Das neue Buch des legendären Ermittlers

Wilfling-Serie: Auf der Spur des Schreckens

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In diesem Haus an der Görresstraße in Schwabing hatte Elena S. gelebt – und hier ist sie auch gestorben. Die Polizei fand ihre grausam entstellte Leiche und machte sich auf die Suche nach dem Täter.

München - Die tz präsentiert exklusiv Passagen aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers Josef Wilfling und zeigt Fotos und Originalschauplätze. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Kapitel "Der Sadist".

Jeder Mord fordert so viele ­Opfer. Denn die Angehörigen und Freunde der Toten wie die Familien der Täter leiden. Sie alle stehen im Mittelpunkt des dritten Bestsellers von Josef Wilf­ling (68): ­Verderben – Die Macht der ­Mörder (Heyne-Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro). Und wieder gewährt der Ex-Chef der Münchner Mordkommission zuweilen schockierende Einblicke in Münchner Mordfälle und auch in seine eigene aufgewühlte Seele. Orts- und Namensangaben sind im Buch verändert. Die tz druckt exklusiv ­Passagen aus dem neuen Buch des legendä­ren Mordermittlers und zeigt Fotos und Originalschauplätze. Lesen Sie heute zum Abschluss Auszüge aus dem Kapitel Der Sadist.

Auf der Spur des Schreckens

Barbara Meier war erst 42 Jahre alt, als sie grausam ermordet wurde. Kennengelernt hatte sie ihren Mörder in jener Kneipe im Münchner Süden, in der sie allabendlich zu Gast war (...). Sie war groß, schlank und sah sehr gut aus. (...) Alles, was ihr geblieben war, waren die Abende in ihrer Stammkneipe, in der sie ein gern gesehener Gast war. (...)

Jetzt lag Barbara tot auf ihrem Bett, und von ihrer Schönheit war nichts mehr übrig, weil bereits die zweite oder dritte Generation von Maden dabei war, ihre sterbliche Hülle zu entsorgen. (...) Die Leiche lag auf dem Rücken, die Beine waren weit gespreizt. Der Geschlechtsakt war vermutlich das Letzte, was Barbara Meier in dieser Welt miterlebt hatte. Zumindest sah es so aus. (...) Die Handgelenke waren mit einem Bademantelgürtel vor dem Körper zusammengebunden und ließen auf sadomasochistische Praktiken schließen. (...) Beide Brustwarzen fehlten. (...)

Wir begannen unsere Ermittlungen wie immer von innen nach außen. (...) In diesem Fall hatten wir Glück, weil es eine gute Freundin gab, und zwar die Wirtin, bei der Barbara täglich zu Gast war. (...) Kurz vor der Sperrstunde habe dieser Mann das Lokal betreten. (...) Sportlich und gut gekleidet sei der Mann gewesen, auffallend groß, mindestens 1,90 Meter, schlank, fast schlaksig, schätzungsweise 40 bis 45 Jahre alt und attraktiv. (...) Sie sei sofort auf ihn aufmerksam geworden. Und natürlich auch Barbara, die den Fremden förmlich anzog. Nach etwa einer halben Stunde verließen sie gemeinsam das Lokal. (...)

Nach Sachlage gab es keine begründeten Zweifel daran, dass der letzte Begleiter auch der letzte Besucher gewesen sein dürfte und der letzte Besucher auch der Täter. (...)

Konrad Tauber, 45 Jahre alt, saß auf einer Bank in der Nähe der Universität und war in die Boulevardzeitung vertieft. (...) Er las von der Auffindung der Toten und erschrak. Die Beschreibung des letzten Begleiters traf ziemlich genau auf ihn zu (...). Er musste verschwinden.

Das kleine Zimmer im Studentenheim im Münchner Universitätsviertel bewohnte er seit etwa drei Monaten, obwohl er kein Student mehr war. (...) Als er nämlich erfuhr, dass er sich mit dem HI-Virus infiziert habe, sah er keinen Sinn mehr in der Fortsetzung eines Studiums. Inzwischen war er bereits in Kategorie C eingestuft, was man als Aids im Endstadium bezeichnete. Seine sexuelle Präferenz hatte sich aber nicht geändert. Er bevorzugte nach wie vor harten Sex. (...) Dass er hochansteckend war, verschwieg er natürlich. (...)

Luisa Naumann lag auf dem dreckigen Fußboden, die Arme waren mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt, die Beine waren mit Klebeband zusammengebunden. So wurde sie aufgefunden, nachdem sie sich befreien konnte und mit den Füßen so lange gegen die Tür getreten hatte, bis jemand aufmerksam wurde, (...). Jetzt war Luisas Peiniger und Vergewaltiger weg. (...) Immer wieder habe er sie gebissen, vor allem in die Brüste, und ihr damit gedroht, die Brustwarzen abzubeißen. Bei dieser Schilderung wurde ich plötzlich hellhörig, denn jetzt hatten wir eine Zeugenaussage zu dieser seltenen Perversion. (...) Der Mann, der Luisa festgehalten, vergewaltigt und misshandelt hatte, war mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Mörder von Barbara Meier. (...) Wir machten die tatsächliche Mieterin des Zimmers im Studentenheim ausfindig (...). Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, bis die Studentin uns endlich den Namen des Flüchtigen sagte. (...)

Am nächsten Tag rief doch tatsächlich eine der Damen heimlich an und erklärte vorsichtig, sie könne sich vorstellen, wohin sich Konrad Tauber abgesetzt haben könnte. (...) Und zwar auf eine verlassene Schaffarm (...) in der Nähe einer spanischen Kleinstadt. (...)

Es vergingen drei Wochen. (...) Dann war es so weit. Der Ermittler aus Spanien rief an und teilte uns mit, dass Konrad Tauber festgenommen werden konnte (...). Im Schafstall dieses heruntergekommenen Anwesens (...) wurde eine 28-jährige deutsche Rucksacktouristin aufgefunden, die mindestens drei Wochen lang von Konrad Tauber dort gefangen gehalten worden war. (...) Ich selbst habe die junge Frau nie zu Gesicht bekommen. (...) Es genügte die Lektüre der ausführlichen Vernehmung (...). Es war das schrecklichste, schlimmste und ekelerregendste Dokument, das ich in 42 Jahren Polizeidienst jemals zur Kenntnis nehmen musste. (...) Konrad Tauber war ein Mensch, der sich am Leid seiner Opfer ergötzte. Je mehr er sie demütigen konnte, desto mehr Freude schien er zu empfinden. Er war ein hochgradiger Sadist. Die Auslieferung von Konrad Tauber stand an. Ein Kollege und ich sollten ihn in Spanien abholen und per Flugzeug nach München bringen. (...) Dann aber passierte das, was mir nicht hätte passieren dürfen. (...) Jedenfalls war es schlagartig mit meiner sogenannten professionellen Distanz vorbei, als Konrad Tauber unvermittelt anfing, in Selbstmitleid zu verfallen und wie ein krankes Kind zu näseln: „Ich möchte Ihnen gleich sagen, dass ich krank bin und im Flugzeug nach dem Essen öfter zur Toilette muss.“ (...) Ich ging auf ihn zu mit einem Gesichtsausdruck, den mein Kollege später als gefährlich bezeichnete. (...) „Wer sagt dir denn, dass du etwas zu essen bekommst?“, raunzte ich ihn an. „Und wer sagt dir, dass du im Flieger auf die Toilette gehen kannst? Du wirst weder etwas zu essen kriegen noch wirst du das Klo benutzen. (…) Hast du mich verstanden?“

Er starrte mich an, als käme ich von einem anderen Stern, und sprach fortan kein einziges Wort mehr mit mir. Mein Vorsatz, im Flugzeug mit ihm zu reden und ihn zu einem Geständnis zu bewegen, war zunichte. (...)

Konrad Tauber machte keinerlei Angaben zu den Vorwürfen. Über seinen Anwalt, einen Pflichtverteidiger, bestätigte er den Kontakt zu Barbara Meier, bestritt aber den Mord. (...) Konrad Tauber wurde von der Anklage des Mordes freigesprochen. (...) Ich habe mir nach diesem

Freispruch schwere Vorwürfe gemacht, weil ich überzeugt bin, dass ich ihn zu einem Geständnis hätte bewegen können, wäre ich ihm anders entgegengetreten und hätte ihn nicht meine tiefe Abneigung spüren lassen. Glücklicherweise ist mir Derartiges nie mehr passiert, vielleicht auch deshalb, weil mir dieser Fall eine Lehre war.

(...) Da sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte, wurde er in ein Krankenhaus verlegt, weshalb sich die Hauptverhandlung wegen Vergewaltigung der beiden jungen Frauen immer wieder verzögerte. (...) Konrad Tauber wurde nicht mehr verhandlungsfähig und deshalb nie verurteilt für das, was er getan hatte. (...) Konrad Tauber starb drei Jahre später. (...) Ich bin überzeugt, dass er an seine Opfer keinen einzigen Gedanken mehr verschwendete. Oder hat er als Sadist die Erinnerung an diese gar genossen?

Der wahre Fall

In einem Apartment in der Görresstraße (Schwabing) wurde Anfang Oktober 1989 die grausam entstellte Leiche der Buchhalterin Elena S. († 41) gefunden. Zwölf Tage hatte sie tot auf ihrem Bett gelegen, bevor sie gefunden wurde. In den Fokus der Ermittlungen rückte bald Michael S. (45) – ein arbeitsloser Münchner, den Elena S. nur flüchtig gekannt hatte. Er hatte sich nach Setubal/Portugal abgesetzt. Über seinen Münchner Anwalt ließ er ausrichten, er sei an Aids erkrankt und wolle den kurzen Rest seines Lebens nicht hinter Gittern verbringen. Ende März 1990 nahm ihn die portugiesische Polizei nahe der Hafenstadt Setubal am Atlantischen Ozean fest. Seinen Lebensunterhalt dort hatten ihm offenbar diverse weibliche Zufallsbekanntschaften finanziert. In Deutschland wurde erst später bekannt, dass der mehrfach vorbestrafte Sexualtäter schon wieder eine junge Frau wochenlang gefangen gehalten und mit dem HI-Virus infiziert hatte. Einige Jahre nach seiner Auslieferung starb Michael S. in einer deutschen Klinik.

 

Dorita Plange

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