Walter H. (58) ist seit zwei Jahren obdachlos

Mein Zuhause ist die Straße

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Walter H. ist seit zwei Jahren obdachlos.

Die Altstadt ist die Wiege Münchens. Zum Stadtjubiläum erzählt die tz jeden Tag Geschichten über Menschen, die hier leben, arbeiten oder zu Besuch sind.

Gleich werden sie etwas fragen, das kennt Walter (58) schon. Die beiden Mädchen stecken ihre Köpfe zusammen, die eine fuchtelt mit der rechten Hand. Dann dreht sie sich um. „Wo schläfst du denn?“ – „In einem Schlafsack“, antwortet Walter lächelnd. „Willst du nicht bei uns schlafen? – „Ja, aber was sagen denn eure Eltern dazu?“ – „Warte, wir fragen mal“.

Der Vater der Mädchen, der eben in ein Schaufenster weiter vorne im Tal gesehen hat, schüttelt den Kopf. Als er seine Töchter wegzieht, dreht er sich um und mustert Walter: Er sitzt auf einer Plastikschüssel, darunter ein ausgebeulter Fahrradkorb. Neben ihm steht ein Styroporkarton, darin liegen zwei Münzen. Walter ist obdachlos. Er schläft unter freiem Himmel und bettelt in der Altstadt. Seine jungen Freunde geben ihm jeden Tag neue Kraft.

Die Passanten, die an der Stufe zur Heilig-Geist-Kirche vorbeihasten, werfen nur einen kurzen Blick auf den Mann mit dem weißen Bart. Eine Dame murmelt „selber schuld …“ Walter lacht auf. „Ich bin nicht neidisch auf die anderen, und gebe auch niemandem die Schuld.“ Nicht einmal dem, der sein Vertrauen missbraucht hat. „Das war vor zwei Jahren: Meine Freundin hatte mich schon früher mit der Tochter verlassen, nach 40 Jahren auf dem Bau hatte ich meinen Job verloren. Dann hat der Mann, der bei mir gewohnt hatte, meine Wohnung verwüstet – und ich stand auf der Straße.“

An seine erste Nacht ohne Dach über dem Kopf erinnert sich der gebürtige Münchner nur verschwommen: „Ich war orientierungslos, hatte Panikattacken. Ich habe mir immer die Worte meiner Mutter vorgesagt: ,Tiefer als unter Null geht es nicht.‘“ Tagelang schlief Walter in der Trambahn – „die billigste Pension für 48,50 Euro im Monat.“ Schwarzfahren käme für ihn nicht in Frage. „Ich bin viel zu freiheitsliebend, als dass ich wegen dem Schwarzfahren in den Knast wandern wollen würde“, sagt Walter. Er blickt auf seine Hand und verzieht das Gesicht. Eine lange Narbe am Daumen zeugt von einem Kreissägenunfall, seither ist die halbe Hand taub.

„Nikolaus, hallo!“ Nikolaus ist Walters Spitzname. Den hat ihm eine Punkergruppe wegen seines Rauschebartes gegeben. Vor ihm steht ein Mädchen mit Rucksack, sie streckt ihm ein Butterbrot hin. „Ich muss abnehmen. Lass dir’s schmecken.“

Als es dunkel wird, füllt sich das Tal. Abendbrotzeit für Walter. Eine Gruppe Jugendlicher mit Baseballcaps steuert auf ihn zu, Walter grinst. Einer mit Kippe im Mund kramt aus einer McDonald’s-Tüte zwei Burger heraus, den einen gibt er Walter.

Geld gibt’s eher von den Älteren. In der Regel 10 bis 15 Euro pro Schicht. Walter und zwei Freunde, die auch Platte machen, teilen sich den Platz vor der Kirche im Schichtbetrieb. „Wir wollen vermeiden, dass sich andere einnisten, die uns das Geschäft versauen, indem sie aggressiv betteln.“ Der Platz am Anfang des Tals ist die „Pole Position beim Platte machen“, tagsüber treffen sich hier Touristen und Münchner, die vom Viktualienmarkt oder aus der Fußgängerzone kommen, nachts tummelt sich das Partyvolk zwischen Kneipen und Fastfoodrestaurants.

Nach seiner Schicht geht Walter nach Hause. Wohin, verrät er nicht. „Wer schlau ist, verrät seine Schlafstätte nur den besten Freunden. Oft werden die Decken und Schlafsäcke gestohlen.“ Überdacht und windgeschützt sei sein Bett. Es besteht aus zwei Pressspanplatten, einer Isomatte, drei Teppichläufern und einem Schlafsack. Das hält auch im Winter. In ein Wohnheim geht Walter nicht. „War einmal da. Ist fürchterlich.“ Im Winter duscht er im Volksbad, im Sommer badet er im See im Ostpark.

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Wohnungslosen gehe es nirgendwo so gut wie in München, sagte ihm ein Spezl, der schon in vielen Städten war. „Hier verhungert keiner,“ sagt Walter. Seine Nase läuft, er wischt sie sich mit einem zerknüllten Taschentuch ab. Heuschnupfen. „Weil ich ständig draußen bin, habe ich eine Selbstdiagnose gemacht: Die Linden sind die schlimmsten.“ In Walters Styroporschachtel schimmert es silbern zwischen den goldenen Münzen hervor: ein Anhänger mit der Mutter Gottes drauf. „Den habe ich von einem kleinen Mädchen bekommen, seitdem habe ich ihn immer bei mir.“ Walters Augen füllen sich mit Tränen. Als er seine eigene Tochter zuletzt gesehen hat, war sie noch klein. Heute ist sie 32. „Trotzdem kann sie mich noch brauchen“, sagt Walter. „Für sie werde ich alles tun, dass ich nächsten Winter nicht mehr auf der Straße lebe.“

Nina Bautz

Quelle: tz

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