„Narzisstische und paranoide Züge“

Rechtsextrem? Mobbing-Opfer? Neuer Streit über das Tatmotiv des OEZ-Amokläufers

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Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (l.) kritisiert die bayerischen Behörden - sie seien „auf dem rechten Auge blind“

Erneut ist ein Expertenstreit über die Motive des OEZ-Attentäters entbrannt. War David S. ein Rechtsextremist? Drei Gutachter kamen zu diesem Schluss, das LKA widerspricht nun.

München - Es ist ein kriminologisch und psychologisch kompliziertes Puzzle – und auch knapp zwei Jahre nach der Horrortat am Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) hat sich kein klares Bild gefügt. David S. – ein eiskalter Mörder, ein rechtsextremer Ausländerfeind, ein Mobbing-Opfer oder gar nur ein junger Mann, den enttäuschte Liebe zum Amoklauf getrieben hat? Oder alles zusammen? Für viele Thesen gibt es eindeutige Indizien. Vor allem seine rassistische Gesinnung steht mittlerweile außer Frage. Die drei Extremismusforscher Matthias Quent, Christoph Kopke und Florian Hartleb haben diese Motivation bereits im Oktober 2017 klar so benannt.

„Gefälligkeitsgutachten“ für die Staatsregierung?

Doch rechtsextremer Hass allein hätte nicht genügt, um die Tat auszuführen, bei der neun Menschen ihr Leben verloren – meint zumindest die vom Landeskriminalamt (LKA) beauftragte Gutachterin Britta Bannenberg. Die Kriminologin unterstellt vorrangig narzisstische und paranoide Züge bei Attentäter David S. Claudia Stamm, die seit ihrem Austritt bei den Grünen als fraktionsloses Mitglied dem Landtag angehört, hält es für „falsch und absurd“, den Fall auf die pathologische Geschichte zu verkürzen. Stamm sprach gestern bei einer Pressekonferenz von einem „Gefälligkeitsgutachten“ für die Staatsregierung und „merkwürdigen Vorgängen“.

Ein Foto des Polizeieinsatzes beim Amoklauf in München.

Bereits im April ist das Gutachten nach Angaben des LKA hinter verschlossenen Türen vorgestellt worden. Im Juli soll es öffentlich gemacht werden. Schon jetzt aber sind Details des Papiers durchgedrungen. Zu sagen, Psychiater hätten das Gefahrenpotenzial von David S. erkennen müssen, sei eine Verharmlosung des Attentäters, sagt Stamm. Vielmehr hätten alle Auswertungen von Chat-Foren eine klare politische Radikalisierung offengelegt. Stamm: „Die Ermittlungsbehörden haben ihre Aufgaben nicht erfüllt.“ Dies sei ein Schlag ins Gesicht der Opferangehörigen.

„Es ist ein Skandal, dass dies vertuscht wurde“

In ihrer Auffassung unterstützt wurde Stamm am Montag von Rechtsanwältin Claudia Neher und dem Politikwissenschaftler Florian Hartleb. Neher vertritt als Nebenklägerin neun Angehörige der Opfer. Sie zitierte einen ihrer Mandanten: „Leider haben wir bis heute keine Gerechtigkeit vom Staat erfahren.“ Unter anderem habe David S. seit März 2016 eine Verbindung zu dem US-Attentäter William A. unterhalten, der im Dezember 2017 zwei seiner Mitschüler in einer High School erschoss. „Es ist ein Skandal, dass dies vertuscht wurde“, sagte Neher. David S. habe sich mit William A. über rassistische Inhalte ausgetauscht. Neher steht mittlerweile in Kontakt mit US-Anwälten und dem FBI. Sie will nach eigenem Bekunden „das Ausmaß der Pflichtverletzungen und Fahrlässigkeiten“ der bayerischen Staatsanwaltschaft aufdecken.

Lesen Sie auch: Gedenken zum Jahrestag des Münchner Amoklaufs - „Ins Mark getroffen“

Hartleb erinnerte daran, dass David S. Anhänger des rassistischen Netzwerks „Anti-Refugee-Club“ und ein glühender Verehrer des norwegischen Massenmörders Breivik gewesen sei. Hartleb zufolge hatte der Deutsch-Iraner David S. seine Tat geplant und konkret Opfer mit Migrationshintergrund ausgewählt. Aus Perspektive der Hinterbliebenen sei es wichtig, zwischen Amoklauf und Terrorismus zu unterscheiden, erklärte der Forscher. Aus Sicht von Hartleb, Stamm und Neher ist es ein Hohn, dass das OEZ-Attentat im Verfassungsschutzbericht des Freistaats nach wie vor nicht bei den rechtsextremistisch motivierten Taten auftaucht. 

Forscher: Bayerische Behörden auf dem rechten Auge blind

Ihr Fazit: Die bayerischen Behörden seien auf dem rechten Auge blind. Stamm hatte bereits am 23. April im Landtag eine Anfrage zu den Verbindungen zwischen David S. und William A. gestellt. Am Montag hat die Staatsregierung eine Fristverlängerung für die Antwort beantragt. Stamm kritisierte, mit dem Stempel „IS-Attentäter“ sei der Freistaat häufig sehr schnell bei der Hand, obwohl auch der Täter von Würzburg ein schwer traumatisierter Flüchtling gewesen sei.

Relevant ist die Einstufung – rechtsextremistisches Motiv oder nicht – auch für finanzielle Ansprüche von Verletzten und Hinterbliebenen: Im März hatte das Bundesamt für Justiz (BfJ) in Bonn die Tat als extremistisch eingestuft. Dadurch entsteht bei Verletzten und Hinterbliebenen ein Anspruch auf sogenannte „Härteleistung für Opfer extremistischer Übergriffe“. Laut BfJ ändert das neue Gutachten des LKA daran nichts. Für die Zahlung der Leistungen sei ausreichend, dass David S. mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ ein extremistisches Motiv gehabt habe, selbst wenn es noch weitere Motive gegeben habe.

Klaus Vick

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