Mangel im Münchner Norden

München hat große Lücken im Hausarzt-Netz

Einen Ärzte-Mangel hat der Münchner Norden schon seit Jahren.

Einen Ärzte-Mangel hat der Münchner Norden schon seit Jahren. Nun machen auch noch die Hausärzte am Mira Einkaufszentrum die Praxis dicht. Milbertshofen ist kein Einzelfall. In vielen Stadtteilen ist die Versorgung schlecht. Das Problem ist ein strukturelles.

München - Im Stadtbezirk Milbertshofen-Am Hart ist das Problem besonders gravierend: Es gibt dort viel zu wenig Haus- und Kinderärzte – und es werden immer weniger. Lange Wege und Wartezeiten für die Patienten sind die Folge. Nun hören auch die beiden Hausärzte im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) am Einkaufszentrum „Mira“ an der Schleißheimer Straße zum 17. März auf. Die Suche nach Nachfolgern war vergeblich.

Die Verantwortlichen im MVZ halten sich bedeckt. Nur so viel: Es gebe interne Gründe dafür, dass die beiden angestellten Allgemeinmediziner aufhören. Nachfolger habe man trotz intensiver Suche nicht gefunden. Außerdem sei die Hausarztpraxis nur ein kleiner Arztbereich im MVZ, die Zahnarztpraxis werde nicht geschlossen.

Die beiden Ärzte sind nicht die einzigen Hausärzte, die in den vergangenen Jahren aus dem Stadtteil verschwunden sind. Das Problem ist viel größer: 2016 gab es laut städtischem Gesundheitsreferat noch 34 Hausärzte für die knapp 75 500 Einwohner. Das heißt, auf einen Hausarzt im Stadtteil kommen 2220 Menschen. Laut der bundesweiten Bedarfsplanungs-Richtlinie soll es einen Allgemeinmediziner je 1671 Einwohner geben.

Damit schrammt Milbertshofen-Am Hart nur knapp an einer amtlichen Unterversorgung vorbei. Die liegt laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) vor, wenn die Richtlinie zu weniger als 75 Prozent erfüllt wird. Viele Bürger im Münchner Norden beklagen schon längst eine Unterversorgung. Ähnlich sieht die Situation bei den Kinderärzten im Stadtteil aus. Nur in Hadern ist die Situation noch schlechter, in vielen anderen Vierteln ähnlich schlecht. Während sich im Zentrum die Hausärzte ballen, wird es in Richtung Stadtrand immer dünner.

Die Krux liegt in der Größe des sogenannten Mittelbereichs, für den jeweils erhoben wird, wie viele Hausärzte es pro Einwohner gibt. Dieser umfasst nämlich nicht nur das gesamte Stadtgebiet, sondern geht im Norden bis nach Unterschleißheim, im Westen bis zum Wörthsee und im Süden bis Aying. In diesem riesigen Gebiet, in dem mehr als zwei Millionen Menschen leben, gibt es mehr als genug Ärzte: Der Versorgungsgrad liegt bei 116 Prozent – ab 110 Prozent dürfen in dem Bereich keine zusätzlichen Arztpraxen mehr eröffnet werden. Wie die Ärzte räumlich verteilt sind, das spiegelt der Versorgungsgrad nicht wider.

Das Problem der Ungleichverteilung innerhalb des Planungsgebietes ist der KVB bekannt. Der Mittelbereich „München“ soll daher in kleinteiligere Bereiche unterteilt werden, wie das in anderen Ballungsräumen in Bayern schon gemacht wurde. Erst im Dezember wurden die drei Mittelbereiche Nürnberg, Fürth und Erlangen in acht kleinere Bereiche unterteilt. „München steht auf unserer Agenda“, sagt KVB-Sprecherin Birgit Grain. Einen konkreten Zeitplan für München gibt es aber noch nicht.

Alarmstufe Rot gilt in Milbertshofen-Am Hart und Hadern. Die Versorgung mit Hausärzten ist hier besonders schlecht. Nach offiziellen Kriterien gibt es zwar noch keine amtliche Unterversorgung, aber das liegt in Wahrheit nur an rechnerischen Spielereien.

Ob eine Teilung den Milbertshofenern weiterhilft, ist die Frage. Ein Szenario könnte sein, dass Stadt und Umland getrennt werden. In diesem Fall würde es vermutlich keine Neuzulassungen für Hausarztpraxen im Münchner Norden geben, denn auf das gesamte Stadtgebiet gesehen gibt es in der Stadt trotzdem genügend Allgemeinmediziner. Christoph Grassl, Vorstandsbeauftragter der KVB für Hausärzte in München, plädiert deshalb für eine viel feinmaschigere Aufteilung. Dies hätte einen großen Vorteil: So würden manche Ärzte sich auch in weniger wohlhabenden Vierteln mit einer geringeren Dichte an Privatpatienten niederlassen. „Wir sind dafür, dass man München möglichst schnell aufteilt“, sagt Grassl, der selbst eine Hausarztpraxis in Obersendling betreibt.

Eine Planung, die jeden Stadtteil einzeln berücksichtigt, mache aber auch keinen Sinn, sagt KVB-Sprecherin Grain. Das sehe man am Beispiel Berlin, wo jeder Stadtteil ein eigener Planungsbereich sei. Dort seien dann Arztpraxen dauerhaft weggefallen, weil sich kein Nachfolger finden ließ. Lieber gebe man den Ärzten ein wenig mehr Freiheit bei der Standortwahl. So oder so kann die KVB eine Teilung des Mittelbereiches nicht alleine bestimmen. Auch die Krankenkassen müssen zustimmen. Wann könnte es eine Lösung für München geben? „Das kann 2017 sein – oder auch dauern“, so Grain.

In Milbertshofen-Am Hart möchte man nicht so lange warten. Schon im September stellte die CSU-Fraktion im Bezirksausschuss (BA) einen Antrag: Die Stadt München solle darauf hinwirken, dass der Stadtbezirk aus dem Planungsbereich herausgenommen werde, bis es dort wieder mehr Haus- und Kinderärzte gebe. Der BA stimmte damals einstimmig für den Antrag. Mathias Kowoll (SPD) äußerte die Befürchtung, es könne bei einem Schaufensterantrag bleiben. Denn der Stadtrat habe keinen direkten Einfluss. Antragstellerin Tina Pickert (CSU) sagte, es sei dennoch wichtig, dass sich der Bezirksausschuss positioniere.

Jetzt, mehr als vier Monate später, fehlt noch immer eine Antwort aus dem städtischen Gesundheitsreferat. Vermutlich fehlen im Münchner Norden ab März also zwei weitere Hausärzte.

Caspar von Au

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