Nach Zwangsumzug

Menschen aus dem Boardinghaus: „Warum hilft uns denn niemand?“

Ostermontag, es ist kalt und nieselt, sechs Menschen drängen sich unter das Dach eines Bushäuschens nahe der Bayernkaserne. Sie reden davon, wie es sich anfühlt, wenn die Welt einen vergessen hat.

München - Aus der Tankstelle nebenan hat man sie vertrieben, Kunden hätten sich gestört gefühlt. Die Gescholtenen griffen ihren Kaffee und zogen stumm ab. Die zwei Frauen und vier Männer gehören zu den 180 Wohnungslosen, die am Gründonnerstag innerhalb von drei Stunden das Boardinghaus Am Neubruch in Moosach verlassen mussten – es gab Unstimmigkeiten zwischen Stadt und Betreiber wegen der Miete. „Wir fühlen uns wie Vieh“, sagt einer. „Niemand behandelt uns wie Menschen“, ein anderer. Sam (42) sagt: „Für die Gesellschaft sind wir die asozialen, wohnungslosen Penner-Junkies.“ Sie wohnen jetzt in der Bayernkaserne. Eine Übergangslösung, hieß es. Gestrandet in München…

„Was kommt als nächstes?“

Denise Genschow (32) ist „Selbstzahler“, das heißt: Sie hat einen Job und kommt für ihre Miete selbst auf. Die Situation in der Bayernkaserne ist für sie eine Katastrophe. Genschow arbeitet als Verkäuferin bei Dean&David am Hauptbahnhof, ihre Schicht beginnt morgens um 5.30 Uhr. Der erste Bus an der Bayernkaserne kommt erst um 5.28 Uhr… „Jetzt muss ich mir für heute Nacht wieder eine andere Bleibe suchen.“

Ihre Chefs wissen um ihre prekäre Situation. „Die gehen super damit um!“ Nur fragt sich Genschow: Wie lange noch? Schließlich will sie dort eine Ausbildung anfangen, endlich wieder beide Beine auf den Boden bringen. Aber wie soll das gehen? Mit der Ungewissheit? Ohne Waschmaschine? Ohne Privatsphäre? Ohne Schlaf?

Dabei hatte sie alles schon einmal. Eine eigene, kleine Drei-Zimmer-Wohnung. Dann meldete der Vermieter Eigenbedarf an, sie fand keine Wohnung. „Und ich rutschte ab…“

Denise Genschow (32)

Mit zwölf vergewaltigt

Volker „Bambi“ Giebel ist zwölf, als er in seinem damals neuen Heimatdorf von einem „Bauernlümmel“ vergewaltigt wird. „Seit dem bin ich ein Borderliner mit Suizidalsyndrom“, sagt Bambi.

Mit 17 hat er die Schnauze voll und zieht mit Rucksack und Schlafsack in die Welt. Die folgenden 20 Jahre streunt er durch ganz Europa, schläft manchmal auf der Straße, manchmal auf dem Campingplatz. Er schlägt sich durch, bringt vier Ausbildungen zu Ende. Steinmetz, Restaurator, Koch, Kellner. Zwischendurch sitzt er im Gefängnis. „Das bringt das Leben auf der Straße mit sich.“

1988 geht Bambi nach München, dort kennt er einen Spezl aus dem Knast. Bambi führt zwei Kaffeehäuser, kocht in mehreren Wirtshäusern, kellnert. Er hat eine Wohnung, einen Job, einen Lebensgefährten.

Als dieser krank wird und stirbt, geht es auch mit Bambi bergab. Er fängt wieder mit Drogen an, trinkt, verliert seinen Job, die Wohnung, alles. Zum Schluss wohnt er unter der Wittelsbacherbrücke. 2013 zieht er Am Neubruch ein – die 600 Euro für die nicht einmal neun Quadratmeter zahlt das Amt. Bambi hatte wegen seiner Psychosen Anspruch auf ein Einzelzimmer – in der Bayernkaserne schläft er im 10er-Zimmer. Seine Medikamenten-Dosis hat der Arzt jetzt verdoppelt.

Heute wieder clean: Volker „Bambi“ Giebel (51).

„Mit 14 war ich alkoholabhängig“

Sam wird 1974 in Berlin geboren, Vater Palästinenser, Mutter Deutsche – sie trennen sich bald. Sam wächst mit zwei älteren Schwestern bei der Mutter auf. Der neue Lebensgefährte bringt sich um, als Sam neun Jahre alt ist. Die Mutter verfällt dem Alkohol, schlägt die Kinder. Sam und seine Schwester müssen oft wochenlang für sich selbst sorgen, die Mutter zieht von Kneipe zu Kneipe. Sam ernährt sich von eingeweichtem Brot und Bonbons. „Mit 14 war ich alkoholabhängig – und hatte meine erste Kneipenschlägerei. Ich habe meine Mutter verteidigt.“ Trotz allem. Sam: „An meinem 16. Geburststag kam sie sturzbesoffen heim und schlug all meine Sachen kaputt.“ Da sei etwas kaputt gegangen in ihm, sagt Sam. Er reißt aus. 8. Klasse, kein Abschluss, kein Zeugnis. Sam schläft auf der Straße, im Jungendheim, wieder auf der Straße. 1996 kommt er nach München. „Ich wollte mein Leben in den Griff kriegen.“ Vielmehr kriegt ihn die Depression in den Griff. Suizidversuch, Haar. Das Projekt „Pflegefamilie“ scheitert. Sam wird Vater von Zwillingen. Ein Sohn ist krank, die Mutter lässt ihn im Krankenhaus zurück. Sam darf ihn nicht sehen, rutscht ab. „Alles – außer Heroin.“ Zwei Jahre Knast. Heute macht er sein Fachabi nach. Seine beiden Söhne sind 18, Sam hat sporadisch Kontakt.

Sam (40) schämt sich.

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