Bluttat vor 23 Jahren

Mord: Verteidigung zweifelt DNA-Spur an

München - Vor 23 Jahren soll Ismat O. eine Frau ermordet haben, ein Treffer in der DNA-Datenbank hat ihn aus Sicht der Ermittler überführt. Doch der 45-Jährige leugnet die brutale Tat vehement. Seine Anwälte zweifeln vor Gericht die Beweiskraft der DNA-Spuren an.

Ist der genetische Fingerabdruck einer Person unverwechselbar? Mit dieser Frage wird sich das Landgericht München I in den kommenden Wochen beschäftigen müssen. Es geht um einen Mord, der 23 Jahre zurückliegt, um einen Angeklagten, der die Tat leugnet und um die Frage, ob auch jemand anders die DNA-Spuren hinterlassen haben könnte, die ihn aus Sicht der Ermittler überführt haben. Am gestrigen ersten Verhandlungstag sagte Verteidiger Ulrich Ziegert: „Unser Mandant erklärt, dass er mit dieser Tat nichts zu tun hat.“ Die Verteidigung will beweisen, dass die DNA-Spuren nicht mit ausreichender Wahrscheinlichkeit von ihrem Mandanten stammen.

Der Mandant, das ist Ismat O., 45 Jahre alt. Er wird aus der Strafhaft ins Gericht gebracht, das Landgericht Tübingen hat ihn im Mai 2012 wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, er soll seine Frau und seine Söhne misshandelt haben. Auch das leugnet er bis heute.

Die neuerliche Anklage wiegt schwer: Wie berichtet soll Ismat O. als 22-jähriger Mann die damals 63-jährige Münchner Rentnerin Elisabeth G. getötet haben - aus sexuellen Motiven. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft lernte er die Frau in einem Lokal an der Schleißheimer Straße kennen. Sie war ihm anfangs zugeneigt, nahm ihn mit heim, wollte ihn aber loswerden, als sie merkte, dass sie ihren Wohnungsschlüssel vergessen hatte. Das soll Ismat O. nicht akzeptiert haben: Noch im Hausflur habe er die Frau heftig gewürgt, gebissen und vergewaltigt, heißt es in der Anklage. Während sie mit dem Tod kämpfte, soll er ihr die Brustwarze abgebissen haben.

Die Vorwürfe stützen sich unter anderem auf DNA-Spuren, die unter den Fingernägeln des Opfers, an ihrem Büstenhalter und an der Brustwarze gefunden wurden. O. musste seine DNA bei den Ermittlungen in Tübingen abgeben, ein Abgleich mit ungeklärten Morden ergab einen Treffer im Fall von Elisabeth G. Womöglich handelt es sich bei dem damals gefundenen DNA-Material aber um eher bruchstückhafte Abschnitte. Die Verteidigung jedenfalls beantragte am ersten Verhandlungstag ein zusätzliches Gutachten, um zu beweisen, dass „sämtliche vermeintlich am Opfer gefundene biologische Spuren oder Mischspuren nicht vom Angeklagten stammen“, sagte Anwalt Marco Noli, der O. gemeinsam mit Ziegert vertritt. Der an der Brustwarze ermittelte DNA-Typ passe auf eine von 10 000 Personen: „Er ist nicht einmalig.“ Zudem habe man allein am Büstenhalter Spuren von insgesamt drei männlichen Personen gefunden.

Ismat O. selbst äußerte sich vor Gericht nicht zu der Tat. Allerdings sagte der psychiatrische Sachverständige Peter Winckler aus Tübingen aus, dem gegenüber sich O. geäußert hatte. „Er sagte, er rechne fest mit einem Freispruch, denn er habe immer ein anständiges Leben geführt.“ O. habe die Vorstellung, mit einer mehr als 40 Jahre älteren Frau heim zu gehen, lachhaft gefunden: „Er habe genug Angebote von jungen und hübschen Frauen gehabt.“ Nicht mal den Namen von Elisabeth G. will Ismat O. gekannt haben. Auf die DNA-Spuren angesprochen, habe der 45-Jährige unter anderem einen Auswertungsfehler vermutet.

Wie häufig Fehler tatsächlich passieren, wird nicht statistisch erfasst. Wie Prof. Wolfgang Huckenbeck vom Institut für Rechtsmedizin am Uniklinikum Düsseldorf auf Anfrage erklärte, könne es vorkommen, dass DNA unbrauchbar wird. Erstens durch Mischspuren: „Wenn sie von mehr als vier Personen stammt, wird es haarig.“ Ein anderer Punkt sei der Alterszustand: „DNA wird von UV-Licht oder Bakterien angegriffen, kann dadurch brechen. So kann es dazu kommen, dass sie nicht mehr auswertbar ist.“ Solche Spuren würde man jedoch kaum als Basis einer Anklage verwenden, so Huckenbeck. Bei einer DNA-Spur, die vor Gericht lande, sei es heute „sehr unwahrscheinlich“, dass sie ein zweites Mal vorkomme. „Es sei denn, bei einem Zwilling.“

Ann-Kathrin Gerke und Johannes Löhr

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