tz-Redakteur testet die Bahn

Meine Streik-Fahrt quer durch Deutschland

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Die Fahrt ins Ungewisse kann beginnen: tz-Redakteur Thieme am Hauptbahnhof.

München - Die tz hat den nervenaufreibenden Selbsttest gemacht und fuhr am Streikwochenende mit der Bahn quer durch Deutschland. Was Redakteur An­dreas Thieme erlebte, lesen Sie hier:

Freitag Bremen, Samstag Münster, Sonntag Köln und dann wieder zurück nach München. Auf dieses Wochenende hatte ich mich seit Monaten gefreut und wollte Freunde besuchen. Aber noch bevor ich die Fahrkarten buchen konnte, streikt die Bahn. Was nun? Der Fernbus ist voll. Mietwagen? Unter 350 Euro inklusive Tank und Zusatzkilometer ist am Streik-Wochenende nichts zu kriegen. Per Mitfahrgelegenheit käme ich günstig für 40 Euro hin, aber sonntags nicht sicher zurück. Außer abends für 250 Euro mit der Lufthansa.

Mir bleibt nur die Bahn – trotz Streik wage ich die Reise ins Ungewisse. „Sie scherzen“, sagt der Bahn-Mitarbeiter am Schalter, als ich am Abend des ersten Streiktages ins Reisezentrum am Hauptbahnhof gehe. „Nein“, antworte ich. Ungläubig verkauft er mir das Ticket für 71 Euro (mit BahnCard 50-Rabatt) – und dazu auch eine Reservierung (4,50 Euro). Die kaufe ich sonst nie. Aber ich will nicht stehen. Denn mich erwarten fast neun Stunden Fahrt quer durch den Ersatzfahrplan. Normalerweise geht die Fahrt über Hannover schneller, mit einem Umstieg. Aber am Morgen der Fahrt hieß es noch, dass der Regionalexpress von Hannover nach Bremen nicht fährt. Daher die Strecke über Dortmund.

Wie dem auch sei: Freitagmorgen geht’s los. Um 9.28 Uhr steige ich auf Gleis 19 in den ICE 610 nach Dortmund. Diese Verbindung fährt im Streik alle zwei Stunden. Am Bahnhof war nicht viel los, auch im Zug nicht jeder Platz besetzt. Sogar der neben mir bleibt frei – und die angeschlagene Reservierung verfällt.

Viel los war nicht in den Zügen.

Die drei Zugbegleiter scherzen viel. Mir fällt auf, dass sie englischen, französischen oder russischen Akzent sprechen. Ihre Ansagen sind knapp, sie entschuldigen sich viel, sagen aber kaum Verbindungen durch. Aus dem Lautsprecher knattert nur: „Gute Reise“. Die Fahrt läuft tatsächlich gut: Wir halten an zwei zusätzlichen Bahnhöfen, erreichen Dortmund mit 15 Minuten Verspätung. Eigentlich hat man hier direkt Anschluss Richtung Hamburg über Bremen. Heute nicht: Ich muss 65 Minuten warten, bis es mit dem Intercity weitergeht. Der hat eine halbe Stunde Verspätung: Schaden am Triebwerk. Erst um 18.44 Uhr komme ich in Bremen an. Dass das überhaupt klappt, hätte ich morgens nicht gedacht.

Am Samstag habe ich es einfacher:  Der IC von Bremen nach Münster verkehrt trotz Streiks alle zwei Stunden. Auf den Ersatzfahrplan ist wieder Verlass. Zehn Minuten Verspätung stören mich nicht. Unterwegs lese ich die Meldung, dass die Bahn den Streik am Abend niederlegt. Das spricht sich unter den Reisenden schnell herum.

Vom Bahnhof in Münster kennt Thieme mittlerweile jeden Pflasterstein … 

Effektiv ändert sich am Chaos nichts! Sonntagmittag fährt stundenlang kein Zug nach Köln – oder ich käme von dort erst Stunden später weiter Richtung München. Köln kann ich knicken. Bleibt gen Süden nur ein Bummelzug: Ich muss mit der privaten Eurobahn zwei Stunden nach Warburg fahren, dann nach Kassel. Erst dort erreiche ich einen ICE, der von Hamburg kommt. Kosten: 71 Euro. 6.40 Stunden brauche ich insgesamt bis München. Um 19.50 Uhr bin ich zurück.

Fazit: Wer fahren wollte, fand meist auch einen Weg. Es war umständlich oder durch Verzögerungen nervig. Aber zwei meiner drei Ziele habe ich erreicht.

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