Eine Äthiopierin kümmert sich um Aids-Waise

Mit der Liebe einer Mutter

Die Waisenkinder lieben Haregewoin Teferra wie eine Mutter - und Haregewoin schenkt ihnen all ihre Mutterliebe.
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Die Waisenkinder lieben Haregewoin Teferra wie eine Mutter - und Haregewoin schenkt ihnen all ihre Mutterliebe.

Mama, Mama! Wenn Haregewoin Teferra ihr Waisenhaus für HIV-positive Kinder betritt, laufen ihr die 43 Buben und Mädchen mit weit geöffneten Armen entgegen.

Die Kinder bringen der 62-jährigen Äthiopierin die Liebe entgegen, die sie ihren eigenen Eltern nicht mehr schenken können. Denn Mama und Papa sind tot, gestorben an Aids. Auch die Kinder hier haben Aids. Haregewoin ist eine der wenigen Menschen in Äthiopien, die die Liebe der infizierten Kinder annimmt – und erwidert. Sie schickt den offenen Kinderärmchen ihr weit geöffnetes Mutterherz entgegen.

tz-Reporter in Äthiopien

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Vor knapp acht Jahren hat Haregewoin das erste Waisenkind bei sich aufgenommen. Das war kurz nach dem Krebstod ihrer damals 22-jährigen Tochter Atetegeb. Ihr Mann Worku war bereits 1990 an einem Herzinfarkt gestorben. Die von Haregewoin gegründete Hilfsorganisation trägt den Namen ihrer beiden Liebsten: Atetegeb Worku.

Haregewoin war verzweifelt, das Leben der ehemaligen Sekretärin schien nach Atetegebs Tod allen Sinn verloren zu haben – bis der Pfarrer ihrer christlich-orthodoxen Kirche sie um einen Gefallen bat: „Bitte, nimm dieses Kind eine Weile auf. Es hat keinen mehr auf der Welt und die Kinderheime sind hoffnungslos überfüllt.“

Aus einem Kind wurden zwei, dann drei und vier. Dann acht, elf, zwölf. Haregewoin konnte bei keinem der hilflosen Würmchen Nein sagen, auch wenn ihr kleines Haus in der Hauptstadt Addis Abeba schon genauso überfüllt war wie die Heime. „Was hätte ich tun sollen? Es gab sonst niemanden, der sie aufgenommen hätte.“ Bald hatte es sich herumgesprochen, dass die kleine Frau ein großes Herz für Kinder hat – sogar für kranke. Sterbende Eltern setzten ihre Kinder mit letzter Kraft vor Haregewoins Tür ab. 13, 14, 15 Kinder – und nie sagte Haregewoin Nein.

Inzwischen betreibt die Äthiopierin zwei Waisenhäuser, eines für gesunde, eines für HIV-positive Kinder. „Die aidskranken Kinder würden sich ständig mit Husten oder Schnupfen bei den Gesunden anstecken. Zu ihrem Schutz ist es besser, wenn sie in getrennten Häusern wohnen“, erklärt Haregewoin.

Wir tz-Reporter besuchen das Haus für die aidskranken Kinder. 43 Buben und Mädchen zwischen zwei und 13 Jahren wohnen hier. Es gibt ein Schlafzimmer mit Stockbetten für die Mädchen und eines für die Buben. Einen Gemeinschaftsraum, eine Küche, ein Waschzimmer. Alles ist sauber und einfach. Haregewoins Geld ist sehr knapp. Die Kinder bekommen alles, was sie brauchen – aber kein bisschen mehr.

Genet, ein zweijähriges Mädchen mit rosa Kleidchen, steht ein bisschen verloren zwischen den anderen. Sie ist die Jüngste der Gruppe und noch fremd hier, weil sie erst seit wenigen Wochen im Heim ist.

Ich gehe zu ihr und sie streckt mir ihre kleinen Händchen entgegen. Ich nehme sie hoch, bin gerührt, als sie mir ihre Ärmchen fest um den Hals schlingt und sich den Rücken streicheln lässt. Wenn ich zu tun habe und sie kurz absetzen muss, wartet sie an meiner Seite. Wenn meine Hände wieder frei sind, streckt sie mir ihre entgegen. Auf den Arm! Auf den Arm! Rücken streicheln! Sie lässt mich nicht mehr los.

Wir sind draußen auf dem Hof. Die Kinder haben ihre bunten Plastikstühlchen nach draußen getragen und beobachten uns neugierig. Die kleine Genet sitzt auf meinem Schoß, während ich mit Haregewoin spreche. „Wenn eines der Kinder trotz der Medikamente einen Aids-Schub bekommt und krank wird, darf es bei mir schlafen. Dann ist Mutterliebe das Wichtigste“, sagt sie.

Ich streichle Genets Rücken. Die anderen Kinder auf ihren Plastikstühlchen beginnen zu singen.

Oh Gott, oh Gott, sie sind alle aidskrank. Auch die kleine Genet! Die Kinder singen, und ich kann die Tränen nicht länger zurückhalten. „Genet heißt Himmel“, sagt Haregewoin und legt ihre Hand auf meine.

Liebe tz-Leser, gemeinsam mit Unicef möchten wir Haregewoin Teferra und die Waisenkinder unterstützen. Ich versichere Ihnen, dass Ihr Geld bei dieser außergewöhnlichen und großherzigen Frau in den besten Händen ist. Wenn auch Sie helfen möchten: Überweisungsträger für unsere Weihnachtsaktion finden Sie heute in Ihrer tz. Danke.

Ihre Simone Herzner

Quelle: tz

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