf einer Normalstation isoliert behandelt, etwa ein Drittel der Erkankten müssen intensivmedizinisch versorgt werden. Momentan sind das sechs von 19 Covid-Patienten, die bei uns in Schwabing betreut werden.“

Coronavirus: Nach einer Infektion - kann man sich erneut anstecken?

Ermutigende Nachricht: Es verdichten sich die Hinweise darauf, dass man sich nach einer überstandenen Corona-Infektion nicht erneut anstecken kann. „Momentan gehen wir davon aus, dass diese Patienten immun sind. Allerdings müssen wir den Verlauf noch über einige Monate weiter genau beobachten“, sagt Wendtner. Seinem Team ist es inzwischen gelungen, Antikörper im Blut von genesenen Patienten nachzuweisen. „Sie tragen zwar noch Coronaviren in sich, sind aber nicht mehr ansteckend“, berichtet der Infektiologe. Jetzt gehe es darum, einen sicheren, massentauglichen Antikörpertest zu entwickeln. Das könnte ein Schlüssel dafür sein, mehr Menschen eine vorsorgliche Isolation zu ersparen.

Coronavirus: Welche neue Symptome gibt es?

Fieber, Husten und Atemnot sind als die typischen Symptome bekannt – aber etwa die Hälfte der Patienten entwickeln laut Professor Wendtner auch Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns. „Diese Störung hält mehrere Tage an, verschwindet dann aber wieder“, so der Infektiologe. „Wir vermuten, dass die Coronaviren spezielle Rezeptoren und Riechzellen infiltrieren.“ Die Symptome sollen jetzt in Zusammenarbeit mit den HNO-Spezialisten in der München Klinik Schwabing genauer untersucht werden.

Corona: Ist eine Ansteckung beim Einkaufen möglich?

Wer im Supermarkt einkaufen geht, muss dort kein massiv erhöhtes Ansteckungsrisiko fürchten. „Entscheidend ist die disziplinierte Einhaltung der Hygieneregeln – also keine körperliche Nähe in den Gängen, Abstand halten an der Kasse, in die Armbeuge husten, hinterher gründlich Hände waschen. „Wenn man sich an die Hygieneregeln hält, dann braucht man eigentlich keinen Mundschutz und keine Handschuhe“, rät Wendtner. Auch sei die Angst vor einer Infektion durch verseuchte Verpackungen unbegründet. „Die neuartigen Coronaviren haben keine lange Überlebenszeit auf Verpackungen. Eine Ansteckung über eine Schmierinfektion – also beispielsweise einige Spritzer Hustensekret auf der Nudelpackung oder winzige Tröpchen von Nasenschleim auf der Tomate – ist sehr unwahrscheinlich.“

Coronavirus: Das sind die gefährlichen Gerüchte

Die schlimmsten Fakenews in Wendtners Augen: „Manche Leute behaupten: Man müsse die Corona-Krise nicht ernst nehmen, schließlich habe es schon immer Coronaviren gegeben – zum Beispiel bei Kühen und Kamelen. Solche Aussagen sind unverantwortlich. Denn wir sprechen von einem ganz neuen Virustyp, der lediglich zur Familie der Coronaviren gehört, mit den bekannten Erregern aber nicht mal im Geringsten zu vergleichen ist.“

Coronavirus: „Auch Jüngere können daran sterben“

Doch immer hält sich hartnäckig die Fehleinschätzung, dass das Virus nur älteren Menschen ernsthaft zusetzt. Sie sind zwar besonders gefährdet – insbesondere dann, wenn sie an Vorerkrankungen leiden. „Zum Glück zeigen die meisten Patienten bislang milde Symptome, vor allem die jüngeren. Aber wir müssen auch ehrlich sein: Corona trifft nicht nur die Alten, es kann auch Jüngere mitten aus dem Leben reißen. Sie können so schwer erkranken, dass sie beatmet werden müssen, auch Todesfälle sind in dieser Altersgruppe nicht ausgeschlossen“, warnt Wendter. „Derzeit liegen auf unserer Intensivstation in Schwabing auch Covid-19-Patienten im Alter von deutlich unter 50 Jahren.“ Ihre Zahl wird deutlich steigen. „Alle Kliniken müssen jetzt jede Minute und alle Kapazitäten nutzen, um sich so gut wie es geht auf eine Verschärfung der Situation vorzubereiten. 

Bei weiter steigenden Infektionen werden wir viel mehr jüngere Patienten mit schweren Verläufen sehen – ähnlich wie in Italien.“ Der Hintergrund: Laut Expertenschätzungen haben wir in Deutschland gegenüber Italien einen Zeitvorteil von etwa zwei Wochen. Wenn wir diesen nicht nutzen, drohen uns ähnliche Fallzahlen wie in der Lombardei. „Deshalb müssen wir alle die Bedrohungslage sehr, sehr ernst nehmen und die Regeln zur Eindämmung des Virus unbedingt einhalten“, mahnt der Infektiologe.

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