Mordfall Claudia D.: So lebt der Witwer mit der Ungewissheit

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Ein mysteriöser Tod: Wurde Claudia D. wirklich ermordert?

München - Der Tod von Claudia D. aus München bleibt mysteriös. Es soll Totschlag oder Mord gewesen sein, einen Täter gibt es aber nicht. Der Witwer muss mit der Ungewissheit leben.

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Hundertmal hat Peter S. (62) die Szene in Gedanken durchgespielt: Wie seine Claudia aus dem Bett springt, schnell und plötzlich, wie sie das immer tat, er kennt sie ja. Wie Claudia schwindlig wird, weil es ihr an dem Tag ohnehin nicht so gut geht und sie Probleme mit dem Zucker hat – darum hatte sie immer Bonbons dabei. Wie sie dann das Gleichgewicht verliert und stürzt und mit dem Kopf aufs Nachtkästchen knallt. Wie sie aufhört zu atmen.

Ein Unfall, Schicksal, eine fürchterliche Fügung. Peter S. quält sich in Gedanken, knetet die Bilder im Kopf, formt seine Vorstellungen – tags, nachts, er kommt zu keinem anderen Ergebnis, das tröstet ihn. Die Claudia ist tot, sie starb vor einem Jahr in einem Hotel, allein.

Die Polizei aber sagt: Das war kein natürlicher Tod. Claudia muss ihren Mörder gekannt haben, ihm die Tür geöffnet haben. Vielleicht hat ein Liebhaber sie erdrosselt? Der Tod der 47-jährigen Claudia D. aus München gehört zu den mysteriösesten Fällen der letzten Jahre. Anfang 2009 fand ihr eigener Vater (85) ihre Leiche in einem Düsseldorfer Hotel. Erst sprechen die Ermittler von einem Unfall, dann von Mord, dann wieder von einem Unfall, schließlich legt sich die Rechtsmedizin fest: Es war Totschlag oder Mord. Einen Täter gibt es nicht.

Über 13 Jahre lebte Peter S. (62) mit Claudia D. in Neuaubing zusammen, sie wollten sogar heiraten. Jetzt lebt er ganz allein in dem großen Haus.

Ein Jahr ist das her. Peter S. leidet, versucht den Tod seiner Liebe zu verkraften, das ist schon schwer genug – und dann muss er noch mit dieser Unsicherheit leben. Unfall? Mord? Warum musste Claudia sterben? „Es ist eine ewige Wanderung“, sagt Peter S., Chef einer Handelsvertretung. „Ihr Tod holt mich immer wieder ein.“ Dann brechen die Gefühle durch und seine Augen werden feucht. „Ich bin immer noch fertig.“

Claudia D. war nach Düsseldorf geflogen, um mit ihren betagten Eltern Silvester zu feiern. Sie will ihnen nicht zur Last fallen und quartiert sich wie immer im nahen Kempe Komfort Hotel ein. Die Familie feiert Neujahr, am übernächsten Abend, ein Samstag, besucht sie die Nachbarn, man trinkt Alkohol, ein Wort ergibt das andere, und Mutter und Tochter geraten aneinander – sie konnten schon immer sehr laut werden.

Die Immobilienkauffrau Claudia D. ist 14 Jahre jünger als ihr Lebensgefährte, die beiden leben seit 13 Jahren zusammen, wollen bald heiraten. Die Mutter stört sich daran. Völlig aufgewühlt ruft Claudia nachts aus Hotelzimmer 501 ihren Lebensgefährten an. Sie wechseln die letzten Worte.

Am Sonntagmorgen ist Claudia übel. Zwar vereinbart sie noch gegen 11 Uhr mit ihren Eltern ein Treffen zur Versöhnung, sie erscheint aber nicht. Der Vater wird nervös, fährt ins Hotel, lässt die Zimmertür öffnen. Da findet der 85-Jährige seine Tochter tot neben dem Bett. Claudia D. liegt bäuchlings mit dem Kinn auf dem Nachtkästchen. Die Tür zeigt keine Aufbruchspuren, nichts deutet auf Kampf hin, von den Wertsachen fehlt nichts, die Leiche ist angezogen, Claudia D. hatte in der Nacht keinen Liebhaber.

Der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa zuckt mit den Schultern. „Es sieht nicht danach aus, dass wir den Fall lösen können.“ An den Ermittlungen habe es nicht gelegen: Anfang 2009 hatte die Polizei eine zwölfköpfige Sonderkommission eingerichtet, noch immer ist eine Beamtin ständig mit dem Fall beschäftigt. 50 Personen seien überprüft worden, Finger- und DNA-Spuren, die Kripo machte Hotelgäste aus dem Ausland ausfindig, sogar ein Hinweis zu Scientology wurde überprüft, weil der Hotelinhaber bekennender Anhänger der Organisation ist. Nichts – kein Täter, keine Spur, nichtmal der Hauch eines Motivs.

Auch Peter S. haben sie sich vorgeknöpft. Sechs Stunden musste er bei der Kripo aussagen, fühlte sich wie ein Mörder. Heute telefoniert der Witwer jeden Monat mit der Kripo-Beamtin. Er glaubt an seine Unfall-Theorie. Oder verwechselte der Mörder seine Claudia?

Ihr Zimmer hat Peter S. nicht verändert. Ruhig ist es in Neuaubing. „Früher war Leben im Haus, jetzt ist es tot wie auf dem Friedhof“, sagt Peter S. Manchmal, wenn ihm die Stille zu laut wird, macht er die alte Abba-Platte an. Mit Claudia war es Liebe auf den ersten Blick. Verabschieden von ihr durfte er sich nicht. Ihre Eltern luden ihn nicht zur Beerdigung ein.

David Costanzo

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