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Achtung, Erbschleicher! Wie Betrüger wohlhabende Senioren austricksen - So schützen Sie sich!    

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Von: Andreas Thieme

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Wer Erbschleicherei vermutet, kann sich an die Polizei wenden
Wer Erbschleicherei vermutet, kann sich an die Polizei wenden © Boris Roessler/dpa

Wenn Senioren kurz vor ihrem Tod noch das Testament ändern, geht die Familie oft leer aus - und die Pflegekraft erbt Millionen. Oft stecken Erbschleicher hinter solchen Fällen. Ob ein Betrug dahinter steckt, kann die Polizei nur sehr selten aufklären.

München - Ein hochbetagter Mann, den seine Pflegerin umgarnt hat - später erbte sie dessen Eigentumswohnung. Oder der Banker im Münchner Nobelvorort, dessen Haushälterin die Anrufe der Nichte abblockte - und nach seinem Tod das Grundstück bekam. Fälle wie diese kennt Fachanwalt Anton Steiner nur zu gut. „Erbschleicherei ist ein sehr schwieriges Thema“, sagt der Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht. „Denn juristisch gibt es dafür keinen Straftatbestand.“

Das Problem: Die Fälle sind nicht leicht zu erkennen, denn formal laufen sie ganz normal ab. Per Testament setzen ältere Menschen ihre Erben ein. Dem Erben dabei schlechte Absichten nachzuweisen, ist kaum möglich. Denn es gibt Steiner zufolge ja auch Konstellationen, da verliebt sich eine Seniorin tatsächlich im hohen Alter in die Pflegekraft oder bedenkt den Gärtner mit ihrem Nachlass, weil er sich rührend um sie gekümmert hat - während sich die Verwandtschaft nie blicken ließ.

München: Dem Erben schlechte Absichten nachzuweisen, ist kaum möglich

„Solange jemand einen freien Willen bilden kann - also geschäfts- und testierfähig ist - entscheidet er frei über sein Erbe und kann mit seinem Vermögen machen, was er will.“ Auf Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz träfe das beispielsweise nicht zu: Hier ist der freie Wille aufgrund der Erkrankung des Gehirns nicht in vollem Umfang gegeben.

Um die Motive, warum jemand einen Erben eingesetzt hat, kümmern sich Gerichte daher nicht. „Juristisch ist gegen Fälle der Erbschleicherei in der Regel nichts zu machen.“ Versuchen Hinterbliebene ein Testament anzufechten, weil die Oma ihr Haus überraschend einem Bekannten vermacht hat, haben sie kaum Chancen. „Weil ein Anfechtungsgrund oft nicht beweisbar ist“, sagt Steiner. Es sei denn, man könnte dokumentieren, dass die Haushälterin der Tante eingetrichtert hat: „Dein Neffe will dich nur ins billigste Pflegeheim an der Grenze stecken“ - und die Tante daraufhin den Kontakt zum Neffen abbrach.

Streit vermeiden: Testamentsvollstrecker kümmern sich ums Erbe
Testamentsvollstrecker kümmern sich um das Erbe. Das kann helfen, Streit innerhalb der Erbengemeinschaft zu vermeiden. © Christin Klose/dpa-tmn

Wenn ältere Menschen sich ihrem Lebensende nähern, haben sie oft Angst und werden unsicher, sagt Christine Nehls, Fachanwältin für Erbrecht. „In dieser Lage gelingt es oft wildfremden Personen, sich ihnen emotional anzunähern.“ Erbschleicher gehen perfide vor, um sich das Vertrauen von Senioren zu sichern und sie zu manipulieren, weiß Professor Wolfgang Böh. „Oft genügt bereits ein unerwarteter Kontakt zu einem fremden Dritten, der sich dann über Wochen Schritt für Schritt der älteren Person annähert“, so der Erbrechts-Experte. „Es kann eine Abhängigkeit, Gutgläubigkeit oder Hörigkeit entstehen, die dazu führt, dass die ältere Person sich dem Erbschleicher anvertraut, ihm Vollmachten einräumt, Geld schenkt, ein Testament erstellt oder sich zu nachteiligen Rechtsgeschäften verleiten lässt.“

Erben in München: Bei Senioren kann eine emotionale Abhängigkeit entstehen

Was schützt? Bei Ehegatten, wenn sich beide schon zu Lebzeiten gebunden haben, durch ein gemeinschaftliches Testament oder per Erbvertrag (siehe Kasten). „Letzteren kann man auch nach dem Tod eines Partners nicht mehr ändern“, so Steiner. Das könne zum Nachteil werden, wenn man sein Leben im Alter noch umkrempeln möchte. Der Nachlass ist in diesem Fall nämlich schon geregelt - und der neue Partner geht dann womöglich leer aus.

Häufiger ist aber die Einsamkeit im Alter. Wichtig deshalb: Kontakt zur Familie halten. Dass ältere Menschen sich weniger oder gar nicht mehr melden, sollte stutzig machen. Auch das Betreuungsgericht kann helfen, falls dubiose neue Bekannte auftreten. Dass ein älterer Mensch seine Familie komplett enterbt, komme aber „so gut wie gar nicht vor“, sagt Steiner.
Wird ein Testament gefälscht und der Erbschein an Betrüger ausgestellt, hat die Familie meist das Nachsehen. Denn wer erreichen will, dass ein Testament im Zweifel für unwirksam erklärt wird, muss seinen Verdacht beweisen können.

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