Menschen, die schwere Krankheiten überlebten

Drei Mal zerstörte der Krebs fast Davids Leben

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Drei Mal wütete der Krebs in Davids Familie. Der junge Mann überlebte.

München - Auch 2015 gab es in München wieder viele Typisierungsaktionen. Drei Menschen, die schwere Krankheiten überlebten, erzählten hier ihre Geschichte.

Über 13 500 Menschen erhalten jährlich die Schockdiagnose Blutkrebs. Nur ein Drittel aller Patienten finden in der eigenen Familie einen passenden Spender. Bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) und der Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) können Sie sich registrieren lassen – und mit etwas Glück Leben retten. Auch in München gab es in diesem Jahr viele Typisierungsaktionen. Diese drei Patienten haben einen passenden Spender gefunden:

Thomas Plaschke (49):  Vor drei Jahren erhielt der Familienvater die Schockdiagnose. Im Oktober fand in München eine Typisierungsaktion statt. Weil er äußerst seltene Gewebemerkmale hat, war die Suche nach einem Spender schwierig. Nur vier Wochen danach wurde er transplantiert. 21 Tage später durfte er das Krankenhaus verlassen.

Rinah (13):  Die kleine Rinah aus Aschheim hat ihren genetischen Zwilling in den USA gefunden. Bayern-Star Jerome Boateng, der sich seit Jahren für die DKMS engagiert, machte im Internet auf ihre Krankheit aufmerksam. Rinahs Zellen wachsen jetzt nach. Ihr Immunsystem wird stärker.

Florian Kettner (30): Florian Kettner aus Großeisenbach (Lkr. Freising) erhielt die frohe Botschaft kurz vor Weihnachten. Es gibt einen passenden Spender. Im Januar soll die lebensrettende Transplantation folgen.

Lesen Sie auf hier drei weitere Geschichten von Menschen, die wieder in ein neues Leben starten.

Wenn der Krebs drei Mal zuschlägt

„Die Vergangenheit ändern? Nein!“, sagt David Schachtschneider, zieht die Augenbrauen hoch und nippt am Cappuccino. „Klingt komisch, oder? Aber sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin.“ Dabei hätte der 21-Jährige allen Grund dazu, das Vergangene ungeschehen machen zu wollen. Fast 20 Jahre beherrschte eine heimtückische Krankheit sein Leben und das seiner Familie. Erst stirbt der Vater. Dann erhalten David und Bruder Lukas die Schockdiagnose: Leukämie!

„Die Chancen stehen 50 zu 50“, sagt David nüchtern. Die Krankheit, die gesunde Blutzellen und schließlich das Immunsystem zerstört, könnte zurückkehren. „Wir tragen das Gen in unserem Körper. Unser Beispiel zeigt, dass Leukämie vererbbar ist.“

An seinen Papa kann sich David nicht mehr erinnern. Als er mit nur 29 Jahren starb, waren David und Lukas nicht einmal drei Jahre alt. Bis zuletzt gab es Hoffnung auf Heilung. Gesundes Knochenmark seines Bruders wurde ihm transplantiert. Einen Tag vor seiner Entlassung aus dem Krankenhaus starb der Familienvater. Ein multiresistenter Keim war zu stark für sein schwaches Immunsystem. Es war der 19. Dezember, kurz vor Weihnachten.

Die erste frische Luft nach der Therapie.

Plötzlich stand Ehefrau Barbara mit ihren beiden Söhnen alleine da – ein Schock, der die junge Mutter 2007 wieder einholen sollte. „Es gab schon ein paar Anzeichen“, erinnert sich David. „Lukas hat immer gekränkelt, war schlapp und hat viel geschlafen. Für meine Mutter war von Anfang an klar: Mein Bruder könnte auch Leukämie haben.“ Im Krankenhaus wollten ihr die Ärzte ihre Angst nehmen, hielten Barbara für die überfürsorgliche Mutter vom Starnberger See. Ihre Sorgen seien unbegründet, die Krankheit nicht vererbbar, hieß es damals. Doch sie ließ nicht locker, bestand auf einem Test. Ergebnis: Lukas hat Leukämie. Datum: wieder der 19. Dezember.

Doch das Schicksal hatte für die Familie noch einen weiteren Tiefschlag parat. Als Knochenmarkspender für seinen Bruder kam sofort David in Frage. Die Gewebemerkmale stimmen bei Geschwistern zu mindestens 50 Prozent überein. Eine Untersuchung von Davids Blut brachte die nächste Hiobsbotschaft: Auch er hat Leu-kämie. „Da habe ich den Glauben an das Gute schon ein Stück weit verloren“, sagt David. „Ich bin ein ziemlich rationaler Mensch, deshalb habe ich gleich nach vorne geschaut. Es hat mich getroffen, aber es gibt keinen anderen Weg. Ich muss da durch.“ Vorerst galt aber die ganze Aufmerksamkeit seinem Bruder Lukas.

Der erhält 2008 seine lebensrettende Knochenmarkspende. Bei David ist es nicht akut. Er leidet an einer Vorstufe der Krankheit, am sogenannten Myelodysplastischen Syndrom (MDS). Diese Prä-Leukämie kann akut werden und führt dann innerhalb eines Jahres zum Tod. Weil es David aber noch gut ging, machte er sein Abitur, verbrachte danach ein Jahr in Israel, wo er behinderten Menschen half. Nach seiner Rückkehr begann die Chemotherapie. Isolation, Übelkeit, Haarausfall. Das Schlimmste: „Das Warten auf die neuesten Blutwerte.“

Nach neun Monaten war David geheilt – und die Familie erlöst. Auch wenn er um die Gefahr weiß: „Ich hätte gerne einmal Kinder. Warum sollte ich mich von einer Krankheit einschränken lassen?“

Cannabis gegen den Dauerschmerz

Karolin Weidner hatte schon befürchtet, dass ihr 2015 als eines der schlimmsten Jahre ihres Lebens in Erinnerung bleiben wird. Die Frau, die auf der Wiesn die jodelnde Bräurosl verkörpert, leidet nach einer Gehirnblutung unter chronischen Nervenschmerzen. Ein Cannabis-Spray zum Einatmen gab der 58-Jährigen wieder etwas Lebensqualität. Doch weil das Medikament in Deutschland keine Zulassung besitzt, bekam sie es nach dem ersten Fläschchen nicht mehr verschrieben. Kurz vor Weihnachten haben die Ärzte Weidner nun ihren Wunsch erfüllt: ein neues Rezept für ihr Sativex-Spray.

Karolin Weidner hat endlich ein Rezept für ihr schmerzlinderndes Spray.

„Das ist das schönste Geschenk, das man mir machen kann“, sagt sie. Zuvor kämpfte sie mehr als zwei Jahre mit den quälenden Dauerschmerzen, die durch eine Fehlinformation im Gehirn ausgelöst werden. „Es fühlt sich an, als würde in jeder Pore meiner Haut eine Nadel stecken“, erklärt Weidner. Beim ersten Test des Cannabis-Sprays vor einigen Monaten entspannten sich ihre Muskeln und sie lief wieder statt zu humpeln. Als sie das Medikament absetzen musste, kamen die Schmerzen innerhalb von Tagen zurück. Und noch schlimmer: Sie musste die Morphium-Dosis erhöhen. „Das hat meinen Darm zerstört. Ich muss Aufbaukuren machen“, erzählt Weidner.

Schließlich schrieb ihr Dr. Horst Bettstetter vom Schmerzzentrum Inn-Salzach in Burghausen eine neue Ration des Sprays auf. Bei chronisch Kranken ist dies auch ohne Zulassung möglich, passiert jedoch selten. Vor zwei Wochen hat die Altöttingerin im Krankenhaus unter Aufsicht mit der Morphiumentwöhnung begonnen. Gleichzeitig wird sie auf Sativex eingestellt. „Ich freue mich so, dass meine Ärzte umgedacht haben. Das sollten Regierung und Krankenkassen auch tun. Dann müssten wir Patienten nicht erst alle möglichen künstlichen Medikamente mit 1000 Nebenwirkungen nehmen“, ärgert sich Weidner.

Dass Sativex in Deutschland nicht zugelassen ist, hat für sie noch einen weiteren unangenehmen Nebeneffekt: Auf den Kosten von 315 Euro pro Monat bleibt sie sitzen. Die DAK übernimmt nichts. Doch die Bräurosl hatte ein weiteres Mal Glück. „Eine zauberhafte Dame, die ich beruflich lange kenne, bezahlt das Medikament für mich. Sie ist mein Weihnachtsengel“, erzählt sie mit Tränen in den Augen.

Bypass rettete Maxim das Leben

Es war eine der spektakulärsten OPs des Jahres: Spezialisten des Deutschen Herzzentrums München setzten Baby Maxim kurz vor seinem ersten Geburtstag Mitte Oktober einen Bypass ein.

Eine bei Babys extrem seltene und schwierige OP, die weltweit bislang nur wenige Male durchgeführt wurde. „Bedenken hatte ich schon, aber der Kleine hätte sonst keine Chance gehabt“, sagt Professor Rüdiger Lange, Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie.

Der Einsatz hat sich gelohnt: Rund zwei Monate später hat Maxim nun angefangen zu laufen, Zähnchen bekommen und er isst ganz normal. „Seine Mutter ist natürlich überglücklich.“

Erschöpft: Der kleine Maxim nach der extrem schwierigen OP.

Und das, obwohl der Kleine in seiner Heimat Russland beinahe an seinem seltenen angeborenen Herzfehler gestorben wäre. Mama Ekatherina P. (29) ahnte nicht, dass ihr zweites Kind krank ist. Doch als Maxim drei Monate alt war, lag er plötzlich blau angelaufen in seinem Bettchen. Ein Herzinfarkt! Im Moskauer Herzzentrum operierten die Ärzte den Kleinen mit einer veralteten Technik. Maxim lag danach nur noch apathisch in seinem Bett.

Über eine Stiftung nahm Ekatherina P. Kontakt zu den drei deutschen Kinderherz-Zentren auf. Lange traute sich die OP als Einziger zu. Unter anderem dafür hat er Anfang Dezember die höchste wissenschaftliche Auszeichnung der TU erhalten.

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