Unterirdischer Vorschlag

Mega-Aushub am Marienhof: „Diese Baustelle wird eine Katastrophe“

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Warnt vor einem Verkehrskollaps durch Schwerlastverkehr im Herzen der Stadt: Tunnelbau-Experte Ralf Porzig am Marienhof.

Im Sommer 2019 beginnt die Deutsche Bahn mit dem Aushub einer 40 Meter tiefen Baugrube. Anrainern graut es vor Lärm und Dreck. Mit Recht, sagt ein Ingenieur – und legt einen Alternativvorschlag vor.

München - Wenn am Marienhof zu graben begonnen wird, gibt es noch keine Verbindung zum späteren Tunnel der zweiten Stammstrecke. Deshalb erfolgt der Transport von Aushub und Baumaterialien laut Bahn über die Straße. Als Hauptverkehrsweg ist die Verbindung Hofgraben – Maximilianstraße, Richtung Autobahn A94 vorgesehen. Ein Logistikkonzept, das Porzig nicht nachvollziehen kann. „Es kann doch nicht sein, dass einerseits Pläne für eine autofreie Innenstadt geschmiedet werden, und andererseits der Bahn gestattet wird, dass 77.000 Vierzigtonner über Jahre die Innenstadt verstopfen und gefährden“, schrieb der Experte an das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), die zuständige Aufsichtsbehörde. Auf Anwohner und Geschäftstreibende kämen Lärm, Gestank, Schadstoffe und Straßenschäden zu. Die Unfallgefahr erhöhe sich.

Sein Vorschlag: ein unterirdischer Abtransport des Erdreichs über die Schiene. Dieser Lösung bedürfe lediglich einer „Änderung des Bauablaufs“: Erst soll der Tunnel gebaut werden, dann die Stationen. Sein Konzept hatte er 2005 patentieren lassen. Damals lehnte die Bahn es ab – „offensichtlich nur, weil man mit dem vorgezogenen Bau des Haltepunkts Marienhof vollendete Tatsachen schaffen wollte für den damals noch nicht genehmigten Weiterbau in Richtung Ostbahnhof“, mutmaßt Porzig. Er schrieb an Alt-OB Ude und jetzt an OB Reiter. Beide hätten auf die Einhaltung des Zeitplans verwiesen, der eine Bauablauf-Änderung unmöglich mache. Das lässt Porzig nicht gelten. „Einst war die Fertigstellung für 2016 geplant. Jetzt soll die Strecke 2026 in Betrieb gehen. Mit den Hauptarbeiten wurde aber noch immer nicht begonnen.“ Trotzdem wolle die Bahn am ursprünglichen Bauablauf festhalten.

Die zweite Stammstrecke wird zur Entlastung der ersten gebaut, auf rund zehn Kilometern.

Unterirdischer Abtransport des Erdreichs? Das sagt die Deutsche Bahn

Aus gutem Grund, sagt eine Bahn-Sprecherin: „Den kompletten Tunnel erst zu bauen und danach die Stationen draufzusetzen, würde länger dauern, wäre teurer, und der technische Schwierigkeitsgrad wäre größer.“ Das Einfahren von Tunnelvortriebsmaschinen in bereits hergestellte Stationsbereiche sei die sicherere Methode, gerade in 40 Metern Tiefe. Außerdem würden beim Abtransport über die Straße Fuhren eingespart: „Dank optimierter Bauweise können wir die Lkw-Fahrten über die gesamte Bauzeit am Hauptbahnhof von 100.000 auf 75.000 reduzieren, am Marienhof von 41.500 auf 38.500.“ Die Optimierung am Marienhof: Statt einer größeren und drei kleineren Baugruben wird nur eine große Baugrube ausgehoben. Das spart Stützwände, was Material und Transportzahlen reduziert.

Das EBA müsse sich mit seinem Konzept „noch mal befassen“, fordert Porzig gegenüber unserer Zeitung. „Die Bahn hat ein erneutes Planfeststellungsverfahren für den Bau der zweiten Stammstrecke beim EBA beantragt – wegen Planungsänderungen am Hauptbahnhof und am Marienhof.“ Das EBA sei verpflichtet, die Einwendungen erneut zu thematisieren.

„Schon jetzt ist es heftig“: Das sagt eine Anwohnerin

Anwohnerin Daniela Farnhammer ist gegen den Abtransport des Abraums am Marienhof mit LKWs.

Ein normales Gespräch mit meinen Kunden ist wegen des Lärms oft nicht mehr möglich. Letztes Jahr hatte ich 25 Prozent Umsatzeinbußen. Ich habe viele ältere Kunden, die mit dem Taxi kommen. Die haben Probleme bei der Anfahrt wegen der Baustellenfahrzeuge. Ein unterirdischer Abtransport wäre ein Traum! Daniela Farnhammer (51), Inhaberin eines Friseursalons am Marienhof.

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Daniela Schmitt

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