Erster Arbeitstag nach dem Tod seines Vaters

Michael Käfer: Den Vater im Ohr, sein Armband am Gelenk

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Den Silberreif hatte Gerd Käfer immer getragen – seit Samstag hat ihn sein Sohn Michael am Handgelenk. Was ihm der Vater bedeutet hat, schilderte er tz-Kolumnistin Ulrike Schmidt.

München - Es ist Dienstagfrüh - die Fahnen am ­Käfer-Stammhaus in der Prinzregentenstraße tragen Trauerflor, der Feinkostladen hat gerade aufgemacht.

Am Eingang liegt ein Kondolenzbuch aus. Zwei Kerzen brennen vor dem Porträt von Gerd Käfer († 82), der aus dem Lebensmittelladen seiner Eltern dieses Feinkost-imperium, eine Weltmarke geschaffen hat. Am Pfingstsamstag um vier Uhr morgens ist er nur ein paar Hundert Meter weiter in seiner Bogenhausener Wohnung an Leberkrebs gestorben.

Die 70 Mitarbeiter, die hier im Stammhaus Dienst tun, tragen heute nicht die Käfer-Farbe Weinrot am Kragen, heute sieht der Kunde nur schwarze Krawatten. Und die Hintergrundmusik ist abgeschaltet. Michael Käfer (57) wollte das so – aus Respekt vor seinem Vater. Der Sohn saß bis zum letzten Atemzug seines Vaters an dessen Sterbebett. So hatten sich Vater und Sohn wieder gefunden – nach all den Querelen, die es gegeben hat. Und darüber waren die beiden am Ende richtig glücklich.

Die tz-Kolumnistin ist mit Michael Käfer im Feinkostladen verabredet. Am Eingang liegen die Zeitungen aus. Auf jeder ist der Tod des Vaters Schlagzeile – und die Versöhnung am Sterbebett. Michael trägt Trauer: dunkler Anzug.

Michael ­Käfer und seine Frau Clarissa werden das Andenken an Gerd Käfer bewahren.

Wie es wohl ist, wenn das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen immer für jeden lesbar in der Zeitung steht – wie bei den Käfers? „Wissen Sie“, antwortet Michael, „wir leben ja auch von der Öffentlichkeit. So ist mein Vater groß geworden und deshalb ist es auch in Ordnung so.“ Und deshalb ist Michael Käfer auch am ersten Geschäftstag nach dem Todestag für alle ansprechbar. „Mir geht es gut. Ich habe mit meinem Vater noch eine sehr intensive Zeit erlebt. Wir sind uns nie so nah gekommen wie in den letzten Wochen.“ Das bringt Michael Käfer jetzt zum Lächeln.

Es gibt viel zu tun: die Besprechung mit dem Bestattungsunternehmen Karl Albert Denk, die Planung der Trauerfeier am 2. Juni und die Beerdigung im kleineren Kreis am 3. Juni am Ostfriedhof. Die Einladungen müssen verschickt und das Programm erstellt werden. „Meines Vaters große Themen – Staatsoper und Zirkus – kommen natürlich vor. Die Trauerfeier soll aber auch würdevoll sein. So wird sich das gewünschte Bunte bei der Kleidung wohl eher nur auf Krawatten und Tücher beziehen.“

Denn ganz so detailliert wie es Gerd Käfer zu Lebzeiten immer gern erzählt hatte, hat der Tafeldecker der Nation „seine letzte Party“ dann doch nicht geplant. Und als das Ende noch weit war, saß ihm auch noch mehr der Schalk im Nacken. Zuletzt hatte er bei so manchen Details immer wieder seine Meinung geändert. „Es gibt Aufzeichnungen, aber keine vollständigen. Wir versuchen alles in seinem Sinne zu gestalten“, verspricht Michael.

Nicht immer war alles in Gerd Käfers Sinn, was der Junior im Unternehmen nach der Übernahme gemacht hat, machen musste – schon aus wirtschaftlichen Gründen. Ab 1988 stieg Michael in die Geschäftsleitung mit ein, 1995 kaufte er seinem Vater und seinem Onkel ­Helmut das Unternehmen mit einem Kredit ab.

Trotzdem kam Gerd Käfer fast jeden Tag in den Feinkostladen und fragte nach den Geschäften, korrigierte die Auslagen, erkundigte sich, warum es eine bestimmte Ware nicht gibt Er sah alles und mahnte es an. „Wenn er konstruktiv Kritik geübt hat, war auch immer was dran. Das wird uns fehlen.“

Das letzte große Thema, mit dem Gerd Käfer seinem Sohn in den Ohren lag: dass Käfer in Parsdorf eigenes Ackerland kaufen und Gemüse anbauen solle. „Wir haben ja schon Dachgärten mit Gemüse bepflanzt, aber so schnell geht’s halt nicht, wie die Ideen meines Vaters gesprudelt sind. Ich hab’ ihn immer im Ohr. Und immer öfter frage ich mich: Wie würde mein Vater manches sehen und würde er sich aufregen?“

Ja, aufgeregt hat sich Gerd ­Käfer oft. Er war ungeduldig, leidenschaftlich, er trug sein Herz auf der Zunge. Aber er war nie nachtragend. Und er gab seinem Sohn Ratschläge wie ­Gesetze: „Wenn du in ein Lokal kommst und eine Glühbirne ist ausgebrannt, ist der ganze Laden schlecht.“ Das ist das Erste, worauf Michael Käfer heute schaut: ob alle Lampen brennen – bei ihm und woanders. Dass alles picobello ist. „Viele sagen, dass mein Vater und ich uns sehr ähnlich sind“, gesteht Michael. Das Streben nach Perfektion, der Fleiß, das Selbstverständnis als Dienstleister. „Das war ja sein großer Erfolg! Ich bin vielleicht etwas zurückhaltender als er.“

Am Handgelenk trägt Michael Käfer seit Samstag den Silberreif seines Vaters, auf dem das Geburtsdatum eingraviert ist. „Da lasse ich jetzt noch den Geburtstag unserer Zwillinge nachtragen, dann sind alle darauf vereint.“ Raphael und Niklas sind inzwischen vier. „Mein Vater hatte Kontakt und war irrsinnig stolz, aber mit der Beziehung zu Kindern tat er sich immer etwas schwer.“ Michael hat das am eigenen Leib erfahren. Aber das ist alles ausgesprochen und passé. Deshalb macht’s ihm jetzt auch nichts mehr aus, wenn er seinen Vater im Ohr hat: „Warum sind denn die Erdbeeren noch nicht vor dem Laden aufgebaut?“

Genau deshalb steht das alte Erkerbüro von GK, wie Gerd Käfer im Stammhaus genannt wird, seit Jahren leer. Auf Geheiß von Michael. Weil sich eben noch keiner gefunden hat, der so gut gewesen wäre wie er.

Ulrike Schmidt

Mit der tz war er an seinem Grab

Er liebte das Leben. Doch das hieß nicht, dass Gerd Käfer den Tod hasste. Im Gegenteil: In den letzten Jahren behandelte er ihn wie einen Freund. Nicht ganz freiwillig, wie er mir im September 2013 erzählte. Fünf Monate zuvor war er in Lebensgefahr schwebend ins Bogenhausener Krankenhaus eingeliefert worden.

Sein Gallensaft war nicht mehr abgelaufen. Not-OP. „Zwei Tage war ich schon tot“, beschrieb er die Situation – vor ungewöhnlicher Interview-Kulisse. Wir trafen uns auf dem Ostfriedhof – an seinem Grab! Blumenschmuck, Einfassung, Inschrift („Der bayerische Tafeldecker Gerd Käfer kommt einmal hier zur Ruhe“). Und das erfüllte ihn mit einer großen Befriedigung. Zehn-, zwölfmal im Jahr ließ er sich mit dem Taxi hierherkutschieren, um über den Tod zu sinnieren. Aber auch gern, um die Friedhofsbesucher zu beobachten, die an seinem Grab innehielten und die umso verblüffter schauten, wenn sie ihm dann kurz darauf begegneten.

Die letzte Ruhe hätte er aber trotzdem gern noch ein paar Jahre hinausgeschoben. Notfalls per Deal mit dem Boandlkramer. Wenn sich der erst einmal an die Schmankerl in der KäferSchänke gewöhnt hätte, dann, so seine Hoffnung, hätte er gute Chancen, vielleicht 100 zu werden. Die Gene würden es hergegeben, schließlich sei seine Großmutter schon 90 geworden und die Mutter 94. Und wenn nicht? „Dann geht’s ins nächste Leben“, verkündete er mit todernster Miene. Deshalb wolle er in einem Zinnsarg begraben werden. „Zinn hält frisch!“ Und er wolle frisch sein, wenn er ins nächste Leben starte. Am liebsten erneut als Gerd Käfer.

Mit solchen Themen ging’s rauf und runter am Ostfriedhof. Und der Gourmet-Papst plauderte über seine Beerdigung, als ob’s um die nächste Party ginge. Menü, pardon, Leichenschmaus inklusive. Einfache Kost: Suppe, gefüllte Kalbsbrust mit Kartoffelschaum und gegrillter Schweinebauch. „Mit Sauce, wie sie meine Oma gemacht hat, ein Originalrezept.“ Anschließend beim Bier im Paulaner am Nockherberg gestand Käfer melancholisch, dass er am liebsten selbst mitfeiern würde bei seiner Leich’, aber dann fällt ihm gleich eine Alternative ein: „Wahlweise servier’ ich halt im Himmel.“

Wolfgang de Ponte

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