Besuch beim Senioren-Computerclub Moosach

Hannelore (78) ist jetzt online - das erste Mal im Netz

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Hannelore (78) will den Anschluss nicht verlieren und das „Internet-ABC“ lernen – der Club hilft ihr.

Auch im Rentenalter ist das Internet hilfreich. Doch der richtige Umgang will gelernt sein. Der Senioren-Computerclub Moosach gibt Hilfestellung.

Sie haben sich zurechtgemacht für ihre Reise ins Ungewisse. Montagmorgen in Moosach, etwa 20 Rentner warten gespannt in einem abgedunkelten Raum unter der Erde. Die Herren tragen Hemd und Pullover, die Damen stecken frisch frisiert in Bluse und Weste. Bildschirme flimmern, ein Projektor summt.

Vorne steht ein Mann. Leise sagt er: „Wir würden dann jetzt anfangen.“ Keine Reaktion. „Entschuldigung“, sagt er und räuspert sich. „Unser Thema heute heißt: Internet.“ Das ist das Zauberwort, jetzt hören alle zu.

Erste Schritte in die Computerwelt: Der Name des Kurses ist Programm. Kosten: zehn Euro. Dauer: 10 bis 12 Uhr. Die Rentner sitzen auf winzigen Holzklappstühlen wie in der Schule, jeder hat ein Namensschild vor sich. Die Lehrer, Axel (68) und Willy (80), erklären die Theorie, sechs Tutoren helfen den Netz-Neulingen durch die Praxis. Die Senioren Computerschule Moosach ist eine Selbsthilfeschule. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Axel erklärt erst mal, was ein Router ist: ein „Wegbereiter in die Welt des Internet“. Tutor Wolfgang (78) zieht scharf die Luft ein. „Unser bester Dozent“, flüstert er. „Volkshochschulniveau!“ Axel muss Wörter aus dem 21. Jahrhundert zurück ins 20. übersetzen. „Tab“ wird wieder „Registerkarte“.

Axel gibt sein Wissen gern weiter. Auch, um den eigenen Bedeutungsverlust auszugleichen, sagt der 68-Jährige. Vielen ergehe es im Ruhestand so. Wenn die Arbeit wegfällt, falle man in ein Loch. Anderen helfen, das treibe sie an, sagt Ursula Roseeu (75). „Spüren, dass man gebraucht wird.“ Sie hat die Schule von ihrem Mann übernommen. Er starb voriges Jahr. „Er hat mich auf diese Aufgabe nicht vorbereitet“, sagt sie. Sie hat sich reingebissen. Nicht abhängen lassen – so könnte der Kurs auch heißen. Fast alles geht heutzutage digital. Telefonanschluss, Fahrkarten, Post. Wer sich verweigert, verliert den Anschluss. Die Rentner sind gekommen, um dranzubleiben.

Chefin Ursula Roseeu (75, stehend) war früher Lehrerin – jetzt hilft sie anderen Rentnern ehrenamtlich ins Internet.

Axel leitet die erste Übung an: „Öffnen Sie Ihren Browser.“ Maustasten klicken. „Schreiben Sie bitte in die Adressleiste: www.senioren-computerschule-moosach.de.“ Irmgard (76) schüttelt amüsiert den Kopf. „Bei mir geht nix mehr. Ich kenn mich nicht mehr aus.“ Tutor Wolfgang setzt sich zu ihr. Alle reden durcheinander. Betriebsamkeit erfüllt den Kellerraum, kurz wird der Senioren-Computerclub zum Chaos Computer Club. Die Tutoren helfen jedem. Das Große, Unbekannte macht dem Menschen Angst. Hier hacken sie das Ungetüm Internet in handliche Stücke.

Irmgard hat es derweil geschafft: Sie ist drin. Mit Wolfgangs Hilfe surft sie lächelnd durchs Netz. Irmgard 2.0. Gegenüber thront Walter auf seinem Holzklappstuhl wie ein Feldherr, rechte Hand auf der Maus, die linke flach auf dem Tisch, der Blick geradeaus. Auf der Webseite der Deutschen Rentenversicherung nickt er kurz ein. Walter ist 82.

Neben ihm sitzt Hannelore (78), sie klickt sich auf einem Verkaufsportal durch Tablet-Angebote. Sie kann ein Smartphone bedienen, aber die Grundlagen fehlen ihr, sagt sie. „Das Internet-ABC habe ich nie gelernt.“ Sie möchte ihren Kindern Fotos schicken, Theaterkarten online kaufen, für arme Menschen spenden. „Früher ging das per Telefon, heute steht da oft: Infos im Internet.“

Ein paar Mal streiken die Computer im Kurs. Willy ruft dann: „Der Vorführeffekt!“, und alle kichern. Irmgard flötet: „Das ist der Fluch der Technik.“ Wieder lachen die Senioren.

Es gebe drei verschiedene Typen hier, sagt Axel. Die „Wissensdurstigen“ seien in der Überzahl. Dann gebe es die „Beratungs­resistenten“: „Die wollen nichts lernen, nur quatschen.“ Auch die seien willkommen. Schwierig seien die „Trotzigen“, die sich allem verweigern würden. „Die haben Angst. Und die muss man ihnen nehmen.“

Zwei Stunden später ist Schluss. Die Senioren wirken zufrieden – und ein wenig geschafft. „Wir kriegen hier kein Geld“, sagt Tutor Wolfgang und schaltet den Projektor ab. „Aber wenn ich nur einem helfen konnte, war’s das wert.“

Das bietet der Club

Vom Neuling bis zum Wiedereinsteiger: Der Moosacher Senioren-Computerclub bietet ab dem 25. April wieder Kurse an. Jeden Mittwoch (außer in den Schulferien) gibt es von 14 bis 16 Uhr ein Internet-Café in der Gubestraße 5. Mehr Infos bekommen Sie unter Tel. 08142 / 59 71 92 oder www.senioren-computerschule-moosach.de

Tobias Scharnagl

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