So meistern wir unser Leben mit der Stütze

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Christa Meier (67)

München - 11.307 Rentner - das entspricht jedem 20. - waren 2010 in München auf Sozialhilfe angewiesen. Die tz stellt zwei Schicksale vor.

Ein Leben lang gearbeitet – als Rentner arm: Immer mehr Senioren trifft dieses Schicksal. 2010 waren 18 282 Münchner auf Sozialhilfe angewiesen, darunter 11 307 Rentner mit Grundsicherung – das entspricht jedem 20. Münchner ab 65 Jahren. Für den größten Sozialverband Deutschlands, den VdK, ist Altersarmut vor allem unter Frauen noch größer: Jede fünfte Rentnerin ist arm! „Der Sozialbericht belegt, wovor wir seit 2008 warnen – auch in einer reichen Stadt wie München“, sagt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher der tz. Dabei bedeute Armut oft auch angeschlagene Gesundheit und Einsamkeit. „Für alte Menschen ist das bitter, weil sie sich nicht aus eigener Kraft befreien können.“ Darum müssten die Sätze für Senioren angehoben werden und die Renten steigen. Die tz hat zwei Damen befragt, wie sie ihren Alltag dennoch meistern.

DAC

"Meine guten Seelen helfen mir!"

Plötzlich ging gar nichts mehr: Christa Meier war 57 Jahre alt, als sie nicht mehr als Bedienung arbeiten konnte. Arthrose an Hüfte und Knien machte das Gehen von einem Tag auf den anderen unmöglich. Das war 2001. Seitdem muss die heute 67-Jährige mit ihrer Rente von derzeit 820 Euro und 154 Euro Grundsicherung im Alter auskommen. „Am Ende bleiben mir 280 bis 300 Euro jeden Monat. Das ist nicht viel, aber es geht schon.“ Klar: Christa Meier studiert die Anzeigen der Supermärkte immer ganz genau – denn leisten kann sie sich nur die günstigen Lebensmittel. Aber selbst rausgehen zum Einkaufen – das kann die gehbehinderte Frau nicht mehr. „Ich bin so froh, dass ich meine guten Seelen habe“, strahlt sie. „Die rufe ich montags an und gebe ihnen durch, wo zum Beispiel das Waschmittel günstig ist, dann kaufen sie für mich ein.“ Zu den guten Seelen gehören auch zwei Fahrer. Die kann Christa Meier mit dem Taxigeld bezahlen, das sie vom Bezirk Oberbayern als Gehbehinderte bekommt. „Ausflüge kann ich natürlich keine machen, nur das Nötigste, ich schränke mich ein. Aber ich brauche nicht mehr viel,“ lächelt die alte Dame. In ihrem Schrank hängen zwei Röcke und drei Blusen. „Das reicht mir, die meiste Zeit bin ich ja hier“, sagt sie. Ihre Wohnung im Westend hat sie liebevoll mit alten Möbeln eingerichtet – Geschenke von Bekannten. Seit 35 Jahren lebt sie hier. Als junge, unabhängige Frau war sie eingezogen. „Ich habe mich schon vor elf Jahren auf einer Pflegestation angemeldet, falls es alleine nicht mehr geht.“ Aber daran mag sie nicht denken. Irgendwie hat sie es immer geschafft.

Valentina Schmidt

Lieber den Salat für 33 Cent kaufen

Waltraud Krüger (60)

„Es geht nur, wenn man sparsam ist“, erzählt Waltraud Krüger (60, Name geändert). „Das macht schon einen Unterschied, wenn bei Lidl oder Aldi der Salat nur 33 Cent kostet, nicht 99 Cent wie in den teuren Supermärkten.“ Lebensmittel und Haushaltswaren sind das Einzige, woran Waltraud Krüger sparen kann. Etwas anderes leistet sie sich ohnehin nicht. Ihre Rente von 850 Euro reicht nur knapp für Miete, Strom und Krankenversicherung. Nach den Abzügen bleiben ihr 287 Euro. Das Sozialamt stockt den Betrag mit der Grundsicherung auf 350 Euro auf. Davon lebt sie mit ihrem Mischlings-Hund Kessy jeden Monat. „Die Kleine macht mir so viel Freude“, sagt Waltraud Krüger über ihre Kessy. „Ohne sie wüsste ich manchmal gar nicht weiter.“ Der Arzt hat ihr den Mischling als Therapiehund genehmigt – so muss sie zumindest keine Hundesteuer zahlen. Schon seit 1994 ist sie erwerbsunfähig. Waltraud Krüger arbeitete damals in einem Getränkehandel, dann passierte der Unfall, der ihr Leben veränderte. Beim Heben einer schweren Palette zog sie sich einen Bauchmuskelriss zu, von dem sie sich nie ganz erholte. Zudem machte ihr schweres Asthma zu schaffen. Vor fünf Jahren bekam sie Lymphdrüsenkrebs. An Arbeiten war nicht mehr zu denken, 19 Operationen musste sie über sich ergehen lassen. Der nächste Klinik-Termin steht schon fest. Was sich Waltraud Krüger für die Zukunft wünscht, hat nichts mit Geld zu tun: „Meine Töchter Yasemin, 35, und Barbara, 37, würde ich gerne öfter sehen. Sie leben in der Türkei, sind dort bei ihrem Vater aufgewachsen. Ich vermisse sie sehr.“

Valentina Schmidt

Meier: Zahl wird sich verdoppeln

Tendenz steigend: Bei den derzeit 11 307 bedürftigen Rentnern und vor allem Rentnerinnen wird es nicht bleiben. Münchens Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) warnt bereits vor einer Verdoppelung der Armut im Alter in kürzester Zeit! „Nach unseren Prognosen wird sich die Zahl bis 2020 auf 24 000 erhöhen“, benennt Meier eines der wichtigsten Zukunftsprobleme der Stadt. Grund: Der bisherige Aufschwung kam bei den Langzeitarbeitslosen nicht an. In der Stadt leben mehrere Tausend Menschen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren, die aufgrund mangelnder Qualifikationen wie Sprachkenntnisse einfach nicht auf eine Stelle zu vermitteln sind, von Hartz IV leben und mit dem Rentenbeginn automatisch in die Grundsicherung im Alter rutschen. Das Wohnen bleibt auch im Alter das zentrale Problem – zum einen wegen der Preise, zum anderen wegen der zunehmenden Hilfsbedürftigkeit. Bereits im März habe die Stadt mit einem vierjährigen Projekt begonnen, in dem ältere Menschen von Pflege-Fachkräften besucht werden, um sie rechtzeitig über Haushaltshilfen und Unterstützung zu informieren. Schließlich wollten immer mehr Senioren auch im hohen Alter und bei Behinderung in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. „Der vorhandene Bestand an geeignetem Wohnraum deckt aber die künftigen Bedürfnisse älterer Menschen nicht ausreichend ab“, sagt die Sozialreferentin und lobt Programme der städtischen Gesellschaften GWG und Gewofag, die Pflege und einen Notruf-Piepser vorsehen. Darüber hinaus möchte Meier Altenwohnanlagen fördern, wie es sie in den 80er Jahren gab. Zum Beispiel am St.-Jakobs-Platz, am Kolumbusplatz oder neu auf dem Agfa-Gelände in Giesing sollen Senioren in erschwinglichen Mietwohnungen leben.

DAC

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