Die schwierige Suche nach dem Mörder

Domenico L.: Zeuge hat interessante Information

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An diesem Radwewg starb Domenico L.

München - Zweieinhalb Wochen ist es her, dass Domenico L. sterben musste. Erstochen an der Isar, weil er einen Mann zur Rede stellen wollte, der seine Verlobte bespuckt hatte. Die Polizei hat eine interessante Information eines Zeugen erhalten.

Es ist ein Verbrechen, das Angst macht. Weil es jeden von uns hätte treffen können! Am 28. Mai musste der EADS-Ingenieur Domenico L († 31) sterben, weil ein Fremder seine Freundin anspuckt und er ihn zur Rede stellt. Auf Höhe des Patentamtes auf dem Radlweg an der Erhardtstraße steigt er ab – und wird wenige Sekunden später brutal niedergestochen. Mitten ins Herz. Seine Freundin muss mitansehen, wie ihr geliebter Domenico zusammensackt und stirbt. Den Täter konnte die Polizei auch mehr als zwei Wochen nach der Tat nicht fassen. Wie geht die Familie in Italien damit um, wie sieht es mittlerweile am Tatort aus und wie ist der genaue Stand der Ermittlungen in dem unheimlichen Mordfall?

Der große tz-Report:

Nur eine rote Schnur hält die welken Margeriten noch am Stamm, ihre Köpfe hängen schlaff, der Regen hat sie ausgelaugt. 17 Tage ist es nun her, dass betroffene Münchner hier am Radlweg an der Erhardtstraße die ersten Blumen niedergelegt haben. Tief bewegt und im Gedenken an den Ingenieur Domenico L. († 31), der hier spätabends am 28. Mai brutal erstochen wurde.

Mittlerweile schmücken Rosen und eine frische Sonnenblume den Tatort. Es ist heiß, aber das Foto des Opfers erreicht die Sonne nicht – dichte Baumkronen hüllen den Radlweg in Schatten. Täglich radeln Tausende Münchner hier vorbei. Etliche halten an – so wie Wolfgang Maier (49) und seine Lebensgefährtin. Traurig streift ihr Blick über das sympathische Gesicht des ermordeten Italieners. „Es ist unfassbar, was hier passiert ist. Eine fürchterliche, kaltblütige Tat“, sagt Wolfgang Maier. Er weiß: Auch er hätte hier am Radlweg auf den Mörder treffen können. „Ich hätte den Mann auch zur Rede gestellt, wenn er meine Frau bespuckt.“ Genau das hatte Domenico das Leben gekostet. Sein Mörder läuft noch frei herum. Mit bis zu 10 000 Euro belohnt die Polizei hilfreiche Hinweise.

„Ich hoffe, dass sie ihn bald schnappen. Furchtbar, dass so ein Mord hier in der Nachbarschaft passiert“, sagt Karl Baalß (64). Der Rentner geht jeden Tag an der Isar spazieren. „Das Opfer habe ich hier früher mal gesehen. Es tut mir so leid für seine Familie. Die Blumen am Tatort werden täglich mehr.“

Nur 100 Meter Luftlinie entfernt sonnen sich Maria (21) und Frizzi (23) am Kulturstrand auf der Corneliusbrücke – hier entlang flüchtete der Mörder in der Tatnacht. „Am Strand feiern Leute und gegenüber wird jemand umgebracht – das macht einem Angst“, sagen die beiden Giesinger Mädels. „Wenn Musik läuft, würde man vom Radlweg nicht mal Schreie hören.“ Undenkbar auch, dass man hier im Dunkeln einen Fremden erkennt. Tief sitzt der Schock über den Mord auch noch im Mehrfamilienhaus in der Inneren Wiener Straße. Hier lebte Domenico mit seiner Freundin. Sein Klingelschild hängt noch am Eingang neben der Haustür. Jeder Bewohner kann es sehen, wenn er nach Hause kommt. Im Innenhof schließen viele die Balkonfenster, wenn Fremde vorbeigehen. Sie sind gereizt, das Verbrechen an ihrem Nachbarn zehrt an den Nerven. Und das wird sich nicht ändern, bis die Polizei den Mörder fasst.

Andreas Thieme

So leidet Domenicos Familie

Warum nur? Warum musste er sterben? Diese Frage quält Domenicos Familie und lässt das Leben erstarren. Seine Verlobte Giulia (Name geändert) steht immer noch unter Schock und braucht viel Beistand, erfuhr die tz aus seiner und ihrer Heimatstadt Potenza ganz im Süden des Stiefels. Die Familie will nicht über den Verlust sprechen. Sie trauert im Stillen.

Warum? Warum läuft der Täter noch frei herum? Die Familie braucht keinen Schuldigen, heißt es, sie will keine Rache. Davon kommt ihr „Mimmo“, wie ihn alle nannten, auch nicht zurück. Aber eine Erklärung, irgendeinen Hinweis, damit diese unfassbare Tat irgendwie fassbar wird. Damit die Verlobte, die Mutter und seine drei Geschwister vielleicht ein bisschen Frieden finden können. Sie vertrauen auf die Ermittlungen der Münchner Polizei.

Vielleicht kommen sie demnächst auch selbst an die Isar, um sich ein Bild davon machen und um irgendwann die Wohnung in der Au auszuräumen. Nach München, in die wahrscheinlich sicherste Millionenstadt der Welt, in der Domenico sein Leben geben musste. Auch so eine Sache, die nicht nur in Potenza keiner verstehen kann. Vor zwei Wochen haben sie ihn zu Grabe getragen. Die Kirche war voll.

Messer-Mann trat schon mal auf

Die 27 Beamten der Soko Cornelius arbeiten nahezu rund um die Uhr, um dem unheimlichen Isar-Mörder auf die Spur zu kommen. 229 Hinweise sind aus der Bevölkerung gekommen. Die meisten davon beziehen sich auf aggressive Zeitgenossen, die scheinbar grundlos Leute anspuckten oder bedrohten. Einige davon sind heiß – wie zum Beispiel diese: Bei der Mordkommission meldete sich ein Mann, der an einem Samstagnachmittag Ende Februar mit seinem frei laufenden Hund an der Erhardtstraße entlang radelte in Richtung Corneliusbrücke – nicht weit vom Tatort entfernt. Unterwegs trafen Herr und Hund auf einen Mann im Outdoor-Outfit, der sich über irgendetwas enorm aufzuregen schien. Der Zeuge radelte zu ihm und fragte sinngemäß: „Was ist denn los?“ Statt einer Antwort zog der Fremde ein Messer! Entsetzt sprang der Mann auf sein Fahrrad, pfiff den Hund und suchte sofort das Weite. Ist das der spätere Mörder gewesen? Der Zeuge macht sich große Vorwürfe, dass er damals nicht sofort die Polizei verständigte.

In den vergangenen Tagen befragte und registrierte die Soko Cornelius abends am Tatort zahlreiche Passanten – auch in der Hoffnung, noch neue Zeugen zu finden. Vom Blut des Täters existiert eine DNA-Spur, weil er sich bei dem Angriff auf Domenico L. selbst verletzte. Ein Abgleich mit den Datenbanken brachte bislang allerdings keinen Erfolg.

jam/dop

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