Fünf neue Geschichten zur B2R

Ex-Löwen-Spieler wohnt seit 67 Jahren am Ring

München - In der Serie zum Mittleren Ring erzählt die tz Geschichten rund um die wichtigste Straße der Stadt. Heute: vom Isarring nach Bogenhausen, mit einem Laufsteg und einem Ex-Löwen-Spieler.

Laufsteg vor der Isar

Michael Spang, Geschäftsführer von Oska, zeigt den 250 Quadratmeter großen Showroom

Der Isarring 11, auch so ein markantes Haus, das alte Fabrikgebäude mit der grauen Ziegelmauer und den vielen kleinen Fenstern. Ganz früher, noch vor dem Bau des Ring-Teilstücks Richtung Schenkendorfstraße 1961, war hier eine Gerberei. Die gibt es nicht mehr, dafür die Firma Frisch mit der gelben Welle und den drei Segelbooten im Logo. Spezialist für Bootszubehör, Segelbekleidung. Da geht es nass nei. Nachbar Oska dagegen macht in Mode.

1997 gegründet zog das Unternehmen im Frühjahr 2005 hierher, auf 1300 Quadratmetern entstand die Zentrale für Entwicklung und Vertrieb. „Der Platz hier hat Charme“, sagt Michael Spang (46) von der Geschäftsführung. „Anfangs gab es Skepsis wegen der Lage. Aber jetzt ist das unsere Heimat geworden, und hinten raus ist es nicht weit zum Englischen Garten.“

Zu kaufen gibt es hier nichts, dafür sehr wohl im Oska-Shop in der Stadt in den Fünf Höfen, in Schwabing in der Wilhelmstraße, dazu in 34 firmeneigenen Läden sowie mehr als 600 Boutiquen weltweit. Jahresumsatz 2012: Gut 26 Millionen Euro. Die Mode ist schörkellos, schlicht, seriös. „Für die erwachsene Frau“, sagt Spang. Zweimal im Jahr gibt es übrigens eine neue Kollektion, präsentiert wird sie hier im 250 Quadratmeter großen Showroom. Am Laufsteg vom Ring.

Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

Konsul & Kunst am Effnerwald

Die Konsuln Anton Niculescu, Ramona Chiriac, Michael Fernbach mit Mitarbeiterin Bianca Tatar (von links)

Anton Niculescu hat schon viel erlebt, vor allem in seiner Heimat. Er war ein Jahr alt, als Nicolae Ceausescu 1965 die Macht übernahm. Niculescu erlebte den Umsturz 1989, arbeitete danach in den Aufbruchjahren seines Landes als Journalist bei Radio Free Europe, später wurde er selbst Politiker, als Staatssekretär im Außenministerium. Ein bewegtes Leben. So einen wie ihn bringt auch der Lärm am Mittleren Ring nicht aus der Ruhe. Da lebt Herr Niculesu jetzt. Im allerletzten Haus der Richard-Strauß-Straße. Nummer 149. Direkt am Effnerplatz. Im Rumänienhaus. Als Generalkonsul. „Ich finde das herrlich, wenn ich hier aus dem Fenster schaue“, sagt Niculescu. „Im Vergleich zum Verkehr in Bukarest ist es hier so leise wie in einem Wald.“

Niculescu ist erst seit einem Jahr hier, darum erlebte er auch nicht den noch heftigen Baustellen-Radau, als sie hier den Tunnel aushoben – genau zu jener Zeit, als 2004 das Rumänienhaus in den Räumen einer früheren Bank eröffnete. Das Haus ist Anlaufstelle für alle Staatsbürger des osteuropäischen Landes, ein klassisches Konsulat für den Einzugsbereich Bayern und Baden-Württemberg, aber auch ein Kulturraum. So gibt es in der Galerie im ersten Stock immer wieder Ausstellungen und Konzerte, eine schöne Mischung aus Konsulat und Kunstgalerie. Direkt am Rand vom Effnerwald.

Buongiorno im Paradieschen Bogenhausens

Piazzaflair am Ring: Ennio Busatto verkauft in seinem Café Buongiorno 24 Sorten hausgemachtes Eis. Mit Mitarbeiterin Carolina Blum (25) und Schwiegersohn Patrick Wißkirchen serviert der Italiener aus Venetien köstliche mediterrane Kleinigkeiten im piccolo paradiso – dem kleinen Paradies – an der Ecke Richard-Strauss-/Mühlbaurstraße

Sie ist hier fast schon eine kleine Piazza geworden, die Ecke Richard-Strauss- und Mühlbaurstraße, friedlich, beschaulich. Die Eröffnung des Ost-Tunnels am Ring ist gerade vier Jahre her, nicht mehr vorstellbar, wie es früher war, mit 70 000 Autos am Tag, mit Lärm und Gestank rund um den Böhmerwaldplatz in Alt-Bogenhausen. Stattdessen weht nun ein Hauch von Italien hier, mit einem Eis zum Dahinschmelzen. Im neuen Café Buongiorno von Ennio Busatto. 1992 kam Ennio aus Venetien nach Bayern, fast zwei Jahrzehnte hatte er in Dietfurt eine Gelateria, die so gut war, dass das halbe Altmühltal hinpilgerte. Jetzt strömt ganz Bogenhausen zu ihm. Vor einem halben Jahr eröffnete der 54-Jährige das Café mit seiner Frau Olimpia, Tochter Renata und Schwiegersohn Patrick Wißkirchen (37). Es gibt Frühstück, günstige Mittagsgerichte, Antipasti bis zum Abwinken, und vor allem gibt es Ennios selbstgemachtes Eis, 24 Sorten. Das hat sich herumgesprochen, genau darum gibt es bei Sonnenschein jeden Nachmittag eine lange Schlange auf dem Gehsteig, der breiter ist als die beiden Straßenspuren zusammen. Nur noch 6000 Autos fahren hier am Tag vorbei, 6000, so viel hat Dietfurt an Einwohnern. Ennio hat auch abends auf, dann heißt es buona sera im Buongiorno. In der Dämmerung ein Aperol Spritz an einem der sechs Tische draußen, ein Gefühl von weitem Süden im Münchner Osten. Ein piccolo paradiso am Mittleren Ring. Buongiorno am Circuito Medio.

Landruhe & Tunnelstille

Lebt seit 1946 am Ring: Siegfried Oweger in der Küche seiner Wohnung an der Richard-Strauss-Straße. Auf dem Tisch hat er Fotos ausgebreitet

Oweger kommt nach Ouakili. Und vor Pacult. Auf der Homepage des TSV 1860, bei der alphabetischen Auflistung aller Löwen-Spieler, die einmal in der Ersten Mannschaft kickten. Siegfried Oweger spielte Mitte der Fünfziger Jahre für die Blauen. Linksaußen. Zweite Liga Süd. 60 Jahre her. Und schon damals wohnte er an der Richard-Strauss-Straße.

Siegfried Oweger, Jahrgang 1934. Nach dem Krieg 1946 zog die Familie hierher, an den Ostrand Münchens, sie wohnten zu neunt hier. Die Straße war ein Schotterweg, ein Auto kam alle heilige Zeiten vorbei, deswegen spielten sie hier immer Fußball. Nebenan auf der Wiese weideten Schafe, im Winter liefen sie auf der gefrorenen Zaubzerstraße Schlittschuh. „Wenn du mit der Trambahn aus der Stadt an der Einsteinstraße ausgestiegen bist“, sagt Oweger, „dann hast gemeint, du bist auf dem Land.“ Das änderte sich bald, als hier 1953 eines der ersten Ring-Stücke gebaut wurde. Oweger heiratete, er arbeitete bei Siemens, spielte Schach wie seine Frau, die war Bayerische Meisterin. Es kamen die Kinder, zwei Söhne, und wenn in der Nacht wieder ein LKW über die Straße bretterte, „dann hat’s die Buam aus’m Bett g’hoben.“ Laut war es auch am 21. Januar 1981. Da blieb ein Laster nebenan an der neuen Fußgängerbrücke hängen und riss sie gleich wieder ein.

2009 hatte der Krach ein Ende, der Ring ist jetzt im Tunnel. Siegfried Owegers Frau starb vor einigen Jahren, die Söhne haben Familien, es ist wieder still in der Wohnung. Und auch draußen vor der Tür. Nur Schafe werden keine mehr kommen.

Der schönste Arbeitsplatz

Mit Blick auf den Englischen Garten und den Kleinhesseloher See: Nikolaus Michaelidis, der Bootsverleiher neben dem Seehaus

Die Autos hinter seiner Hütte, nur einige Meter und eine Handvoll Bäume weiter, daran hat sich Nikolaus Michaelidis gewöhnt. In den 30 Jahren, in denen er hier schon ist, als Bootsverleiher am Kleinhesseloher See. Hier ist den ganzen Sommer über Nikolaus. Erst war er als Jugendlicher mit seinem Ziehvater hier, jetzt inzwischen alleine. Nein, er mag gar nichts sagen zum ewigen Streit, den Ring hier zu tunneln und den Englischen Garten wiederzuvereinen. Sonst sind ihm die einen wieder böse. Und wenn er etwas anderes sagt, dann die anderen.

Am liebsten redet der 45-Jährige über sein Geschäft. Über die sonnigen Sonntage, an denen Münchner wie Touristen über den See mit seinen 86 000 Quadratmeter schippern. Michaelidis sagt, es sei ganz lustig, dass die jungen Leute vor allem die Tretboote mieten, weil das cooler sei, und die älteren mehr das romantische Ruderboot schätzen. Manche kommen aber auch nur auf ein Weißbier und eine Wurstsemmel an seinen Kiosk. Hier am Wasser ist es geerdeter als drüben im schicken Seehaus. Nein, Michaelidis mag nicht klagen, weder als Grieche über Europa noch als Bootsverleiher über den Mittleren Ring. „Ich habe eine glückliche Familie, eine Frau und eine kleine Tochter“, sagt er. „Und ich habe hier den schönsten Arbeitsplatz der Welt, mit Blick auf den See und den Park.“ Solange er nicht in die andere Richtung zu den Autos schaut. Drah di ned um.

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Rubriklistenbild: © Judith Häusler

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