Mein Leben in der Heim-Hölle

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Maria Günthör wurde als Kind im Heim schwer misshandelt. Sie leidet heute noch darunter

München - Demütigung, Prügel, Angst: Grausam ging es in vielen Kinderheimen in den Nachkriegsjahren zu. Ehemalige Heimkinder warten dieser Tage auf die Ergebnisse des „Runden Tisches Heimerziehung.“

Für Maria Günthör (63) aus München geht es um mehr als nur um Geld.

Die ersten Schläge kommen wie aus dem Nichts. Eine Lappalie ist der Grund. Die dreijährige Maria will sich den Bauklotz eines anderen Kindes nehmen. Dem strengen Blick der Nonne entgeht das nicht. Zur Strafe setzt es eine Tracht Prügel. Eine von vielen, die das Mädchen in einem katholischen Kinderheim in Gundelfingen (Landkreis Dillingen) über sich ergehen lassen muss. Von 1950 bis 1964 lebt es dort. Diese Jahre verfolgen Maria Günthör wie ein Albtraum.

Heute ist sie 63 Jahre alt. Noch immer leidet sie unter den Folgen der seelischen und körperlichen Misshandlungen, die ihr in ihrer Kindheit zugefügt wurden. Oft schläft sie nächtelang nicht, an Händen und Füßen plagen sie psychosomatische Schmerzen, kürzlich erlitt sie einen Nervenzusammenbruch.

Die Münchnerin ist eines von 800 000 Kindern, die von 1950 bis 1975 bundesweit in Kinder- und Jugendfürsorgeheimen aufwuchsen. Allein in Bayern waren es 1964 laut Bundesverband für Erziehungshilfe 30 000 Kinder in circa 270 Heimen. Viele von ihnen warten derzeit auf die Ergebnisse des „Runden Tisches Heimerziehung“.

Maria Günthör fällt es immer noch schwer, über ihr Martyrium im Heim zu sprechen. Darüber, wie sie mit drei Jahren von ihren leiblichen Eltern fortgebracht wird. Die Familie lebt nach dem Krieg in einer Behelfsbaracke bei Lindau. Vater arbeitslos, Mutter Protestantin. Eines Tages steht eine Frau vom Jugendamt vor der Tür. „Sie hat mich direkt aus den Armen meiner Mutter gerissen“, sagt Günthör dem Münchner Merkur.

Wegen „drohender Verwahrlosung“ wird das Mädchen in das über 200 Kilometer entfernte „Kinderasyl“ St. Clara in Gundelfingen gebracht. Die Dillinger Franziskanerinnen loben den Herrn, während sie morgens mit Stöcken die Kinder wecken. Für Bettnässer beginnt der Tag mit Prügel. Ist ein Kind unartig, muss es im Kreis stehen und wird geschlagen, die anderen schauen zu. Manchmal läuft unter dem Kleid warmer Urin auf den Boden. Vor den Augen aller muss das Kind das Malheur aufwischen.

Angst wird Maria Günthörs ständiger Begleiter, Angst vor den sadistischen Erziehungsmethoden: „Manche Nonne hatte Spaß am Quälen!“ Mit von Prügeln geschwollenen Fingern muss sie Kartoffeln klauben, Geschirr spülen, Boden schrubben. Die Unterwäsche dürfen die Kinder nur einmal im Monat wechseln. „Wir waren die stinkenden Heimkinder.“ Aus Scham schweigt Maria Günthör lange. Irgendwie meistert sie ihr Leben als alleinerziehende Mutter eines Sohns, arbeitet sich zur technischen Zeichnerin hoch. Vor zehn Jahren beschließt sie, sich zu wehren. Sie bricht ihr Schweigen, schließt sich dem Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) an.

Den Schatten der Heimvergangenheit zu bekämpfen: Nicht alle ihrer Leidensgenossen schaffen das. „Viele können bis heute nicht darüber sprechen“, sagt die 63-Jährige. Einige begehen Selbstmord.

Mit den schweren Vorwürfen konfrontiert, bestätigt Schwester Maria Elisabeth Marschalek, dass es im Gundelfinger Kinderheim St. Clara Misshandlungen gegeben hat. Sie wisse aber nur von einer Schwester, die damals mit dem Stock zuschlug. „Mir tut das unendlich leid“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin, die seit 14 Jahren die Einrichtung leitet. Beschwerden von ehemaligen Heimbewohnern lägen ihr nur wenige vor.

Wie es in Heimen damals zuging, wird derzeit bundesweit untersucht. Offensiv mit dem Thema geht die Innere Mission in München um. „Es gab körperliche Misshandlungen“, bestätigt Sprecher Klaus Honigschnabel. Der evangelische Träger betrieb in den 60er-Jahren drei Kinderheime, in Feldkirchen, Pasing und Lochhausen. Als erste Vorwürfe publik werden, startet der evangelische Träger einen Aufruf an ehemalige Heimkinder. Rund 30 melden sich zu Wort. „Die Schilderungen waren unterschiedlich. Aber Vorhaltungen dürfen nicht in Frage gestellt werden“, sagt Honigschnabel. Was die Franziskanerinnen in Gundelfingen Maria Günthör angetan haben, ist nicht in Dokumenten nachzulesen. „Meine Kindheit ist ein schwarzes Loch“, sagt sie. Wenn nächste Woche die Ergebnisse der Arbeit am Runden Tisch vorgestellt werden, geht es ihr um eine Entschädigung. Mehr als Geld wünscht sie sich, dass die Öffentlichkeit die Vorwürfe der ehemaligen Heimkinder ernst nimmt. „Ich will meine Würde zurück.“

Aglaja Adam

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