Existenzangst nach Renovierung

Mietschock! Bewohner sollen das Doppelte zahlen

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Von links: Anwalt Jürgen Hanreich, Jutta D., Felizia M. und ihre Schwägerin Friederike M., Max E., Gisela S. und Anwalt Axel Wetekamp.

München - Die alteingesessenen Mieter in einem Haus im Schlachthofviertel müssen nach einer Renovierung trotz Mini-Renten plötzlich Mega-Mieten zahlen. Der Vermieter ist selbst verzweifelt.

Der frühere Eigentümer des Anwesens am Schlachthof beruhigte die Mieter noch, nach dem Verkauf werde sich nichts ändern. Kurz darauf erhielt Felizia Meier (81) vom neuen Vermieter eine 20-Prozent-Erhöhung. Seit Mai zahlt sie 516 Euro. Bald kündigte der Eigentümer die Modernisierung an, über Weihnachten kam der Brief. Danach würden 1000 Euro fällig – plus Nebenkosten.

Felizia Meier wohnt seit über 50 Jahren im Haus, ein glückliches Leben voll Fleiß und Arbeit für die Isartal-Bäckerei ihrer Familie, die früher im Haus war. Jetzt sagt sie: „Ich kenne mich gar nicht mehr.“ Seit die Miet-Steigerung bei ihr einzog, hat sich alles geändert.

Das ist kein Skandal. Hier im alten München geschieht kein Unrecht – es ist der ganz normale Wahnsinn des neuen München. Der Eigentümer darf die Preise derart erhöhen. Das Gesetz erlaubt ihm, die Kosten der Modernisierung zusätzlich auf die Miete umzulegen.

Die jungen Leute mit ihren Gehältern von Siemens, Allianz und BMW können das zahlen. Den Alteingesessenen mit ihren kleinen Renten ziehen die Preise den Boden unter den Füßen weg: Frau Meier im Erdgeschoss, Frau Schauer (80) aus dem ersten Stock, Herrn Egerer (74) im zweiten und Frau Döring (56) einen Stock darüber. Jetzt müssen ihnen zwei Spitzen-Juristen beistehen (siehe unten).

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Seit Jahren wohnen die Nachbarn sehr günstig in riesigen Wohnungen. Manche kommen mit 3,50 bis 5 Euro pro Quadratmeter davon. Andere zahlen jetzt schon mehr, bei ihnen liegt der Anstieg darum nicht im Bereich einer Verdoppelung wie bei Felizia Meier.

Eigentümer Ingo Gerschlauer will keine Mieter vertreiben.

Die gebürtige Erdingerin muss trotz der Mini-Miete jetzt schon jeden Monat zum Ersparten greifen. Sie lebt seit 1962 in der 100-Quadratmeter-Wohnung, damals zu sechst mit Mann Johann, zwei Kindern, Schwägerin und dem Gesellen aus der Backstube. Ihr Johann starb vor bald drei Jahren, seitdem ist sie allein in ihrer stets auf eigene Kosten in Schuss gehaltenen Wohnung. So wie Gisela Schauer über ihr. Wie soll die Schneidermeisterin über 1000 Euro Miete mit 1100 Euro Rente finanzieren? „Dann gehe ich ins Altenheim“, sagt sie verbittert. Alle ihre Bekannten leben im Haus.

Nun ist der neue Eigentümer Ingo Gerschlauer mit Sicherheit kein Hai, kein Umwandler und wohl nicht einmal ein Luxus-Sanierer. Der Münchner Makler klingt selbst verzweifelt: „Das ist meine Altersvorsorge.“ Aber mit den Billig-Mieten sei das Haus nicht zu halten. Die Preise seien nur möglich, weil die früheren Besitzer nichts ins Haus investiert hätten. „Durch das Dach hat es reingeregnet“, sagt Gerschlauer. Manche Bewohner hätten Nachtspeicheröfen. Wärmedämmung? Fehlanzeige! Andere Mieter hätten sich über die „Bruchbude“ beschwert. „Wir sollen doch isolieren, damit Energie gespart wird“, sagt Gerschlauer.

Allein für die Wohnung Jutta Dörings sollen 48 000 Euro fällig werden. Elf Prozent darf er pro Jahr auf die Miete schlagen – hier 440 Euro im Monat. Das entspricht auch bei ihr fast einer Verdoppelung auf etwas mehr als 1000 Euro. Das neue Mietrecht stellt Eigentümer beim Öko-Umbau sogar besser als früher.

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Doch das Gesetz kennt auf die wahren Fragen keine Antworten: Kann eine Verdopplung der Miete überhaupt gerecht sein? Müssen alte Menschen umziehen, um sich dem Markt anzupassen? Darf Klimaschutz auf Kosten Armer gehen?

Gerschlauer hat Felizia Meier sogar eine halbierte Wohnung im gleichen Haus zum alten Preis angeboten. Für den monatelangen Umbau müsste sie wohl in eine Pension umziehen. Davor hat sie Angst: „Wenn ich draußen bin, bin ich draußen.“ Die Mieter-Anwälte sagen, dass in vergleichbaren Fällen Bewohner nie zurückgekehrt sind, weil die Eigentümer die Wohnungen teurer weitervermieten.

Gerschlauer weist das weit von sich und beklagt seinerseits das Taktieren der Anwälte. „Irgendwo gibt es eine Grenze, wo ich selbst über einen Verkauf nachdenken muss“, sagt Gerschlauer. Dann könnten ganz andere Eigentümer zum Zug kommen.

"Wir brauchen eine Münchner Lösung"

Früher verdonnerte er Mörder und wurde als Schwurgerichts-Vorsitzender zu einem der berühmtesten Richter der Stadt. Jetzt steht Jürgen Hanreich den Mietern am Schlachthof bei. Er weiß, dass ihr Schicksal in München alltäglich geworden ist: „Ältere Menschen leben oft allein in großen Wohnungen. Sie haben keine Familie mehr, sondern nur noch die Nachbarn. Es ist eine Katastrophe, wenn man sie aus ihrer Umgebung heraus nimmt.“ Darum fordert er eine „Münchner Lösung“. Sanierungen müssten freiwillig sozialverträglich und menschenwürdig gestaltet werden – mit viel Geduld. Sein Kollege in der Kanzlei Paproth und Metzler, Ex-Mietrichter Axel Wetekamp, sagt: „Wohnungen sind eben kein Wirtschaftsgut, sondern auch ein soziales Gut.“ Der Anwalt des Mietervereins, Günther Rieger, sagt: „Wir setzen uns hier gegen die Vertreibung über den Geldbeutel zur Wehr.“

David Costanzo

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