„Steh auf, wenn Du ein Bauer bist“

Protest der Milchbauern: Das sagen die Demonstranten

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Hubert Sontheim (l.) und Reinhard Troll haben in München demonstriert.

München - „Steh auf, wenn Du ein Bauer bist“, „Minister Schmidt, Kanzlerin Merkel & Co machen die Milchbauern k.o.“ Laut und kämpferisch geht es mitten in München zu. 3000 Milchbauern machen ihrem Zorn wegen des Preisverfalls bei der Milch Luft.

Protest der Milchbauern: Das sagen die Demonstranten

Josef Hartl.

Matthias Steinbergeraus Weikhof (Kreis Neuburg/Schrobenhausen):

Ich habe 35 Milchkühe, aber auch Hopfen und Kartoffeln, beides ist aber auch heuer schwierig. Ich muss mit Einbußen in Höhe von 50 000 Euro rechnen. Ich habe Gott sei Dank keinen riesigen Betrieb und nicht so riesig investiert.

Josef Hartl (49) aus Maisach (Kreis Fürstenfeldbruck):

Keine Ausgaben machen, keine Maschinen kaufen, nur die nötigsten Reparaturen vornehmen und beim Kraftfutter sparen. (Milchbauer Hartl hat 180 Kühe, 50 Hektar Grünland und 70 Hektar Acker.)

Reinhard Troll(50) aus Altomünster (Kreis Dachau):

Ausschließlich aus Rücklagen der vergangenen beiden Jahre. Ich hab eine Einbuße von 50 Prozent. Als Lohnunternehmer, der für andere das Getreide einbringt, habe ich viele Außenstände, weil die anderen Bauern nicht bezahlen können.

Wally Meitinger(53) aus Dinkelscherben (Kreis Augsburg):

Es ist schwierig, die Verluste aufzufangen,. Wir schauen, dass wir ein bissl weniger Geld ausgeben. Und achten darauf, dass die Maschinen intensiv gepflegt werden, damit wir weniger Ausgaben haben. Und demonstrieren!

Hubert Sontheim (47) aus Andechs (Kreis Starnberg):

Mei, ich arbeite noch woanders. Schneide Hecken und mähe Rasen für Kommunen. Aber den Verlust kompensiert man so nicht. Grad war man wieder auf die Füße gekommen und jetzt wird es wieder knapp. Es reicht!

Protest der Milchbauern: Hunderte Traktoren fahren "auf Minga"

Japanische Touristen auf dem Münchner Odeonsplatz halten sich die Ohren zu. Die Gäste vor der Bar „Schumann’s“ reiben sich die Augen: Bei fast 3000 wütenden Landwirten des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM) und einer Parade von gut 380 Traktoren auf der Ludwigstraße fast bis zum Siegestor ist an Stadtbesichtigung und Smalltalk beim Latte Macchiato am Odeonsplatz nicht zu denken.

Matthias Steinberger.

Die Landwirte kratzt das wenig. Auch die Hitze macht den wütenden Milchbauern nichts aus, die bis aus Ostfriesland mit dem Schlepper angereist sind. Die Kundgebung in München ist der Schlussakkord einer bundesweiten Staffelfahrt des BDM, die am 24. August gestartet ist. Mit Hunderten von Traktoren fahren die Bauern „auf Minga“. Die BDMler harren in der heißen Mittagshitze drei Stunden aus, lassen Kuhglocken dröhnen, ihre Traktorhupen ertönen, sprühen Milchpulver über den Platz und lassen Bundes- und Staatsregierung durch ihren Bundesvorsitzenden Romuald Schaber wissen: „Wir werden nicht sang- und klanglos untergehen. Wir melden uns zu Wort und fordern unser Recht.“ Ohrenbetäubender Jubel, Kuhglocken-Konzert, Hupen-Einsatz.

Protest der Milchbauern: Schmidt ist einer der Buh-Männer

Seit dem vergangenen Jahr ist der Milchpreis, den die Molkereien auszahlen, drastisch gesunken. Im Norden Deutschlands wird zum Teil nur 26 Cent gezahlt, auch in Bayern liegt der Preis deutlich unter 30 Cent. „Die Situation ist ernst“, warnt Schaber, der 45 Milchkühe im Stall hat, und fordert ein schnelles Handeln der Politik. Denn bis zum Ende des Jahres ist nicht mit einem Ansteigen der Preise zu rechnen. „Es ist nicht mehr lange durchzuhalten. Die Bauern im Norden gehen zu ihren Banken und haben zum Teil schon Kredite aufgenommen. Auf die Bauern in Bayern wird das noch zukommen“, so Schaber gegenüber unserer Zeitung. Deshalb müsse schnell eine Entscheidung her. Der BDM fordert unter anderem eine zeitlich befristete Mengensteuerung, bei der in Krisenzeiten für alle Milchbauern die Produktion gedeckelt wird. Gleichzeitig soll ein „Anreizsystem“ geschaffen werden, mit dem Bauern belohnt werden, die freiwillig weniger produzieren.

Eine solche Mengenreduzierung will die Milchindustrie keinesfalls. Während der französische und der polnische Agrarminister eine Intervention am Markt anstreben, lehnt der deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU) dieses ab. Auch EU-Kommissar Phil Hogan stellt sich bislang stur. Daher lässt der BDM die Europa-Politiker wissen: Beim Sondergipfel zur Milch am kommenden Montag wollen sie auch in Brüssel demonstrieren.

Schmidt ist denn auch einer der Buh-Männer auf der Demo in München. Als sich die zornigen Landwirte nach der Kundgebung noch mit Traktoren vor der Staatskanzlei aufbauen, fordert BDM-Sprecher Hans Foldenauer aus Irsee (Allgäu) Bayerns Ministerpräsidenten und CSU-Chef Horst Seehofer auf, seinen Minister auf die richtige Spur zu bringen. „Minister Schmidt ist nicht mehr tragbar“, ruft er unter lautem Beifall der Bäuerinnen und Bauern. Trotzdem wird es morgen ein Gespräch zwischen BDM und Minister Schmidt in München geben. „Wir sind überhaupt nicht zufrieden mit ihm. Schmidt muss sich deutlich bewegen“, so Romuald Schaber.

Protest der Milchbauern: Auch Hubert Aiwanger unter den Demonstranten

Unter die Demonstranten hat sich auch Bayerns Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger gemischt. „Es ist ein Armutszeugnis der Politik, dass es zu solchen Demonstrationen überhaupt kommen muss“, sagt er. Die Milchbauern würden sehenden Auges gegen die Wand gefahren, die Milchquote in einer Zeit abgeschafft, in der die Märkte nicht funktioniert haben, und bei den Russland-Sanktionen werde Politik auf dem Rücken der Landwirte gemacht. Die Politik müsse die Milchüberschüsse aufkaufen und als Milchpulver in Krisenländer für die Kleinkinder zur Verfügung stellen. Doch solche Vorstellungen finden an diesem Tag bei den wütenden Milchbauern kein Gehör. Die BDMler drohen sehr viel drastischer den Regierenden auf ihren Plakaten: „Wer Bauern quält, wird nicht gewählt“.

Bayerische Bäuerinnen haben sich für Ministerpräsident Seehofer noch ein Schmankerl ausgedacht: Sie wollen ihn mit einer nächtlichen Mahnwache zum Handeln auffordern. Dazu ruft Lucia Egner aus Obersöchering (Landkreis Weilheim-Schongau) von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (abl) auf. In der Hoffnung, dass Seehofer am Mittwochmorgen mit ihnen vor der Staatskanzlei diskutiert. Ob er dieses Angebot annimmt, ist allerdings ungewiss.

Es geht um den Milchpreis.Die Bauern machen Rabatz in der Ludwigstraße in München. Das Video hat uns Alex Danchev geschickt.

Posted by Ebersberger Zeitung on Dienstag, 1. September 2015

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