Die Engel von der Bayernkaserne

So erleichtern Anwohner den Flüchtlingen den Start in München

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Margit Merkle, 43 (Im Bild links), Teilzeitsekretärin aus Freimann, verteilt Kleider und berät Schwangere – wie die verheiratete Tesesi (22) aus Eritrea, die ohne Mann hier ist.

München - Freiwillige aus der Nachbarschaft helfen in der Bayernkaserne aus. Sie unterstützen die Flüchtlinge dabei, sich hier zurechtzufinden. Die tz hat sie bei ihrer Arbeit begleitet.

Tausende Münchner fahren täglich an der Asylunterkunft in der Bayernkaserne vorbei, in der aktuell 1728 Asylbewerber ihre ersten Tage in Deutschland verbringen. Diese Menschen kommen meist nur mit dem an, was sie am Körper tragen. Sie verstehen die Sprache nicht und brauchen Orientierung. An die 50 Münchner, zum Großteil Anwohner, wollten nicht nur an der Bayernkaserne vorbeifahren, sondern die Neuankömmlinge dabei unterstützen, sich zurechtzufinden.

Neu eingekleidet: Der Afghane Ghulam Haydar (36) mit seinen Kindern Nazahin (1), Mahdi (12), Ali (9) und Zohra (8).

Jeden Mittwoch stehen vor einer Lagerhalle in der Bayernkaserne Menschen Schlange: Es sind Eritreer, Syrer oder Afghanen, die gerade in München angekommen sind und etwas zum Anziehen brauchen. Es dauert bis zu zwei Wochen, bis die Neuankömmlinge registriert sind und Anspruch auf Kleider vom Staat haben. „Bis dahin bekommen sie bei uns in der Kleiderkammer der Inneren Mission etwas zum Anziehen“, erklärt Cornelia Paulus (49), Hausfrau, Mutter und freiwillige Helferin aus Freimann. Doch es geht um mehr: „Die Menschen brauchen nicht nur Kleider, sie brauchen auch ein Lächeln, sie wollen endlich ankommen, schließlich haben sie eine sehr lange Reise und Leidensgeschichte hinter sich.“ Einmal im Monat werden die Spenden angenommen. „Vor allem Männerkleidung in kleinen Größen fehlen.“

Das Engagement der Helfer ist immens, sie sortieren und verteilen Klamotten, beschäftigen die Flüchtlinge in der Fahrradwerkstatt, unterrichten Deutsch, begleiten Schwangere oder gehen mit den Kindern zum Lilalu-Festival – eine Sternstunde der Menschlichkeit. Wer helfen will, bitte unter ehrenamt-asyl@im-muenchen.de melden.

Johannes Welte

Ich werde hier gebraucht

Margit Merkle, 43 (Im Bild links), Teilzeitsekretärin aus Freimann, verteilt Kleider und berät Schwangere – wie die verheiratete Tesesi (22) aus Eritrea, die ohne Mann hier ist.

Ich bin hier schon seit zweieinhalb Jahren, damals hat mich eine Bekannte von der Hoffnungskirche angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust habe, hier in der Kaserne bei der Inneren Mission zu helfen. Ich habe damals erst einmal Persisch gelernt, um den Flüchtlingen aus dem Iran, Afghanistan und Pakistan helfen zu können. Jetzt lerne ich Arabisch, weil wir viele Leute aus Syrien hier haben. Ich merke, dass ich gebraucht werde – und das macht mir einfach Spaß. Außerdem lerne ich hier viele nette Menschen kennen.

Helfen statt vorverurteilen

Rosemarie Griesbacher, Rentnerin

Diese Menschen kommen aus Kriegs- und Krisengebieten und brauchen Hilfe. Wem ist damit geholfen, wenn Passanten die Asylbewerber auf der Straße fotografieren und dann Bilder von ihnen ins Internet stellen? Ach wenn sich mal einer von den Flüchtlingen daneben benimmt, das kommt auch bei Einheimischen vor. Ich helfe hier schon seit Jahren und konnte bereits viel bewegen. Ich bin froh, dass wir einen anonymen Sponsor haben, der Geld für Dinge zur Verfügung stellt, die dringend benötigt werden – so haben wir jetzt gerade Babynahrung gebraucht und einen Klobrillen-Aufsatz für Kleinkinder.

Will was zurückgeben

Bechir Ghamam (64), Netzwerk-Administrator

Ich kam vor 40 Jahren als Student aus Tunesien nach München und wohne jetzt hier in der Nähe der Bayernkaserne. Deutschland hatte mir damals sehr geholfen und jetzt möchte ich etwas zurückgeben. Das Gute ist, dass ich als Tunesier auch Hocharabisch spreche und verstehe, so dass ich mich mit den Menschen aus den arabischen Ländern verständigen kann. Und selbst auch die Menschen aus den anderen islamischen Staaten verstehen etwas davon, da sie ja meistens in der Koranschule waren. Die Menschen hier haben oft nicht mehr als die Kleider dabei, die sie tragen.

Stadt-Politiker informieren Bürger über Asylbewerber

Patric Wolf und andere Kommunalpolitiker verteilen Flugblätter.

Die Freimanner und Milbertshofner werden täglich mit dem Schicksal der Flüchtlinge konfrontiert, alleine von Donnerstag früh bis Freitag früh kamen 260 Asylbewerber an, so viele wie noch nie an einem Tag! Am Freitag verteilten Kommunalpolitiker 7000 Flugblätter an Passanten und Anwohner, in denen über die Asylbewerber informiert und um Hilfe gebeten wird. Unter anderem diskutierten Stadträtin Jutta Koller (Grüne), Stadtrat Marian Offman (CSU), Freimanns Bezirksvize Patric Wolf (CSU), Ruth Huber (SPD) vom Bezirk Milbertshofen mit Passanten. Patric Wolf zur tz: „Die Reaktionen waren überwiegend positiv.“

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