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Nach 20-Prozent-Mieterhöhung aus München: Leipziger prangert in Wut-Tweet „Machtgefälle” an

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Von: Klaus-Maria Mehr

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Carsten G. twittert seine Mieterhöhung in Leipzig. Sein Vermieter kommt aus München.
Carsten G. twittert seine Mieterhöhung in Leipzig. Sein Vermieter kommt aus München. © Twitter/dpa

Zum Jahreswechsel wird Carsten G. wieder darauf hingewiesen, dass er Ostdeutscher ist. Die freundliche Erinnerung kommt per Post aus München. Über ein Machtgefälle, das sich in die nächste Generation fortsetzt.

München - Wohnungsnot und Mietpreise in München gelten als legendär weit über die Landeshauptstadt hinaus. Was weniger bekannt ist: Immobilien-Besitzer aus München treiben auch die Mietpreise in anderen deutschen Großstädten an, besonders im Osten Deutschlands. Leipzig zum Beispiel gehört schon lange nicht mehr den Leipzigern, sondern vor allem privaten Investoren aus Westdeutschland. 86 Prozent der Leipziger Mieter überweisen nach einer Recherche der Leipziger Volkszeitung (Bezahlschranke) ihre Miete monatlich in den Westen. Viele Zahlungen dürften auch nach München und Oberbayern gehen.

Leipziger macht 20-Prozent-Mieterhöhung aus München via Twitter öffentlich

Ein Leipziger, 42, den wir, damit er und seine Familie keinen Ärger von seinem Münchner Vermieter bekommen, der Einfachheit halber Carsten G. nennen, hat sich nach einer Mieterhöhung um fast 20 Prozent auf Twitter zu Wort gemeldet und damit über 3500 Likes und 435 Retweets provoziert.

Vorweg: Carsten G. zahlt laut Mietvertrag eine sogenannte Indexmiete. Der Mietpreis ist dabei an den Verbraucherpreisindex gekoppelt. Steigt dieser aufgrund von hoher Inflationsraten, kann der Vermieter auch die Miete deutlich erhöhen. In der Theorie soll die Indexmiete sowohl für Vermieter als auch Mieter sicherstellen, dass inflationsbereinigt immer derselbe Wert für die Wohnung bezahlt und erhalten wird. Denn sollte der Verbraucherpreisindex sinken, könnte der Mieter auch eine Mietpreissenkung einfordern. Zumindest in der Theorie. In der Praxis sinkt der Index eigentlich so gut wie nie. 

Mieterhöhung aus München in Leipzig um 20 Prozent ist rechtens - darum geht es aber nicht

Aufgrund der hohen Inflationsrate 2021 ist Carsten G.s Mieterhöhung also völlig rechtens. Das haben ihm offenbar auch viele, vor allem westdeutsche Twitter-User eingehend erklärt. Darum ging es G. aber gar nicht, als er twitterte: „Warum wir Ossis immer noch zwischen Ost und West unterscheiden? Wegen des Machtgefälles: Ich lebe in Leipzig, mein Münchner Vermieter begrüßt mich 2022 mit einer Mieterhöhung um fast 20%.“

Auf Twitter macht Carsten G. seinem Ärger Luft. Es geht ihm weniger um die Mieterhöhung, vielmehr um das Machtgefälle zwischen München und Leipzig.
Auf Twitter macht Carsten G. seinem Ärger Luft. Es geht ihm weniger um die Mieterhöhung, vielmehr um das Machtgefälle zwischen München und Leipzig. © Screenshot Twitter

Ihm ging es eben um jenes Machtgefälle, das sich perfide in seiner Generation fortsetzt, obwohl der 42-Jährige die meiste Zeit seines Lebens im wiedervereinigten Deutschland verbracht hat.

Ungleiche Besitzverhältnisse: Machtgefälle zwischen Ost und West setzt sich durchs Erben fort

Denn Carsten G.s Altersgenossen im Westen gehören zur Generation Erben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von Gütern und Barvermögen im Wert von 300 bis 400 Milliarden Euro aus, die derzeit jährlich vererbt oder in Form von Schenkungen an die jüngere Generation weitergegeben werden. Darunter werden wohl auch einige Wohnungen in Leipzig sein. G. bekommt von seinen Eltern: nichts. „Meine Eltern sind beide Akademiker. Trotzdem waren sie nach der Wende arbeitslos.“ Davor, in der DDR, war es erst gar nicht möglich eigenes Eigentum aufzubauen. „Wäre ich im Westen aufgewachsen, hätte ich heute eine Eigentumswohnung.“

Das vererbte Vermögen vergrößert nicht nur die Kluft zwischen Arm und Reich in ganz Deutschland, es gibt auch die Mauer zwischen Ost und West an eine Generation weiter, die nie mit ihr gelebt hat. 

Carsten G. hat sich die meiste Zeit seines Lebens nicht als Ostdeutscher gefühlt. Erst als er in den Westen gezogen ist, in Hamburg und München gelebt hat. „Du kommst aus Ostdeutschland? Das hört man gar nicht“, war so ein Klassiker. Nun, zuhause in Leipzig zum Jahreswechsel, erinnert ihn ein Münchner wieder daran, dass G. Ostdeutscher ist und was das bedeutet.

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