1. tz
  2. München
  3. Stadt

Millionen-Schäden durch Telefon-Betrüger! Justizminister warnt: „Ältere Menschen verstärkt im Visier“

Erstellt:

Von: Andreas Thieme

Kommentare

Die Zahlen des Callcenter-Betrug steigen massiv an: 2020 gab es in München 6113 Fälle mit 4,2 Millionen Euro Schaden
Die Zahlen des Callcenter-Betrug steigen massiv an: 2020 gab es in München 6113 Fälle mit 4,2 Millionen Euro Schaden © Julian Stratenschulte (dpa)

Ihre Masche ist erschreckend erfolgreich: „Falsche Polizisten nehmen das Vermögen von älteren Menschen verstärkt ins Visier“, warnt Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (51, CSU). Heuer haben sich die Fallzahlen in ganz Bayern bereits verdoppelt!

München - Von Jahresbeginn bis Ende Mai habe sich die Zahl der Fälle von angezeigtem Telefonbetrug im Freistaat fast verdoppelt - von 9000 auf 17000 Fälle. „Dazu gehören auch der Enkeltrick und Schockanrufe“, sagt Eisenreich. Zum Glück nur relativ wenige Betrugsversuche gelingen, doch gerade diese Taten steigen in München dramatisch an: Gab es 2019 noch 33 vollendete Taten durch Falsche Polizisten, stieg die Zahl 2020 auf 51 und 2021 auf 93 Fälle an. Der Grund: Ein Heer an Betrügern, die in der Landeshauptstadt unterwegs sind.

Bis zu 100 Mal pro Tag rufen ihre Hintermänner aus der Türkei bei unseren Senioren an, geben sich als Polizisten aus und lügen ihnen vor, sie seien in Gefahr. Die Masche: Einbrecher seien in der Nähe - deshalb müsse die Polizei ihre Wertsachen sichern. Tatsächlich kommen dann Bandenmitglieder, um vor Ort Bargeld oder Gold abzuholen. Eine Abzocke, durch die Münchner Senioren oft alles verlieren - bei 2,54 Millionen Euro lag der Schaden in 2021. 

München: 2021 war das Jahr mit den meisten Festnahmen - 54 Täter konnten gefasst werden

Doch die Ermittler jagen die Callcenter-Betrüger und greifen hart durch! 54 Festnahmen gab es in 2021. „Es war das Jahr mit den meisten Festnahmen bislang“, sagt Staatsanwältin Anna Scherber. Mit ihrer Kollegin Katharina Stadler ist sie in der Abteilung für Organisierte Kriminalität für die Falschen Polizisten zuständig. Allein 23 Fälle hat die Staatsanwaltschaft München I voriges Jahr vor Gericht angeklagt, 39 Täter kamen dadurch bislang hinter Gitter. Summiert man deren Strafen, kommt man sogar auf 110 Jahre Knast!

Der Großteil der Ermittlungsarbeit läuft im Büro ab: Akten lesen und der wichtige Austausch mit der Polizei. Hier müssen etwa Durchsuchungsbeschlüsse oder verdeckte Ermittlungsmaßnahmen angeordnet werden. Mit Erfolg: Fast jede zweite Woche brachte die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr einen Betrugs-Fall zur Anklage. „Die Ergebnisse machen sich jetzt bemerkbar“, so Stadler.

Callcenter-Betrug: Täter meiden Bayern mittlerweile, weil hier hohe Haftstrafen drohen

Denn viele Banden meiden Bayern mittlerweile. Das liegt auch an den harten Strafen: Selbst bei Abholern „streben wir grundsätzlich Vollzugsstrafen an.“ Das höchste Urteil für Abholer lautete sechs Jahre und elf Monate. Sogar bis zu zehn Jahre sind für „Keiler“, die die Anrufe tätigen, möglich. Abholer gelten als das Fußvolk der Banden. „Es gibt wenige, die das über Monate hinweg machen, ohne gefasst zu werden“, sagt Scherber. In einem Fall ermittelte sie einen Täter, der bereits zehn Geld-Abholungen gemacht hatte - beim elften Mal klickten die Handschellen. „Am Ende werden sie von den Hintermännern nur abgezockt, müssen oft vor Gericht, aber für die Taten geradestehen.“ Ihnen werde schnelles Geld in kurzer Zeit versprochen - vor allem für jüngere Täter oft verlockend.

Ermittler wissen: Falsche Polizisten werden mittlerweile sogar gezielt geschult. Dazu kommt trickreiche Technik: Noch im Gespräch weisen die Täter skeptische Senioren an, die 110 zu wählen. Doch statt beim Notruf landen sie dann in einer Fangschaltung - und wieder bei den Betrügern. Besser ist: „Sofort auflegen und dann die 110 wählen. Oder von einem separaten Handy.“
Die Bandenstruktur wurde weiterentwickelt, inzwischen gibt es auch unterschiedliche Keiler: „Einer macht den Anfang des Gesprächs und gibt dann weiter an seinen erfahreneren Kollegen, der die Sache abschließt“, sagt Stadler. Neu ist auch, dass im Telefonat Szenen aus angeblich überwachten Gesprächen eingespielt werden, die den Senioren Angst machen sollen („Den Meyer nehmen wir aus.“)

Georg Eisenreich
Georg Eisenreich (CSU), Bayerischer Justizminister. © Peter Kneffel/dpa/Archivbild

Besonders perfide: Täter erlegen ihren hochbetagten Opfern in der Rolle als Polizist eine Schweigepflicht auf, sagt Scherber. So sollen Anzeigen verhindert werden. „Die Täter fügen den Opfern großes Leid zu“, sagt Justizminister Eisenreich. Er will die Mindeststrafe nun auf zwei Jahre erhöhen. „Ich hatte einen Fall, bei dem sich die Geschädigte später umgebracht hat“, sagt Stadler. Was sie bei Senioren anrichten, blenden die Täter oft aus - sondern sehen in ihnen nur die Beute.

Auch interessant

Kommentare