Um Verwesungsgestank zu vertuschen

Mord in Riem: Mit Gummi dichtete er die Türe ab

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Mit weißem Gummi hat der Mann die Tür abgedichtet – damit der Verwesungsgeruch nicht nach außen dringt.

München - Nach dem grausamen Mord in Riem hat sich der Tatverdächtige (62) vermutlich ins Ausland abgesetzt. Den Mord schien er genau geplant zu haben: Er dichtete die Wohnungstür mit Gummimasse ab.

Staatsanwalt Peter Preuß (l.) und Markus Kraus, Leiter der Mordkommission, suchen per Öffentlichkeitsfahndung.

An der Terrassentür sitzen noch immer unzählige Fliegen. Die Rollos sind heruntergelassen. Im kleinen Garten stehen verlassen ein Tisch und vier Stühle, ein leerer Wäscheständer und ein Hometrainer. Eine dichte Hecke schließt die kleine Grünfläche im Erdgeschoss des Mehrfamilienhauses in der Messestadt Riem ein.

Hinter diesen Rollläden in der Selma-Lagerlöf-Straße geschah ein schrecklicher Mord. Das Opfer, die 47-jährige Hafida B., lag wochenlang in der Wohnung. Niemand vermisste die Marokkanerin, alle dachten, die Frau sei im Urlaub.

Als Täter gilt der Ehemann, Abbas-Ali Rahat-Farimani. Vermutlich hat er Hafida B. bereits am 10. August ermordet. Der 62-Jährige ist spurlos verschwunden, ebenso die beiden gemeinsamen Kinder – ein dreijähriger Bub und ein sieben Jahre altes Mädchen. Die Polizei geht davon aus, dass der Vater die Kinder nach der Tat mitgenommen und sich ins Ausland abgesetzt hat.

„Wir hoffen so sehr, dass er nicht auch noch den Kindern etwas angetan hat“, sagen die Nachbarn. Denn im Haus haben viele mitbekommen, dass in der Vier-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss Gewalt an der Tagesordnung gewesen sein dürfte. „Das Mädchen hat jeden Tag schon in der Früh geweint“, erzählt eine Frau. „Es ist ein hübsches Kind, aber traurig. Ich habe es nie lächeln sehen.“ Dem Bub soll der Iraner nie etwas angetan haben: „Er hat nur Frauen gehasst“, erzählen Hausbewohner. „Aber er war immer adrett gekleidet, mit Anzug und Krawatte. Auf den ersten Blick hat er einen guten Eindruck hinterlassen.“

"Ehe war lange zerrüttet"

Allerdings nur auf den ersten Blick: Zwar ist der Iraner nicht vorbestraft, jedoch erstattete Hafida B. zwei Mal Anzeige wegen häuslicher Gewalt – 2009 und 2013. Nachbarn erzählen, dass die 47-Jährige, die kurz nach der Geburt der Tochter mit ihrem Mann in die Neubausiedlung nach Riem gezogen war, bereits 2009 einmal Unterschlupf in einem Frauenhaus gesucht hatte. Im Jahr 2013 habe Rahat-Farimani auch „Gewalt gegen eines der Kinder ausgeübt“, sagte Chef-Mordermittler Markus Kraus. Nachbarn sahen das Mädchen damals mit einem blauen Auge. Deshalb wurde ein Kontaktverbot ausgesprochen, der Iraner durfte Frau und Kinder nicht mehr sehen. Doch die Marokkanerin zog ihre Anzeige Mitte des Jahres 2013 wieder zurück. Hafida B. berief sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. „Dann haben wir keine Handhabe mehr“, sagt Staatsanwalt Peter Preuß.

Jetzt dürfte es wieder zu einem Streit zwischen dem Paar, das seit sieben Jahren verheiratet ist, gekommen sein. „Die Ehe war seit langem zerrüttet“, sagt Kraus. Irgendwann muss der Iraner, der freiberuflich bei einer Sicherheitsfirma arbeitet, den Plan gefasst haben, seine Frau zu ermorden.

Tödliches Familiendrama in einer Riemer Wohnung: Die Polizei sucht den Ehemann.

Rahat-Farimani und seine Frau erzählten Nachbarn und Angehörigen, es sei eine Reise in die Türkei geplant. Unbestätigten Informationen zufolge sollen vier Flugtickets gebucht worden sein. Laut Polizei ist nicht bekannt, ob die Familie eine Reise gebucht und angetreten hat. Sicher ist allerdings, dass sie geplant war. Seit einiger Zeit fehlt auch das Auto der Familie. Es gibt Hinweise darauf, dass der Mann es vor der Tat verkauft haben könnte.

Tatsache ist, dass sowohl Hausbewohner als auch Angehörige davon ausgingen, dass die Familie im 14-tägigen Urlaub ist. Deshalb vermisste die 47-Jährige niemand. Am 24. August sollte die Familie zurückkehren. Am 25. August wurde Abbas-Ali Rahat-Farimani wieder an seinem Arbeitsplatz erwartet. Als er nicht auftauchte, alarmierte der Arbeitgeber die Polizei.

Schwester erstattet Vermisstenanzeige

Als Hafida B.’s Schwester, die auch in München wohnt, die Marokkanerin nicht erreichte, wurde sie misstrauisch. Sie soll häufig Kontakt per E-Mail und SMS mit ihrer Schwester gehabt haben. Sie erstattete Vermisstenanzeige.

Am Dienstag, 2. September, gegen 20.30 Uhr brach die Feuerwehr die Wohnungstüre auf. „Wir haben die Leiche der Bewohnerin gefunden“, berichtet Kraus. Sie soll im Schlafzimmer auf dem Bett gelegen haben – so verwest oder zugerichtet, dass sie auch anhand eines Lichtbildes nicht mehr identifiziert werden konnte. Die Polizei ging sofort von einem Verbrechen aus, eine Obduktion bestätigte den Verdacht. Nach derzeitigem Ermittlungsstand bestehen an der Identität der Ermordeten aber keinerlei Zweifel. Wie Abbas-Ali Rahat-Farimani seine Frau umbrachte, wollen Polizei und Staatsanwaltschaft „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht sagen, da es sich um Täterwissen handelt und Abbas-Ali Rahat-Farimani noch flüchtig ist.

„Ich denke, der Mann hat sich genau überlegt, wie lang er braucht, um sich absetzen zu können und hat alles dafür getan, dass man die Leiche spät findet“, sagt ein Nachbar. Dafür spricht, dass der Mörder die Wohnungstüre außen mit einer Gummimasse abgedichtet hatte. „Damit der bestialische Gestank nicht so schnell nach außen dringt“, vermutet der Nachbar. Einigen Nachbarn waren „das Weiße“ an der Tür und „der seltsame Geruch“ schon aufgefallen, jedoch hätten sie sich nichts weiter dabei gedacht. Und das, obwohl Abbas-Ali Rahat-Farimani vielen nicht geheuer vorkam. „Der Mann hatte böse Augen“, sagen einige. „Wir hatten und haben auch Angst vor ihm.“ Manche wollten nicht mit ihm reden. „Aber wer rechnet denn mit einem so abscheulichen Mord?“

Mord in Riem

Mord in Riem: Bilder

Stefanie Wegele

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