Familienvater will in München für mehr Grün sorgen

Mit Hecken gegen Feinstaub: Initiative, damit die Luft in der Stadt besser wird 

+
Die Allacher Straße ist eine von vielen in München, die sich für eine Hecken-Bepflanzung anbieten würde, findet Andreas Landgraf. 

Warum gibt es eigentlich so wenige Hecken an Münchner Straßen? Das fragt sich der Moosacher Andreas Landgraf schon lange. Insbesondere, weil Hecken auch Schadstoffe in der Luft binden könnten.

Moosacher Lokalpolitiker unterstützen den zweifachen Familienvater nun bei einem Antrag an die Stadtverwaltung, der prüfen soll, ob nicht mehr Grünstreifen an Straßen bepflanzt werden können. Die Stadt ist bislang skeptisch.

München ist eine der verkehrsreichsten Städte Deutschlands. Mittlerweile schieben sich mehr als 840 000 in München angemeldete Kraftfahrzeuge durch die Straßen, davon rund 720 000 Pkw. Dazu kommen tausende von Pendlern, Lieferfahrzeugen und Touristen. Laut einer Studie ist genau dieser Verkehr für bis zu 50 Prozent der Gesamtmenge an belastendem Fein- und Grobstaub verantwortlich. Ein Umstand, der nicht nur Andreas Landgraf nachdenklich macht, wenn er wieder einmal an nicht bepflanzten, öffentlichen Freiflächen vorbei radelt.

Pflanzen können Feinstaub auch binden 

Denn Bäume, Hecken und viele weitere Pflanzen filtern nicht nur Giftstoffe aus der Luft, sie sind auch in der Lage, Fein- und Grobstaub zu binden und unschädlich zu machen. Über die Spaltöffnungen der Blätter sowie über die Wurzeln – hier landen die Schwebstäube bei Regen – werden die festen und flüssigen Schadstoffe aufgenommen und teils in Pflanzenmasse umgewandelt. Sie gelangen als Abbauprodukte in die Wurzeln, werden dort noch weiter abgebaut und schließlich in die Erde abgegeben. Dort dienen sie Mikroorganismen und Bakterien als Nahrung.

Dass die zahlreich vorhandenen Bäume einen wichtigen Beitrag zur Klimaregulierung und Luftreinhaltung leisten, davon ist auch das Baureferat München überzeugt. Dort gibt es aber eine gewisse Skepsis gegenüber einer weiteren Begrünung, auch durch Hecken: „Momentan gibt es keine belastbaren Erkenntnisse über die Wirksamkeit und den notwendigen Umfang solcher Bepflanzungen“, erläutert Referatssprecherin Monika Großkopf. „Beim Baureferat gibt es derzeit keine gezielte Verwendung von Sträuchern zur Reduktion von Feinstaubbelastung entlang von Straßen“, bestätigt Großkopf weiter.

Lesen Sie auch: Kein „neuer Stinker“: Unterföhring blockiert Gaskraftwerk 

Noch weit größer ist die Skepsis beim Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU). Auf eine Anfrage unserer Zeitung schreibt Referats-Sprecherin Katharina Bosnjak: „Der Ansatz, Mooswände, vertikale Gärten und Pflanzplantagen zur Verbesserung der Luftqualität in München an stark befahrenen Straßenabschnitten zu verwenden, aufgrund der in der Praxis zu geringen Wirkung zu wenig erfolgsversprechend.“

Weltweit wird auf Hochtouren geforscht

Internationale Studien lassen jedoch anderes vermuten, denn weltweit wird auf Hochtouren geforscht – und das nicht erst seit dem Dieselskandal. Die einzelnen Ergebnisse sind vielversprechend und beweisen: Die Bepflanzung von Seitenstreifen mit geeigneten Pflanzen stellt eine ausgezeichnete Möglichkeit dar, die Umwelt- und Gesundheitsbelastung durch Feinstaub und andere Schadstoffe deutlich zu reduzieren. Oft entsteht eine natürliche Barriere zwischen den Verursachern der Umweltverschmutzung, den Kraftfahrzeugen, und Passanten sowie Bewohnern des betreffenden Gebietes. Dass dabei allerdings nicht jede Pflanze in jeder Konstellation geeignet ist, hat eine Untersuchung von der University of Sydney in einem mehrmonatigen Feldversuch in Australien ausgelotet.

Das Ergebnis: Abgesehen von Faktoren wie die Luftzirkulation spielen gerade die Blattstruktur und -form sowie eine dichte Blattbehaarung ebenso wie die Anordnung der Blätter eine wichtige Rolle bei der Fähigkeit, Feinstaub zu binden. Jetzt gilt es auch, hierzulande herauszufinden, welche Hecken und gegebenenfalls auch Büsche und Bäume am besten für diese Aufgabe geeignet sind. Denn damit eine Begrünung in stark bebauten Straßen die Luftqualität deutlich verbessert, muss nicht nur die Pflanzenart passen, es müssen die jeweiligen Bäume, Büsche und Hecken auch lückenlos und in ausreichender Wuchshöhe gepflanzt werden. Auch hierzu liegen Forschungsergebnisse zweier Studien vor.

Stadtwerke München setzen schon länger auf Begrünung

Anders als die Stadt selbst, setzen die Stadtwerke München schon seit einiger Zeit auf Begrünung durch Hecken, wo es die örtlichen Gegebenheiten zulassen, und auch mit Rasen bepflanzte Streckenabschnitte gibt es: „Sogenanntes Rasengleis“, erklärt die Pressestelle der Stadtwerke und gibt erfolgreiche Beispiele: „Etwa auf der Strecke St. Emmeram oder Steinhausen. Die Tram fährt dort quasi auf Grün.“

Das freut auch Armin Ziegler (SPD), Vorsitzender des Ausschusses Bau, Umwelt und Wirtschaft des Bezirksausschusses Moosach, der den einstimmig angenommenen Antrag Landgrafs weiter unterstützt: „Je mehr in der Stadt baulich verdichtet wird, desto weniger Grün gibt es.“ Leider ginge es bei der Bepflanzung nicht nur um die Reduzierung der Schadstoffbelastung, sondern auch um Sicherheitsaspekte: „Die Frage ist, wo eine Bepflanzung tatsächlich umsetzbar ist, ohne, dass der Verkehrsfluss behindert und Verkehrsteilnehmer gefährdet werden.“

Der Münchner Merkur fragte dazu bei Dr. Anders Li nach. Li ist als international anerkannter Spezialist für Verkehrssicherheit für die schwedische Behörde Trafikverket (Amt für Verkehr) tätig, die in den vergangenen Jahren für ihre innovativen Verkehrssicherheitskonzepte weltweit positive Anerkennung erhielt. Mit seiner „Vision Zero“ zur Reduzierung von Todesfällen im Verkehr gilt Li weithin als Vorreiter. Er erklärt: „Kleine Bäume und Büsche stellen anders als hochgewachsene Bäume keine direkte Bedrohung dar“, so LI. „Sie können sogar die Energie in gefährlichen Situation, in denen ein Auto von der Fahrbahn abkommt, absorbieren.“ Büsche und kleine Bäume könnten laut Li einen ähnlichen Effekt wie Schneehaufen haben, die in Schweden oft schlimmere Winterunfälle verhindern: „Diese „Schneebarrieren“ haben gute Sicherheitseffekte, indem sie einen Großteil der Crash-Energie umleiten. Ähnliche Ergebnisse können sicher mit der richtigen Art von Vegetation erreicht werden“, meint Li, weist allerdings darauf hin, dass die Büsche und Bäume regelmäßig beschnitten und gepflegt werden müssen, um kein Risiko für die Verkehrsteilnehmer durch abstehende Äste darzustellen: „Da gibt es definitiv Potential, das allerdings noch weiter wissenschaftlich untersucht werden sollte.“

Selbst, wenn eine schnelle Umsetzung des Antrages nicht zu erwarten ist, hat Andreas Landgraf auf jeden Fall etwas in Gang gesetzt. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren auch in München mehr Hecken.

Nicole Zobel

Lesen Sie auch:

Umwelthilfe fordert Böller-Verbote an Silvester: FDP-Chef Lindner findet das „zum Lachen“

Verpestete Luft setzt vor allem den Kleinsten zu

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Riesen-Festival kommt nach München - Jetzt steht fest: Weltweit bekannte Mega-Stars haben zugesagt
Riesen-Festival kommt nach München - Jetzt steht fest: Weltweit bekannte Mega-Stars haben zugesagt
Anwohner verärgert: Hier in München herrscht kolossaler Parkplatz-Irrsinn 
Anwohner verärgert: Hier in München herrscht kolossaler Parkplatz-Irrsinn 
Aus für beliebtes Münchner Lokal? Jetzt taucht ein Zettel auf, der Stammgäste freuen dürfte
Aus für beliebtes Münchner Lokal? Jetzt taucht ein Zettel auf, der Stammgäste freuen dürfte
Diese Münchner Stadtteile sind die Schulden-Hotspots - große Übersicht zeigt neuen „Sieger“
Diese Münchner Stadtteile sind die Schulden-Hotspots - große Übersicht zeigt neuen „Sieger“

Kommentare