So ist Milbertshofen wirklich!

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Ein Aushängeschild Milbertshofens: der Olympiapark

München - Der "Tatort" am Sonntag zeigte die Schattenseiten Münchens. Nun erklären drei von 68 000 Milbertshofenern, was die Gegend im Münchner Norden so besonders und einzigartig macht.

Ein Mädchen, das von anderen Kindern als „fettes Opfer“ verhöhnt wird – mit einer Alkoholikerin als Mutter, die Medikamente schluckt, um den Tag zu überstehen. Beide leben von Hartz IV. Armut, Verwahrlosung, Mobbing: Der Tatort vom Sonntag zeigte die Schattenseiten Münchens. Jagdzeit spielte laut Bayerischem Rundfunk unter anderem in Milbertshofen: An einer Billigtankstelle beobachtete die junge Nessi, wie ein Mann ermordet wird. Sie wohnt mit ihrer Mama nebenan in einer heruntergekommenen Plattenbau-Siedlung. Szenen, bei denen viele Bürger mit dem Kopf schüttelten. Milbertshofen-Am Hart (wie der Stadtteil offiziell heißt) – eine Gegend, geprägt von Gewalt und Kriminalität? „Wer den Krimi gesehen hat, wurde in vielen alten Vorurteilen bestätigt“, findet Antonie Thomsen (SPD), Vorsitzende des Bezirksausschusses. „Natürlich haben wir hier Probleme, wir stehen zum Beispiel im Armutsbericht weit vorne. Aber Milbertshofen-Am Hart hat viele wunderschöne Seiten!“

Der tz erklären drei von 68 000 Milbertshofenern, was die Gegend im Münchner Norden so besonders und einzigartig macht.

EH

Hier gibt es viel Grün

„Seit 1963 wohne ich in Milbertshofen – und hier bringt mich nichts mehr weg“, meint Franz Schrenk. Bevor der 80-Jährige in den Münchner Norden zog, lebte er unter anderem in Freimann und Laim. „Aber hier gefällt es mir am besten: Es ist so schön grün, der Olympiapark liegt gleich in der Nähe, und den Lärm der Straße höre ich nicht so stark.“ Auch gegen die Nachbarn lässt sich nichts sagen: „Das sind alles vernünftige Leute.“ Schrenks große Leidenschaft ist die Geschichte seines Stadtteils. Der Hobby-Historiker hat Dutzende Ordner mit Archivmaterial und kennt die Entwicklung von Milbertshofen-Am Hart genau. „Es hat keine jahrhundertealte, dörfliche Tradition“, erklärt Schrenk. „Früher war die Gegend öde und leer, ganz flach. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!“

Starker Zusammenhalt

Als Brunhilde Lemberger nach Milbertshofen zog, sagte die gebürtige Hannoveranerin (56) zu ihrem Mann Wolfgang (59): „Hier bleiben wir höchstens ein paar Jahre.“ Mittlerweile sind es 35, und fast genauso lange arbeitet die Arzthelferin in der gleichen Praxis. „Ich bin langsam in die Gemeinschaft reingewachsen, vor allem durch meine jahrelange Mitarbeit in der Pfarrgemeinde St. Georg.“ Dort lernte sie viele Freunde kennen, die ihr auch in schweren Stunden zur Seite standen: 2004 starb Sohn Sebastian mit 22 Jahren an Knochenkrebs. „Zur Beerdigung kamen über 500 Leute, heute besuchen immer noch viele Sebastians Grab“, sagt Lemberger. „Sogar die Patienten der Praxis haben Anteil genommen. Dieser tolle Zusammenhalt – das ist Milbertshofen.“

Vorbildliche Integration

„Milbertshofen ist meine Heimat.“ Und das seit 1963: Damals kam Sezai Toka nach München, um bei BMW zu arbeiten. Heute ist er zwar in Rente, Freizeit hat der 70-Jährige trotzdem kaum. Als Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde hat er viel zu tun: „Wir fördern den kulturellen Austausch zwischen Türken und Deutschen.“ Dazu pflegt Toka zum Beispiel den Kontakt mit anderen Religionsgemeinschaften, geht etwa zu Weihnachtsfesten der katholischen Pfarrgemeinden – dafür bekommt er Gegenbesuch, wenn das Ende des Fastenmonats Ramadam gefeiert wird. Tokas Meinung: „Der Austausch unter den verschiedenen Religionen läuft in Milbertshofen ohne Probleme, das finde ich wunderbar.“

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