Dank an Nachbar vor Gericht

Mein Retter aus der Feuerhölle

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Schüler David (16, li.) tröstet Rentnerin Barbara Borchert (70), die am Donnerstag den Prozess um ihre ausgebrannte Wohnung verlor.

München - Es waren rührende Momente vor Gericht: Barbara Borchert dankte am Donnerstag vor Gericht ihrem Nachbarn, der sie aus ihrer brennenden Wohnung gerettet hatte.

Tränen der Rührung laufen über ihre Wangen. Weinend lehnt sich Barbara Borchert (70) an die Schulter von David Leidel (16), der sie zärtlich umarmt. „Du hast mir das Leben gerettet. Das werde ich dir nie vergessen“, sagt sie zu dem Schüler. Er hatte sie am 20. Dezember 2013 aus ihrer brennenden Wohnung gezogen, als sie bereits vom Rauch eingekesselt war.

Barbara Borchert (70) mit Lebensgefährte Hans(50) in der ausgebrannten Wohnung.

Am Donnerstag erzählte er seine Heldengeschichte vor dem Amtsgericht – denn die Seniorin wurde wegen fahrlässiger Brandstiftung angeklagt. Angeblich hat sie mit einer Zigarette den Brand ausgelöst, ihr selbst fehlt jede Erinnerung. David aber sieht die Flammen schon von der Straße aus. Am Brandtag kommt er mittags von der Schule heim, auch er wohnt Am Stutenanger in Oberschleißheim. „Ich bin gleich in den dritten Stock gerannt und wollte helfen.“ Er klingelt, aber die Seniorin öffnet nicht. „Da habe ich die Holztür eingetreten – nach vier Versuchen war sie offen.“ In der Wohnung hat sich giftiger Rauch ausgebreitet. Aber David geht trotzdem rein! „Ich zog mir meinen Pullover über die Nase und fand Frau Borchert im Wohnzimmer. Sie saß weinend auf dem Sofa, daneben schlugen Flammen.“ Mutig zieht er die Seniorin aus der Wohnung – und schließt sogar noch alle Fenster, damit sich der Brand nicht weiter ausbreitet.

Borchert hat schlimme Brandwunden, ruft aber immerzu nach ihrem Dackel: „Christl ist noch drin, meine Christl.“ Unglaublich: David geht noch einmal zurück in die Flammenhölle und rettet auch den Hund. „Er hatte sich unters Ehebett verkrochen“, sagt er.

Über diese unglaubliche Geschichte staunt selbst Richter Thomas Müller, der David als Zeuge vernahm: „Meinen tiefen Respekt. Es ist etwas ganz Besonderes, was Sie geleistet haben. Ohne Ihr beherztes Eingreifen wäre Frau Borchert jetzt wohl tot. Das ist der Stoff, aus dem Helden sind.“ Trotzdem verurteilte er die Seniorin! Müller beließ es aber bei einer Verwarnung ohne Geldbuße.

Denn im Prozess schlossen Gutachter und Brandfahnder einen technischen Defekt aus. Bitter für Barbara Borchert: Sie musste nach dem Brand monatelang ohne Heizung in einer Laube wohnen, während ihre Wohnung renoviert wurde. Erst vergangenen Juni konnte sie dort wieder einziehen. Auf dem Schaden von 50 000 Euro blieb sie aber sitzen! Und musste für rund 10 000 Euro neue Möbel kaufen. „Von der Versicherung bekam ich bisher keinen Cent.“ Nur deswegen wollte die Seniorin nicht, dass ihr Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße frühzeitig eingestellt wird. Anwalt Christoph Knerr kündigte an: „Wir gehen in Berufung.“

Und Lebensretter David? Er will zur Feuerwehr gehen, sobald er volljährig ist. Mama Miriam: „Ich bin so stolz auf ihn.“

Andreas Thieme

Der Versicherungsstreit

Wohnungsbrand: ein Schock. Jetzt hilft die Versicherung. Eigentlich! Denn Barbara Borchert erhielt trotz Haftpficht-Police „weder Soforthilfe noch Leistungen“, sagt sie. Begründung der Generali: „Irreführung.“ Nach dem Schuldspruch hat die Seniorin jetzt kaum noch Chancen. 27 000 Euro Schaden übernahm die Gebäudeversicherung des Wohnungs-Eigentümers. Unklar, ob er das Geld nun zurückfordert.

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