Bluttat in Harlaching: Die Mutter, die ihren Sohn erstach

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Raphaels Mutter (l.) sitzt in Untersuchungshaft währen ihr Sohn am Donnerstag beerdigt wurde.

München - Irene N. erstach im Streit ihren eigenen Sohn. Während Raphael am Donnerstag auf dem Südfriedhof beerdigt wurde, sitzt seine Mutter weiter in Untersuchungshaft.

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Es war ein schwerer Gang bei eisiger Kälte. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel, doch die große Schar Trauernder auf dem Südfriedhof trug Dunkelheit in ihren Herzen. Hunderte Angehörige und Freunde waren am Donnerstagmittag zum muslimischen Grabfeld gekommen. Sie verabschiedeten sich von Raphael (18), der durch die Hand seiner Mutter gestorben war. Schier unerträglich waren die Stunden für Raphaels jüngere Schwestern (7 und 17). Sie haben ihren Bruder verloren – und ihre geliebte Mutter (38).

Irene N. verbrachte den Donnerstag in der geschlossenen Abteilung für Straftäter im Krankenhaus Haar. Sie, die ihre ganze Kraft und Leidenschaft ihren drei Kindern geschenkt hatte. Sie, die stets wollte, dass es ihnen einmal besser gehen sollte als ihr – wie schwer muss dieser Tag auch für sie gewesen sein?

Der tödliche Messerstich ins Herz ihres Sohnes war wohl der Höhepunkt jahrelanger Demütigungen und Respektlosigkeiten. Irene N. ertrug sie stets, Raphael war ihr erstgeborenes Kind. Freunde und Bekannte beschreiben den 18-Jährigen als höflich, liebenswert, verlässlich. Innerhalb der Familie zeigte der junge Mann aber oft ein anderes Gesicht. Roh gegenüber seinen jüngeren Schwestern, beleidigend gegenüber der Mutter.

Irene N. aber liebte ihren Sohn wie jede Mutter. Sie kämpfte für ihn, als er von der Schule fliegen sollte. Sie beglich seine Schulden, zahlte ihm den Führerschein. Dafür arbeitete die gelernte Krankenschwester hart. Sie ernährte ihre drei Kinder allein, von ihrem Lohn als Küchenhilfe. Um ihnen weitere Wünsche erfüllen zu können, jobbte die alleinerziehende Mutter in ihrem Urlaub als Toilettenfrau auf der Wiesn.

Ihr Sohn hingegen brach innerhalb kurzer Zeit zwei Ausbildungsverhältnisse ab. Als dann noch seine Freundin schwanger wurde, spitzte sich die Situation in der Familie zu. Irene N. machte sich Sorgen, wie die junge Familie über die Runden kommen sollte. Am Sonntagabend eskalierte ein Streit darüber. Raphael wütete – wieder einmal. Vielleicht ging er auch auf seine Mutter los, die schließlich zum Messer griff. „Stich doch zu“, soll Raphael mehrmals geschrien haben. Irgendwann stach seine Mutter tatsächlich zu – mitten ins Herz. Es war der Moment, der Raphaels Leben beendete. Es war aber auch der Moment, von dem sich seine Mutter wünscht, er wäre nie passiert.

Jacob Mell

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