Bestialischer Mord an Katrin M.

War’s doch ein Zufallstäter?

München - Tausende Ansätze, aber die heiße Spur fehlt (noch): So lässt sich der Ermittlungsstand im Mordfall Katrin M. (31) zusammenfassen. Sollte es sich um einen Zufallstäter handeln, wird die Arbeit für die Polizei noch schwerer.

Am Freitag vor zwei Wochen wurde die Verlagsangestellte am Abend gegen 21 Uhr im Eingangsbereich ihres Wohnhauses in der Halskestraße mit 18 Messerstichen ermordet. Die Verunsicherung in der Gegend ist groß. War es doch ein Zufallstäter? In Obersendling geht die Angst um, vor allem bei Frauen.

Die „Soko Aidenbach“ – benannt nach dem gleichnamigen U-Bahnhof, an dem Katrin Michalk auf ihrem Heimweg letztmals lebend gesehen wurde – ist mittlerweile auf 25 Beamte und vier Schreibkräfte aufgestockt worden. Auch die Profiler vom Kommissariat für Operative Fallanalyse versuchen nun, den Täter-Typus zu erfassen. Die Art und Weise dieses extrem brutalen Verbrechens lässt auf eine geballte Ladung Emotion wie enttäuschte Liebe, Hass oder Kränkungen schließen. Darum durchforstet die Soko gerade Katrins gesamten Freundes-, Familien und Bekanntenkreis in München und in ihrer sächsischen Heimat in Bautzen, Dresden und Leipzig. „Letztlich ist alles offen“, erklärte der Chef der Münchner Mordkommission, Markus Kraus.

Ansatzpunkte liefert Katrins Kleidung – speziell ihr blutgetränkter Daunenmantel wird akribisch auf fremde DNA-Spuren untersucht. Fremde DNA allein sagt jedoch gar nichts aus, wenn sie nicht einem in Frage kommenden Täter bwz. eindeutig tatrelevanten Spuren zuzuordnen ist.

Allein die Kriminaltechniker analysieren zur Zeit 1200 Spuren – darunter auch die Messerklinge, die neben der Leiche lag. Es handelt sich um ein Küchenmesser. Im Labor versuchen die Techniker Fabrikat und Hersteller herauszufinden. Der abgebrochene Griff wurde nicht gefunden – trotz Absuche der gesamten Umgebung, Sortierung des Hausmülls und Kontrolle der Fangkörbe in rund 600 (!) Gullis. Ausgewertet wird auch Katrin M.s Kommunikation sowie alle ihre Kontaktdaten im Handy, und Internet. Auch Tausende Daten der Handy-Funkmasten ringsherum werden gecheckt.

Mittlerweile ziehen die Beamten auch eine weitere Theorie in Erwägung: Dass es nämlich vielleicht gar keine Beziehung gibt zwischen Täter und Opfer, Katrin ihren Mörder also möglicherweise gar nicht kannte. In diesem Fall wäre der Fall extrem schwierig oder unter Umständen auch gar nicht zu klären. Dafür gab es in der bayerischen Kriminalgeschichte der vergangenen Jahre immer wieder traurige Beispiele, wie der tz-Report beweist.

Dorita Plange, Sebastian Arbinger

So schwer wird’s für die Kripo, wenn sich Täter und Opfer vorher nicht kannten

Die Münchner Rentnerin Luise Zimmermann (73) traf ihren Mörder am 7. August 2009 während einer Wanderung in der Nähe von Aying. Zwei Wochen später wurde ihre geschändete Leiche im Wald gefunden. Trotz 20 000 Euro Belohnung, großangelegter Fahndung und einem enormen Ermittlungsaufwand konnte die zuständige Kripo Erding ihren Mörder bis heute nicht fassen.

Während die Eltern einen Faschingsball besuchten, wurde Vanessa G. (12) daheim in ihrem Kinderzimmer in Augsburg am Abend des 11. Februar 2001 mit 21 Stichen ermordet. Zwei Wochen später fasste die Kripo ihren Mörder: Der damals 19-Jährige kannte das Mädchen nicht. Er war zufällig am Haus vorbeigekommen und hatte gesehen, dass Vanessa und ihr Bruder allein daheim waren.

Der Fall der schönen Münchnerin Sonja Engelbrecht bewegte 1995 ganz Deutschland. In der Nacht zum 11. April verabschiedete sich die 19-Jährige nachts nach 2 Uhr am Stiglmaierplatz von einem guten Freund, der mit der Tram davonfuhr. Danach verschwand Sonja spurlos. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Auch ihre Kleidung und ihre Tasche tauchten nie mehr auf.

Der Mord an dem Architekten Konrad H. (40), der am Abend des 15. Oktober 1993 von Messerstichen durchbohrt im Münchner Westpark lag, blieb drei Jahre ungeklärt. Erst nach einem Hinweis wurde der Mörder Gorazd B. (37) gefasst. Sein Motiv: Hass auf den Vater seiner Freundin, der ihn aus dem Haus geworfen hatte Da brachte er den erstbesten Passanten um, der seinen Weg kreuzte. Das war Konrad H.

So lange hat es bei diesen Fällen gedauert

Maserati-Mord: Am selben Tag

Der Fall ging als Maserati-Mord in die Kriminalgeschichte ein: Der Arbeitslose Rick T. überfiel 2005 Patentanwältin Susanne T., um ihren schicken Sportwagen zu rauben. Der Drogensüchtige misshandelte und vergewaltigte sein Opfer über Stunden, erstach es schließlich. Noch auf der Flucht schnappte die Polizei den Täter in einer Verkehrskontrolle.

Manager-Mord: Zwei Tage

Er plante seine Tat eiskalt: Am 14. Januar 2010 erschießt Hausmeister Rainer H. den Manager Dirk von Poschinger-Camphausen, Vater von zwei Kindern, mit 13 Schüssen aus einer Sportpistole. Motiv: finanzielle Probleme – der Täter will den teuren Audi A8 rauben. Zwei Tage später schnappt die Polizei den Täter.

Krailling-Morde: Acht Tage

Sein Grinsen stand für einen ekelhaften Menschen. Mit bestialer Gewalt tötete Thomas S. seine Nichten Chiara (8) und Sharon (11) – ihre Mutter fand die Leichen in der Nacht zum 24. März 2011 im Kinderzimmer, erdrosselt und erstochen. Ein Massaker, das die Polizei nur acht Tage später aufklärt kann. Thomas S. erhält die Höchststrafe: lebenslang.

Mordfall Hahn: Zehn Monate

Es war ein Mordfall ohne Leiche: Am 4. Januar 2005 ermordet Messebauer Jörg N. aus Habgier den pensionierten Truderinger Berufsschullehrer Konrad Hahn in dessen Arbeitszimmer, verscharrt die Leiche in Norditalien am Strand. Erst während des Prozesses verrät der Täter diesen Ort. Ende Oktober 2005 klärt die Mordkommission den Fall auf.

Mordfall Räder: 4,5 Jahre

Sein Mörder war eine Intelligenzbeste (IQ von 122): Wegen 1.000 Euro musste der Münchner Autohändler Manfred R. sterben – Schreiner Walter M. raubte ihn im Büro aus und stach 18 Mal mit einer langen Messerklinge zu. Viereinhalb Jahre dauern die Ermittlungen. Die Polizei verhaftet den Mörder auf Mallorca.

Die Angst geht um in der Halskestraße

Nicht daran denken

Seit dieser Tat passe ich schon mehr auf. Besonders wenn ich abends um 18 Uhr von der Arbeit zum Bus laufe, um nach Hause zu fahren, habe ich Angst. Meine Arbeitsstelle ist nicht weit von dem Tatort entfernt. Und wenn man dann im Dunkeln auf den Bus warten muss, ist das schon sehr beängstigend. Aber ich versuche einfach nicht daran zu denken.

Manuela Weigl (22), Hörgerätekustikerin aus Laim

Habe immer Pfefferspray dabei

Man weiß ja, dass die Polizei Streife fährt, deshalb hält sich die Angst mittlerweile in Grenzen. Jedoch wird man schon etwas paranoid, wenn man das erfährt. Ich drehe mich seitdem öfters um, wenn ich alleine unterwegs bin und habe auch immer ein Pfefferspray dabei. Es ist schon beunruhigend, dass so etwas Schlimmes direkt in der Nähe passiert ist. Und als Frau hat man da wirklich große Angst.

Nina H. (22), Studentin aus Sendling

Ich ziehe um!

Ich bin seit dem Mord noch vorsichtiger geworden. Nachts gehe ich nicht alleine aus dem Haus. Ab 8 Uhr begleitet mich immer mein Mann, denn ich habe große Angst allein im Dunkeln. Seit einiger Zeit suche ich schon eine neue Wohnung – jetzt möchte ich erst recht wegziehen.

Elef Theroupulu (66), Hausfrau aus Sendling

 

Jetzt greifen die Profiler ein

Er ist Deutschlands bester Profiler: der Bad Tölzer Polizist Alexander Horn (39). Seit rund 15 Jahren verfeinert er seine Methoden der Operativen Fallanalyse, mit denen er Täterprofile erstellt und Tathergänge minutiös nachzeichnet. Mit seinem Team gab Horn schon entscheidende Hinweise zu den rechtsradikalen „Döner-Morden“.

Jetzt steigen Horn und Kollegen auch im Münchner Mordfall Michalk ein und verstärken die „Soko Aidenbach“, die bisher keine konkreten Beweise sammeln konnte. Aufgabe: den Täter systematisch einkreisen und ihn dann dingfest machen.

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