Prozessbeginn gegen Stalker von Obergiesing

Er verknackte schon 20 Killer: Das ist Münchens härtester Richter

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Michael Höhne.

Er muss über die heftigsten Fälle richten. Michael Höhne verrät, warum er seinen Beruf trotzdem liebt, welche Taten ihn abschrecken - und wie ein Mensch zum Mörder wird.

München - Er hat einen der härtesten Jobs des Landes: Richter Michael Höhne (57) führt die Strafprozesse gegen Münchens Kapitalverbrecher – so wie ab Mittwoch gegen Roland B. (46): Der Architekt soll seine Ex-Freundin gestalkt und erstochen haben. Dafür droht lebenslänglich! 

13 Mal hat Richter Höhne die Höchststrafe seit seinem Amtsamtritt ausgesprochen, im Juni 2010 übernahm er den Vorsitz an der Ersten Schwurgerichtskammer. Oft monatelang verhandelt Höhne am Landgericht gegen Mörder und Totschläger – Auge in Auge mit den Killern. Es sind die schwersten Verbrechen, die bei ihm landen: oft grausam, extrem brutal, heimtückisch. Was viele Menschen nur aus Krimis kennen, ist für Michael Höhne Alltag. Sein Beruf ist eine Gratwanderung zwischen Spannung und Schrecken. Wie geht man damit um? Mit der tz hat der Richter offen gesprochen: Warum er seinen Beruf trotz allem liebt, welche Taten ihn abschrecken – und wie ein Mensch zum Mörder wird. 

1. Der Job des Strafrichters

Höhne im Prozess gegen Kreissägen-Killerin Gapi P.

Es war ein Fall wie aus dem Horror-Film: Mit einer Kreissäge hatte Gabi P. (32) ihrem Freund beim Sex den Kopf abgetrennt. Ein Mord! Da waren selbst erfahrene Strafverteidiger sicher. Doch Michael Höhne sah es anders: Mehr als drei Monate hatte die Studentin vor ihm auf der Anklagebank gesessen. Dann verurteilte er sie: wegen Totschlags – zu zwölfeinhalb Jahren. Der Fall zeigt, wie Höhne und seine Kollegen arbeiten: akribisch, unnachgiebig, durchsetzungsstark.

„Es macht viel aus in einer Kammer zu arbeiten, in der die Kollegen fachlich ausgesprochen gut und motiviert sind und dem Vorsitzenden auch wesentliche Arbeit abnehmen, ob das jetzt die Vorbereitung der Akten oder rechtliche Überlegungen sind. Das klappt nur, wenn man im Team arbeitet und als Team auch gut funktioniert.“ Elf Anklagen mit 107 Sitzungstagen hat Höhne im Jahr 2016 verhandelt. Allein 50 entfielen auf den Prozess gegen Horror-Hebamme Regina K., die er wegen versuchten Mordes verurteilte. Bis zu 60 Stunden pro Woche arbeitet der Richter. Er muss den Prozess planen, die Akten studieren und die Verhandlung leiten. Ich lasse mich ungern überraschen, das ist für mich wichtig“, sagt der Richter. Kein Detail darf Höhne übersehen – denn die Schuld des Angeklagten lückenlos bewiesen werden. Ein Kraftakt – und große Verantwortung.

2. Ausgleich im Privaten

Höhne weiß: Sein Job geht an die Substanz. „Neben der Arbeit braucht man ein ausgeglichenes Umfeld: eine glückliche Familie, körperliche Fitness oder Hobbys jeder Art. Das ist wichtig. Denn, wenn man es nicht schafft, auch mal abzuschalten, ist dieser Beruf auf Dauer eine Sache, die einen auffrisst.“ Ende Juni war Höhne sieben Jahre im Amt. „Als Schwurgerichts-Vorsitzender ist man derjenige, der nicht nur im Saal sitzt, sondern moderiert. Man redet, gestaltet und führt die Verhandlung.“ In einem Mordprozess sitzt Höhne Menschen gegenüber, „die um ihre Lebensperspektive und ihre Existenz kämpfen.“ Und ihre Verteidiger versuchen alles, um sie freizukriegen. „Da ist man manchmal froh, wenn man am Abend rausgeht und weiß, jetzt muss man nichts mehr tun – und kann sich im Privaten fallen lassen.“

3. Höhnes Prinzipien

„Wir in der ersten Strafkammer führen keine Verständigungsgespräche“, sagt Höhne. Üblich in Prozessen ist es oft, dass dass Angeklagte im Falle eines Geständnisses eine maximal zu erwartende Strafe aushandeln. Nicht mit Höhne! „Wir sind der Meinung, dass solche Absprachen gerade bei Kapitalverbrechen nicht gut bei der Bevölkerung ankommen.“ Weil sonst das Gefühl entstehen könnte, es sei „ein Handel mit der Gerechtigkeit – und das bei den schwersten Verbrechen überhaupt. Das sieht nach außen nicht gut aus.“ Oft sei es daher notwendig, bis zum Ende zu verhandeln.

4. Die Verhandlungsführung

Höhne gilt als besonders gründlich – wenn es sein muss, befragt er Angeklagte über Stunden hinweg. Die Strategie dahinter: Er versucht Vertrauen und Respekt aufzubauen, damit die Angeklagten sich öffnen. Sie sollen sehen, dass der Richter „nicht nur jemand ist, der draufhaut, sondern sich für sie und ihre Geschichte interessiert.“ Oft fiebern Angeklagte über Monate auf ihren Gerichtstermin hin, wissen aber nicht, was sie erwartet. „Da ist es einfacher, wenn sie zunächst ins Reden kommen.“ Für ein gerechtes Urteil müsse man herausfinden, wie jemand aufgewachsen ist, welche geistigen Fähigkeiten er hat, wie es ihm emotional und körperlich gehe. Ein Gericht dürfe nicht nur die Tat betrachten, sondern auch die Person. „Das heißt nicht, dass wir Verständnis haben, dass jemand einen Mord begeht, weil er eine schlechte Kindheit hatte. Aber man kriegt eine Vorstellung.“

5. Wann die Geduld endet

Strenge und Autorität sind für Richter wichtig. „Aber ich bin der Meinung in ruhiger Atmosphäre hat man die beste Chance herauszubekommen, was tatsächlich passiert ist.“ Auch wenn der Angeklagte eine noch so eine schlimme Tat begangen habe, „muss er die Gelegenheit erhalten, seine Sicht der Dinge darzustellen.“ Was Höhne ärgert: Wenn Angeklagte dreist lügen, „dann kann ich auch laut werden. Ich schreie aber höchstens, wenn Angeklagte selbst laut werden - um sie in die Schranken zu weisen.“

6. Was schwer erträglich ist

Hinter jedem Richter steckt ein Mensch. Aber welche Gefühle darf sich ein Richter erlauben, wenn er über Menschen urteilt? Höhne sagt: „Auch, wenn man vor Gericht ‚nur‘ ein versuchtes Tötungsdelikt hat und ‚nur‘ ein Messer verwendet wurde, das ‚nur‘ oberflächliche Verletzung verursacht hat, würde ich sagen: Das geht mir persönlich nahe.“ Erschreckend findet Höhne Taten, bei denen Anlass und Ergebnis in krassem Missverhältnis stehen: Etwa ein Raubmord wegen sehr wenig Geld, ein Ausrasten wegen einer Lappalie – oder wenn sich die Täter an einem Opfer abreagieren, das sie nicht kannten. „Das ist oft unfassbar“, sagt der Richter. Schwer verdaulich findet er auch Taten, die sich „gegen deutlich Schwächere richten“: kleine Kinder, Senioren und oft auch Frauen. Aber: Damit müssen Richter klarkommen – so wie ein Chirurg. „Er kann auch nicht sagen: Mensch, ist das grausam. Es ist sein Job. Da muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren – und das Emotionale nicht ausblenden, sondern hintenan stellen.“

7. Die schlimmsten Taten

„Wir haben am Schwurgericht in der Regel nicht den Killer, der auf Unbekannte trifft, sondern im weitesten Sinne Beziehungstaten“, sagt Höhne. Etwa unter Alkoholikern, Drogenabhängigen, Bauarbeitern, Asylanten, Geschäftspartnern – oder Familienangehörigen. „Hier meistens zwischen Mann und Frau und in der Konstellation, dass die Frau ihren Mann verlässt und er damit nicht leben kann.“ Verletzter Stolz oder finanzielle Probleme spielen hier meist eine große Rolle. Höhnes Erfahrung: „Oft gibt es dann die ultimative letzte Aussprache, die dann leider wirklich ultimativ ist – mit einem Todesfall.“ Was ihn sprachlos macht? „Wenn Männer ihre Frau vor den Augen der minderjährigen Kinder umbringen. Allein in den vergangenen Jahren gab es vier solche Fälle. Selbst wenn man als Richter viel Routine hat, geht einem das mehr als nahe.“

8. Wie man zum Mörder wird

„Immer, wenn die Emotionen sehr hoch sind, ist der Mensch in der Lage seine Hemmschwelle zu überschreiten - und auch zu töten“, weiß Höhne. Eifersucht, Rache oder verletzter Stolz - oft seien dies die Motive für die grausigen Taten. Nicht immer sind sie eiskalt geplant. „In der Beziehung zwischen Mann und Frau wird Liebe oft zu Hass oder Eifersucht. So kann es zu Ausnahmesituationen kommen. in denen auch jemand, der nie eine Vorstrafe hatte, zum Totschläger oder sogar zum Mörder wird.“ Kann also jeder Mensch zum Mörder werden - wenn man ihn nur an den falschen Punkten reizt? „Grundsätzlich ja“, glaubt Höhne. „Selbst sehr friedliebende Menschen.“

9. Wie Urteile entstehen

„Als Richter haben wir große Verantwortung und damit auch eine große Macht, die uns im Namen des Volkes übertragen wurde“, sagt Höhne. „Wir sitzen vorher oft Abende lang da und überlegen, ob wir nicht ein Detail vergessen haben. Und nur dann, wenn wir wirklich das Gefühl haben, es gibt nicht den Hauch eines Zweifels, dann kommen wir zu einer Verurteilung“, noch ganz unabhängig von der Strafhöhe. Höhne findet: „Unser Rechtsstaat muss es sich erlauben können, notfalls einen Schuldigen freizusprechen als einen Unschuldigen ins Gefängnis zu bringen.“

Seine bedeutendsten Fälle 

Fall 1: (Fast) perfektes Verbrechen

Es sah schlecht aus für die Ermittler – als würden sie diesen Mord nie beweisen können. Doch Michael Höhne klärte ihn auf und sprach Bülent A. (48) in einem Indizienprozess schuldig. Der hatte seine ehemalige Lebensgefährtin Daniela Karaffa am 12. März 2013 in ihrer Wohnung in der Nimmerfallstraße (Pasing) ermordet – und ihre Leiche im Kapuzinerhölzl vergraben. An seiner Schuld hatte Höhne keine Zweifel. Er schickte den Familienvater lebenslang hinter Gitter.

Fall 2: Anwalt wurde zum Killer

Vor den Augen seiner Kinder hatte Anwalt Michael Neumann (50) seine Frau Sandra in Schäftlarn ermordet. Im Sommer 2012 hatte er durch Zufall mitbekommen, dass sie wohl einen Liebhaber hatte – und stach in der Küche mit einem Messer auf sie ein. Insgesamt 31 Mal! Vor Gericht gestand er die Tat und weinte bitterlich. Nach Höhnes Überzeugung hatte der Anwalt aus niedrigen Beweggründen getötet.

Fall 3: Er tötete fürs Luxus-Auto

Es war Michael Höhnes erster Fall als vorsitzender Richter am Schwurgericht – und einer der spektakulärsten überhaupt. Am Ende musste Rainer H. (46) lebenslang hinter Gitter. Höhne sah es als erwiesen an, dass er den Manager Dirk von Poschinger-Camphausen ermordet hatte, um an dessen Audi zu kommen. Ein typischer Raubmord: Rainer H. hatte den Manager im Januar 2010 in eine Falle gelockt und ihn dann mit 13 Schüssen getötet.

Fall 4: 26 Jahre nach der Tat

Erst 26 Jahre nach seiner Tat wurde Norbert C. (55) im August 2011 verurteilt – zu lebenslanger Haft! Der Serieneinbrecher war 1985 in das Zimmer von Kornelia S. in der Studentenstadt eingestiegen. Um sie zum Schweigen zu bringen, würgte er sie und schlug ihr mit einer Flasche den Schädel ein. Mit 250 Mark flüchtete er. In dem Mordfall ging Höhne „nicht von Tötungsabsicht aus“. Norbert C. habe aber heimtückisch gehandelt, um den Einbruch zu verdecken.

Fall 5: Der Algarve-Mord

Seine Schuld wog besonders schwer! Gunnar D. (50) hatte im Juli 2010 seine Ex-Freundin Georgina Z. (†30) und die gemeinsame Tochter Alexandra (†21 Monate) in Portugal am Strand ermordet. Der Kfz-Mechaniker wollte mit der Tat sein verstecktes Doppelleben schützen. Dafür war ihm jedes Mittel recht. Höhne: „Die Algarve-Küste erschien für seinen Plan der geeignete Tatort.“ Nach dem Rückflug wurde D. in München verhaftet.

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