3 Jahre Baustelle, 3 Jahre Planung

Neue Gleise im Münchner Norden - Bauingenieurin erklärt Großprojekt

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Die Frau hinter dem Großprojekt: Daniela Lung ist Projektingenieurin. Sie hat die Gleiserneuerung zwischen Moosach und Feldmoching seit dreieinhalb Jahren geplant und vorbereitet.

Zwischen Moosach und Feldmoching bewegt sich einiges: 8825 Tonnen Schotter und 12.360 Meter Schiene. Die Gleisbauarbeiten dauern drei Wochen. Die Planungen im Vorfeld drei Jahre. Sie waren Aufgabe von Bauingenieurin Daniela Lung. 

München– Jedes Mal, wenn Daniela Lung auf den Gleisen steht, lernt sie etwas Neues über den Alltag auf Großbaustellen. Zum Beispiel, dass Zeit nicht linear planbar ist. In der Praxis hat jeder am Schreibtisch noch so gut durchdachte Zeitstrahl Knicke. Leerläufe durch unvorhersehbare Unterbrechungen – auf Großbaustellen ist das Normalität.

Der Schienenumbauzug zersägt die alten Schienen und verlegt die neuen.

Die Baustelle, auf der die 40-jährige Bauingenieurin gerade steht, kann man bedenkenlos als groß bezeichnen. Sie ist drei Kilometer lang. Innerhalb von drei Wochen werden in München zwischen Moosach und Feldmoching 12 360 Meter Schienen neu verlegt, 8825 Tonnen Schotter ausgetauscht und 10.195 Schwellen ersetzt. Drei Wochen sind kein langer Zeitraum für ein Projekt dieser Größenordnung. Deshalb ist der Zeitplan wichtig. Doch an diesem Morgen gibt es wiedermal einen kleinen Knick. Der Schienenumbauzug, der morgens an der Eisenbahnbrücke in Moosach mit der Arbeit beginnen sollte, steht noch in Feldmoching. Die Arbeiten haben länger gedauert, dann kam noch der Schichtwechsel dazwischen. In Gefahr ist der Zeitplan deswegen aber nicht. Am 25. August werden die Regionalzüge und S-Bahnen wieder regulär auf der Strecke fahren – dann allerdings über neue Gleise.

Dafür wird drei Wochen lang rund um die Uhr gearbeitet – geplant wurde dreieinhalb Jahre lang. Das Planen ist Lungs Aufgabe. Sie ist seit sechs Jahren Bauingenieurin. Dank eines eisenbahnbegeisterten Professors an ihrer Uni ist sie nach ihrer Ausbildung bei der DB Netz gelandet. Die Gleiserneuerungen im Münchner Norden sind ihr erstes Großprojekt, das sie von Anfang an betreut.

Hier auf den Moosacher Gleisen stand sie in dieser Zeit selten. „Vielleicht vier Mal in drei Jahren“, sagt sie. Lungs Arbeit findet vor allem am Schreibtisch statt. Die 40-Jährige hat das Konzept erarbeitet, die Sperrung der Strecke angemeldet, so dass die Verkehrsunternehmen absprechen konnten, wie sie während der Bauarbeiten die Fahrgäste transportieren. Die Regionalzüge können das dritte Gleis nutzen, das eigentlich für den Güterverkehr vorgesehen ist, die S-Bahn setzt Ersatzbusse zwischen Moosach und Feldmoching ein. Die Koordinierung war nicht Lungs Aufgabe – aber die vielen Nachfragen der Verkehrsunternehmen sind bei ihr gelandet. Genauso wie die Anfragen der Unteren Naturschutzbehörde. Denn bevor ein solches Großprojekt beginnen kann, sind umwelt- und artenschutzrechtliche Gutachten nötig. „Im Gleisbett sonnen sich oft Zauneidechsen“, erklärt Lung. Für sie mussten Ersatzlebensräume geschaffen und Reptilienzäune aufgebaut werden. Parallel dazu hat sie ein Ingenieurbüro mit der Ausschreibung beauftragt, auf die sich mehrere Baufirmen bewerben konnten. „Das wirtschaftlichste Angebot hat dann den Zuschlag bekommen.“

Auch jetzt, während die Arbeiten noch im vollen Gang sind, gibt es für Lung und ihr Team viel zu tun. Vor allem logistisch. Denn es gibt auf den gesamten drei Kilometern keine Flächen, auf denen Material gelagert werden kann. Alles muss per Bahn an- und abtransportiert werden. Diese Leerwagen brauchen einen eigenen Fahrplan. Die Logistik ist eine Herausforderung, sagt sie. „Es ist spannend, ein Projekt in dieser Größenordnung über Jahre mitzugestalten.“

Daniela Lung hat das Großprojekt vorbereitet – und ist dabei vielleicht selbst auch ein Stück gewachsen 

Zur Anfangszeit, als sie als einzige Frau mit 20 Männern an großen Konferenztischen saß, fühlte sie sich noch nicht so souverän, wie sie heute in Warnweste und mit Bauhelm über die Baustelle marschiert. „Das war schon eine Herausforderung“, gibt sie zu. Doch es scheint, als hätte das Großprojekt auch Daniela Lung etwas größer gemacht. „Inzwischen ist ja bewiesen, dass Frauen mit der entsprechenden Ausbildung so eine Aufgabe bewältigen können“, sagt sie selbstbewusst. Manchmal stellt sie sich schon jetzt vor, wie sie in einigen Wochen in einer der S-Bahnen sitzen wird, die über die neuen Gleise rollen. Keiner der anderen Fahrgäste wird ahnen, dass das auch der zierlichen kleinen Frau mit den sanften braunen Augen zu verdanken ist. Dann wird Daniela Lung vielleicht aus dem Fenster blicken und lächeln – ein Lächeln, das in den vergangenen drei Jahren etwas selbstbewusster geworden ist.

Die wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf den Facebook-Seiten „Moosach - mein Viertel“ und „Mein Feldmoching/Hasenbergl“

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