1. tz
  2. München
  3. Stadt

Missbrauch in der katholischen Kirche: Opfer schildern ihre Erlebnisse

Erstellt:

Von: Claudia Schuri

Kommentare

Von ihren Missbrauchserlebnissen berichteten im Presseclub Wolfgang F. Rothe und Agnes Wich.
Von ihren Missbrauchserlebnissen berichteten im Presseclub Wolfgang F. Rothe und Agnes Wich. © Claudia Schuri

Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche. Im Presseclub in München haben sich jetzt Betroffene zu Wort gemeldet - und vom Leid der Opfer berichtet.

Agnes Wich war ein lebensfrohes, ein quirliges Mädchen – bis sich plötzlich alles änderte. „Ich wurde schweigsam“, sagt die Münchnerin. Für das Grauen, das sie mit neun Jahren erlebt hat, gab es keine Worte…

Sie wuchs in einem bayerischen Dorf in einer katholischen Familie auf. Zum Pfarrer und Religionslehrer hatte sie großes Vertrauen – dann lud er sie in sein Haus ein. „Eineinhalb Jahre lang hat er mich massiv missbraucht“, erzählt die 68-Jährige. Für den Fall, dass sie sich wehren sollte, habe er ihr gedroht: „Er sagte, es würde etwas Schlimmes passieren oder ich käme in die Hölle. Als Kind habe ich ihm geglaubt.“ Heute will Wich nicht mehr schweigen. Sie engagiert sich um Unterstützung für die Opfer des Missbrauchskandals und erzähle am Freitag im Presseclub München ihre Geschichte.

Missbrauchs-Erfahrungen eines Pfarrers

„Dazu gehört Mut“, sagt Wolfgang F. Rothe, Pfarrer in Perlach. Auch der Geistliche berichtete von einer eigenen Missbrauchserfahrung. 2004 habe er nach einem Gespräch mit einem österreichischen Bischof einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Deshalb habe er in den Räumlichkeiten des Bischofs auf dem Sofa gelegen. „Er hat mir ein Psychopharmakon in den Hals gesteckt und alle anderen Personen aus dem Raum geschickt“, sagt er. Dann sei es zu Übergriffen gekommen, wirft Rothe dem Bischof vor. Rothe brachte den Vorfall kirchenintern zur Anzeige. „Man hat auf vielseitige Weise versucht, mich zum Schweigen zu bringen“, kritisiert der 54-Jährige. Er habe sich einem forensisch-psychiatrischen „Schwulentest“ unterziehen müssen, sei zu Klosterhaft verpflichtet worden und es sei versucht worden, ihm die psychische Zurechnungsfähigkeit abzusprechen. Der Bischof streitet die Vorwürfe ab und auch die Kongregation für Bischöfe wies sie als „haltlos“ zurück. „Niemand hat mit mir gesprochen“, sagt Rothe. 2019 hat er den Vorfall bei der Justiz angezeigt. Die Kripo ermittelte wegen versuchter Vergewaltigung, das Verfahren wurde wegen Verjährung aber eingestellt. „Ich wurde gezwungen, zum Kirchenrebell zu werden“, erklärt Rothe. Als großen Teil des Problems sieht er die kirchliche Sexualmoral. Es sei ein „toxisches Geflecht, das die Kirche gefangen hält wie ein Spinnennetz“.

Kritik an kirchlicher Sexualmoral

Das kritisiert auch Anselm Bilgri im Presseclub. Der ehemalige Benediktiner ist jetzt in der altkatholischen Kirche und hat seinen Lebenspartner geheiratet. „Ich fühle mich so befreit, weil ich jetzt in einer Kirche bin, wo meine Liebe keine Sünde ist“, sagt er. Der Papst könnte theoretisch die Auflösung des Zölibats beschließen, erklärt er. „Aber ich warne vor zu vielen Hoffnungen.“

Agnes Wich sieht die Zölibats-Diskussion eher als Manöver, um von einer „Aufarbeitung abzulenken“. Sie findet: „Die Kirche kann es nicht selbst aufarbeiten.“ Vor einiger Zeit wollte sie den Missbrauchspriester konfrontieren – doch der ist bereits verstorben. „Auf dem Sterbebett soll er gestanden haben, er hätte große Schuld auf sich geladen“, erzählt sie.

Auch interessant

Kommentare