Prozessauftakt

Waffenhändler vom OEZ-Amoklauf: Was wusste Philipp K.?

Ab Montag steht er vor Gericht: Waffenhändler Philipp K. (32), der hier in Tarnuniform und mit Gewehr posiert.

Der Amoklauf von David S. mit neun Todesopfern hatte München im Juli 2016 in den Ausnahmezustand versetzt. Ab Montag steht Philipp K. vor Gericht. Der 32-Jährige hat die Tatwaffe geliefert.

München - Mit dem Amokschützen teilte Philipp K. offenbar eine rechte Gesinnung – und ahnte womöglich etwas von seinem mörderischen Plan. Womöglich, denn dem 32-Jährigen das nachzuweisen, ist den Ermittlern bisher nicht zweifelsfrei möglich.

Im Darknet, einem abgeschotteten Bereich des Internets, hatten beide Kontakt aufgenommen und sich später zwei Mal persönlich getroffen: zur Übergabe von Waffe und Munition. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Philipp K. eine Pistole vom Typ Glock 17 und mindestens 450 Schuss an David S. verkauft und damit den Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) erst möglich gemacht hat. Wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen ist Philipp K. angeklagt. Zudem muss er sich wegen illegalen Waffenhandels verantworten.

Verdacht auf Beihilfe zum Mord

Mit dieser Glock 17 erschoss David S. am OEZ wahllos Menschen.

Der Prozess findet im Saal 101 des Münchner Oberlandesgerichts statt – dort, wo sonst der NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe verhandelt wird. Ein fensterloser Hochsicherheitssaal, der selbst Terroristen abhalten könnte. An insgesamt zehn Verhandlungstagen will der 12. Strafsenat des Landgerichts prüfen, ob Philipp K. schuldig ist – und maßgeblich beteiligt am Tod von neun Menschen. Was den Amokläufer und den Angeklagten zu einen scheint, ist eine rechtsextreme Gesinnung. „Im Rahmen der Ermittlungen haben sich Hinweise ergeben, dass Philipp K. ein rechtsextrem geprägtes Weltbild hat“, bestätigte Oberstaatsanwältin Anne Leiding im Vorfeld des Prozesses. „In seinen Posts grüßte er zum Beispiel teilweise mit ,Heil Hitler‘, und in seinem Mobiltelefon waren Bilder von Hitler und Hakenkreuzen gespeichert.“ Ob die rechtsnationale Gesinnung bei der Tat und deren rechtlicher Bewertung eine Rolle gespielt habe, müsse nun im Prozess geklärt werden.

Die Kernfrage, die Richter Frank Zimmer klären muss, ist aber: Wusste oder konnte der 32-Jährige aus Marburg zumindest wissen, wofür David. S. die Pistole haben wollte? Dann wäre auch eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord möglich. Oberstaatsanwältin Anne Leiding: „Zum Zeitpunkt der Anklageerhebung gab es keine ausreichenden Hinweise darauf, dass Philipp K. Kenntnis von der geplanten Tat hatte. Da eine Beihilfe aber voraussetzt, dass man die Tat, an der man sich beteiligt, zumindest in Grundzügen kennt, konnte die Staatsanwaltschaft keine Anklage wegen Beihilfe zum Mord erheben.“ Die Staatsanwaltschaft, so Leiding weiter, wolle den Verlauf der Verhandlung abwarten und dann über weitere Anträge und die Plädoyers entscheiden.

So kam der Amokschütze an die Waffe

Wie die Ermittlungen ergaben, sollen sich S. und Phillip K. im Darknet handelseinig geworden sein. Am 20. Mai 2016 fuhr der Amokschütze Angaben der Frankfurter Ermittler zufolge mit einem Reisebus nach Marburg und kaufte die Waffe mit mindestens einhundert Schuss. Vier Tage vor dem Amoklauf reiste David S. erneut nach Marburg und erstand zusätzliche Munition, mindestens 350 Schuss. Eines dieser Treffen soll mehrere Stunden gedauert haben. „Das ist ungewöhnlich lange für ein Waffengeschäft, das ja schnell über die Bühne gehen soll“, sagt Nebenklage-Anwalt Onur Özata. Was also hatten sich die beiden zu sagen?

Einem Mithäftling soll Philipp K. in der Untersuchungshaft von Tötungsfantasien des späteren Amokschützen berichtet haben. Ali David S. soll ihm demnach beim Waffenkauf sinngemäß gesagt haben, er wolle „Kanacken abknallen“. Mögliche Opfer soll er mit rassistisch-abfälligen Wörtern bedacht haben.

Am Nachmittag des 22. Juli 2016 setzte der damals 18-jährige Schüler seinen mörderischen Plan in die Tat um: Mit Waffen und Munition im Rucksack fuhr er auf dem Rad zum OEZ und erschoss neun Menschen – fast durchweg junge Leute mit Migrationshintergrund. Auf der Flucht richtete er sich wenig später selbst.

David S. hegte nationalsozialistische Ideen

Schon seit Jahren hegte S. Sympathien für nationalsozialistische Ideen und den rechtsextremen norwegischen Massenmörder Anders Breivik. Philipp K. wiederum soll in Chats gegen Ausländer gehetzt und ebenfalls mit „Heil Hitler“ gegrüßt haben. Auf seiner Festplatte fanden die Ermittler eine elektronische Ausgabe von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. Ähnlich wie David S. habe er zwischen wertvollen und wertlosen Menschen unterschieden. Er habe in Tarnuniform und behelmt mit täuschend echten Waffenattrappen posiert. Teils habe er sich mit Jobs als Kurier oder Staplerfahrer durchgeschlagen. Schließlich soll er unter dem Decknamen „Rico“ mit Waffen gehandelt haben. In einem Erdversteck auf einer Autobahn-Verkehrsinsel fanden die Ermittler eine Kiste mit einer Maschinenpistole, vier halbautomatischen Pistolen und Munition.

Vor dem Landgericht wird Philipp K. auch mit den Menschen konfrontiert sein, die ihre Liebsten verloren: Für den Prozess sind 15 Nebenkläger zugelassen, Angehörige von Opfern und Verletzten. „Mein Mandant will, dass alle Hintergründe der Tat aufgeklärt werden. Er möchte wissen, ob der Waffenhändler nicht doch eingeweiht war“, sagt Nebenklage-Anwalt Özata. Wenn es statt um fahrlässige Tötung um Beihilfe zum Mord ginge, könnte das Strafmaß höher sein und bis 15 Jahre gehen.

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