Miet-Wahnsinn

125 Münchner bewerben sich um EINE Wohnung

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Freitagmorgen um zehn vor 9 Uhr an der Ecke Blumen- /Angertorstraße: 125 Menschen stehen an, um eine Gewofag-Wohnung zu besichtigen.

München - Die Passanten und Autofahrer an der Ecke Blumen-/Angertorstraße wollten ihren Augen nicht trauen: 125 Menschen stehen Schlange, um sich eine Wohnung anzuschauen

Freitag morgens um 8.50 Uhr an der Ecke Blumen-/Angertorstraße. Die Autofahrer am Altstadtring reiben sich die Augen: Eine nicht enden wollende Menschenschlange steht links und rechts des Rings, auf beiden Seiten der Blumenstraße und in der Angertorstraße an. Was hier los ist? Hier stehen 125 Münchner an, weil sie eine bezahlbare Wohnung wollen!

Blick in die Wohnung. Sie hat drei Zimmer, Parkett, ein modernes Bad und einen Erker im Wohnzimmer - ein Traum, und auch noch billig.

Den Run auf diese Wohnung hat ein Inserat der städtischen Wohnungsfirma Gewofag ausgelöst. Im ersten Stock der Angertorstraße 1 ist eine knapp 80 Quadratmeter große Dreizimmer-Wohnung frei geworden. Ein schöner Altbau, Parkett, nur die Lage an der Ecke über dem Altstadring ist nicht die beste. Doch das schreckt die Interessenten nicht ab, der Preis ist ein Traum.Die Kaltmiete beträgt 652 Euro, mit Heiz- und Nebenkosten werden 886 Euro fällig. „Mittlerweile werden in der Altstadt bis zu 53 Euro pro Quadratmeter verlangt, 25 Euro sind bei frisch sanierten Altbauten die Regel“, berichtet Gerhard Lackinger vom Bündnis für bezahlbares Wohnen (siehe unten). Doch diese Wohnung kostet nur 8,15 pro Quadratmeter! Auch Lackinger hatte sich für die Wohnung interessiert: „Ich war zehn vor neun da. Doch als ich die Schlange sah, bin ich wieder gegangen. Da sah ich keine Chance.“

Lackinger hatte die von der Gewofag verlangten Kopien der Personalausweise von sich und seiner Lebensgefährtin dabei, außerdem die Renten- und Gehaltsabrechnungen, Selbstauskunftsbogen und die Freigabe für Schufa-Auskünfte.

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Die Gewofag weiß, dass die freie Wohnung an der Angertorstraße ein begehrtes Schnäppchen ist. Die Sprecherin Tanja Thurner sagt: „Die Wohnung in der Angertorstraße 1 ist eine der wenigen, die wir im Zentrum frei finanziert anbieten. Die Nachfrage nach besagtem Objekt stellt aufgrund der Innenstadtlage durchaus einen Spitzenwert dar.“

Wie die Gewofag nun entscheidet, wer den Zuschlag für das begehrte Domizil erhält? Thurner: „Sie wird über das Losverfahren gefällt. Somit ist eine gerechte Vergabe gewährleistet.“

Er hat die Hoffnung aufgegeben

Gerhard Lackinger.

Der Rentner Gerhard Lackinger (66) wohnt seit 34 Jahren mit seiner Lebensgefährtin in einem Mietshaus in der Damenstiftstraße mitten in der Altstadt: „Unser Haus wurde 2007 verkauft und wird von den neuen Besitzern saniert.“ Die Miete betrug bislang 8 Euro kalt. „Nach der Sanierung werden 25 Euro Miete fällig.“ Das kann sich das Paar nicht leisten. „Deshalb suchen wir eine neue Wohnung, am liebsten in der Altstadt.“ Doch die Schlange in der Angertorstraße hat Lackinger desillusioniert. „Wir hatten aber in Haar bei einer Besichtigung auch 40 Leute vor uns. Wir werden wohl noch weiter raus ziehen müssen.“

Johannes Welte

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