tz-Report aus dem Olympiastadion

Das Schicksal der Kosovo-Flüchtlinge

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Der umfunktionierte VIP-Bereich des Olystadions.

München - Die neue Asyl-Welle hat München längst erreicht. Die Flüchtlingsunterkünfte sind überfüllt. Der tz-Report aus dem vollbelegten VIP-Bereich des Olympiastadions beschäftigt sich mit dem Schicksal der Kosovo-Flüchtlinge.

Es ist 12.04 Uhr, VIP-Eingang des Olympiastadions: Direkt neben der Eingangstür steht ein junger Mann und wischt sich die Tränen aus den Augen. „Ich will nicht von meinem Freunden getrennt werden“, flüstert der Kosovare immer wieder. Helfer der Stadt reden beruhigend auf ihn ein. Seit wenigen Minuten ist klar, dass der Asylbewerber in eine andere Flüchtlingseinrichtung verlegt wird. Alleine. Ob er in Deutschland bleiben darf? Unwahrscheinlich.

Helmut Nagelmüller hilft den Flüchtlingen.

Die neue Flüchtlingswelle: Eigentlich war der VIP-Bereich des Olympiastadione nur als absoluter Notnagel gedacht. Nur, wenn nirgends mehr in München Platz ist, sollten hier Asylbewerber untergebracht werden. Jetzt sind die hallenartigen Räume, wo einst Gerd Müller und Paul Breitner ihre Meistertitel feierten, fast bis auf den letzten Platz gefüllt. „Genau 182 Menschen können bei uns unterkommen“, erklärt Helmut Nagelmüller von der Stadt. „Derzeit sind auch bei uns 75 Prozent der Bewohner aus dem Kosovo“, fügt er an.

Nagelmüller schmeißt den Laden hier mit seinem Team. Sorgt dafür, dass es genug zu essen gibt, dass jeder Flüchtling sich trotz der Enge irgendwie wohlfühlt. Oder zumindest die Möglichkeit hat, so zu tun. Die Liegen stehen dicht zusammen, es gibt einen Bereich für Männer und einen für Frauen. Zig Nationen teilen sich den Raum, unterschiedlichste Religionen – und dennoch gibt es nie Streit. „Die Menschen hier kommen gut miteinander aus, sie sind kein bisschen aggressiv, immer freundlich“, erklärt Nagelmüller. „Nach all den Strapazen ist das bewundernswert.“

Das gilt auch für die Kosovaren, die ja mittlerweile in der Überzahl sind. Bei den meisten von ihnen hat sich schon herumgesprochen, dass ihr Asylwunsch wohl unerfüllt bleibt. Dass die Schleuser in ihrem Land logen, als sie sagten, Deutschland nehme alle auf und sei ein Paradies. Unglaublich: Allein in der vergangenen Woche kamen knapp 2000 Menschen aus dem ärmsten Balkanland direkt nach München. Die Regierung von Oberbayern richtete sofort einen Notfallplan ein. Mittlerweile sind fast alle Flüchtlingseinrichtungen wieder bis auf den letzten Platz gefüllt – im VIP-Bereich des Olympiastadions arbeiten die Helfer derzeit in 24-Stunden-Schichten.

Was bewegt die Menschen zu ihrer Flucht? Die tz spach mit Flüchtlingen aus dem Kosovo:

Armin Geier

Ich hoffe, ich darf bleiben 

Nedzad Kurti (24) aus Podujevao im Kosovo

Ich bin mit meiner Frau und mit meinen zwei Kindern nach Deutschland gekommen. Ich musste weg – ich wusste einfach nicht mehr, wie ich die Kinder ernähren sollte. Genau 100 Euro hatte ich zusammengespart und einem Schleuser gegeben, damit er uns per Transporter nach Deutschland bringt. Das war mein letztes Geld. Jetzt weiß ich wirklich nicht, wie es weitergehen soll. Irgendwie hoffe ich, dass ich bleiben kann. Ich würde jede Arbeit annehmen.

Kann nicht mehr studieren

Ekrem Dragaj (24) aus Pristina im Kosovo

Ich war Student der Politikwissenschaft an der Uni in Pristina. Ich habe aber kein Geld mehr, um mir das Studium weiterhin zu finanzieren. Dazu kommt: Es gibt im ganzen Kosovo keine Jobs. Wie soll ich da Geld verdienen, um meinen Abschluss zu machen? Eigentlich war ja geplant, dass ich meine Familie irgendwann unterstütze. Jetzt blieb mir nur, nach Deutschland zu reisen. Es muss ja weitergehen.

Unser Land ist am Ende

Redzep Berscha (48) aus Podujevo im Kosovo

Ich habe vier Kinder, musste sie zurücklassen. Die jüngste Tochter ist 13 Jahre alt. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich für Essen auf dem Tisch sorgen soll. Wir haben die letzten Monate von 70 Euro Sozialhilfe leben müssen – sechs Personen. Wie soll das gehen? Seit Monaten suche ich einen Job in meiner Heimat, aber es gibt nichts. Das Land ist wirtschaftlich völlig am Ende. Dazu kommt: Die Ärzte behandeln dich auch nur, wenn du Bares auf den Tisch legst.

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