Plötzlich wurden 800 Euro mehr gefordert 

Miet-Wahnsinn in München: „Das Haus ist egal, die Menschen erst recht“

Ausspekuliert: Tilman Schaich wehrt sich gegen das System auf dem Wohnungsmarkt, das „ausschließlich darum geht, so viel Gewinn zu machen wie möglich“. Götzfried

Geld und Gier regieren den Wohnungsmarkt, in München ganz besonders. Viele Politiker stimmen zu, sie sagen: Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit. Nur was tun sie eigentlich?

Tilman Schaich sitzt vor einem kleinen Café in der Sonnenstraße in München. Er starrt auf seinen Kaffee, überlegt. „Das muss 2000 gewesen sein“, sagt er dann, „direkt nach dem Studium“. Er hat damals lange gesucht, bis er sie entdeckt hat, fast ein halbes Jahr. Im Stadtteil Haidhausen, nur drei S-Bahn-Stationen von dem kleinen Café entfernt, ist er in seine erste eigene Wohnung in München gezogen. Eine WG, zwei Zimmer, einigermaßen finanzierbar.

Schaich, 48, ein gelernter Designer, hat schon in vielen Städten gelebt. Er studierte in Linz, später arbeitete er in Wien, am Ende aber ist er immer wieder in München gelandet. Nur haben auch die schönsten Flecken der Stadt die Symptome der Not irgendwann nicht mehr überpinselt. Die alten Menschen, die klagen, weil ihre Wohnungen die Rente fressen. Die Familien, die überlegen, ob sie wirklich noch ein Kind wollen, weil mit jedem Umzug auch die Miete unverhältnismäßig steigt. Die Studenten, die den Münchner Universitäten absagen, weil sie fürchten, sich das Leben dort nicht leisten zu können. „Ein absolutes Armutszeugnis“, sagt Schaich. Und als er selbst plötzlich pro Monat 800 Euro mehr für seine Wohnung zahlen sollte, fing er an, sich zu wehren.

Schaich kämpft und weiß, dass man sich kaum wehren kann

Jetzt führt Tilman Schaich einen Kampf, von dem er sagt, dass man sich in ihm eigentlich kaum wehren kann. Er versucht es trotzdem. Mit einem Mieterstammtisch, den er ins Leben gerufen hat. Mit Netzwerken, die er verknüpft. Im September hat er sogar eine Demonstration mitorganisiert: #Ausspekuliert. Mindestens 10 000 Menschen sind mit ihm auf die Straße gegangen, weil sie die Wohnungen in ihrer Stadt auch nicht mehr für einigermaßen finanzierbar halten. Ein Funken Hoffnung.

Ein Doppelhaus in der Thalkirchener Straße, hier lebt Tilman Schaich seit sieben Jahren. Der Preis lockte ihn damals: 670 Euro für 69 Quadratmeter, so wenig zahlt man im Stadtkern selten. Vor zwei Jahren aber verkaufte der Besitzer plötzlich und setzte jenen Mechanismus in Gang, der viel über die Gier auf dem Wohnungsmarkt verrät.

Mit Modernisierung zur Mieterhöhung

Die neuen Eigentümer kündigten sofort Modernisierungen an. Ein Standardtrick, um den Wert zu steigern. Die Wohnungen, in denen zum Teil Künstler ihre Werke ausstellten, wandelten sie in Eigentumswohnungen um. Filetstückchen, wie Schaich sie jetzt nennt. Ein paar Wochen später verkauften die Besitzer ihre neuen Filetstückchen an das nächste Unternehmen. „Es geht ausschließlich darum, so viel Gewinn zu machen wie möglich“, sagt Schaich. „Das Haus ist dabei egal. Und die Menschen, die darin wohnen, erst recht.“

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Nun gehören die Wohnungen in der Thalkirchener Straße einer großen Immobilienfirma. Diese setzt die Modernisierungen um, geplant ist etwa eine Gegensprechanlage mit Kamera. Ein unnötiger Luxus, klagt Schaich, um die Mieten anheben zu können. Schon jetzt verlangen die neuen Eigentümer 100 Euro mehr. Weil das Haus unter Denkmalschutz steht, verzögern sich die vielen Aufhübschungen, wenn sie aber einmal vollendet sind, soll es einen neuen Mietpreis geben: 1496 Euro pro Monat. Die Immobilienfirma hat Schaich in Aussicht gestellt, die Wohnung zu kaufen – für 13 500 Euro pro Quadratmeter, also fast eine Million Euro.

Ein kleines Zimmer im Bayerischen Landtag, die Grünen haben zu einem Wahlkampftermin eingeladen. Auf einem Stuhl sitzt Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag. „Wohnen ist die entscheidende soziale Frage unserer Zeit“, sagt sie. Man hat diesen Satz zuletzt oft gehört, die politische Elite hat das Wohnen als dringendes Problem identifiziert. Nur: wie bekämpft sie es?

„Die Zukunft ist nicht die Eigentumswohnung, sondern Miete oder Genossenschaft“, sagt Ludwig Hartmann, der Spitzenkandidat der Grünen. Er sitzt an diesem Tag neben Göring-Eckardt – und stellt den Fünf-Jahres-Plan der Partei für Bayern vor: 50 000 Wohnungen mit 40-jähriger Sozialbindung, gefördert mit insgesamt fünf Milliarden Euro. Hartmann hält das für notwendig, denn er glaubt: „Die Eigenheimzulage und das Baukindergeld Plus werden die drängenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt nicht lösen.“

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Die CSU sieht das anders, sie hat diese beiden Maßnahmen schließlich eingeleitet. „Die Wohnungsknappheit kann nur durch Bauen gestoppt werden – und zwar in allen Bereichen“, sagt Thomas Kreuzer, der Vorsitzende der CSU-Fraktion im Landtag. Er verteidigt die Eigenheimzulage (wer baut oder kauft, erhält einen einmaligen Zuschuss von 10 000 Euro) und das Baukindergeld Plus (zusätzlich zum Baukindergeld des Bundes 300 Euro pro Kind und Jahr für zehn Jahre). Dazu will die CSU eine Wohnungsbaugesellschaft einsetzen, die „BayernHeim“. Bis 2025 soll sie 10 000 Wohnungen für niedrige und mittlere Einkommen errichten.

Und die SPD, die München regiert? Sie verspricht bayernweit 100 000 neue Mietwohnungen in fünf Jahren – davon 25 000, die der Freistaat mit einer Wohnungsbaugesellschaft stemmt.

In der Thalkirchner Straße verfolgt Tilman Schaich solche Ankündigungen ganz genau. Im Moment helfen sie ihm aber nicht. Obwohl die neuen Eigentümer mit Mieterhöhungen drohen, harrt er in seiner Wohnung aus. Viele Nachbarn sind derweil schon ausgezogen. Einer, erzählt er, wohnt seit Monaten in seinem Büro, weil er keine Wohnung gefunden hat. Das nehmen die Eigentümer in Kauf. Bei einem Treffen, erinnert sich Schaich, teilten die Besitzer mit: „Gerichtliche Auseinandersetzungen sind nicht erwünscht, gehören aber zum Geschäft.“

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