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Poschinger-Witwe: Auge in Auge mit dem Killer meines Mannes

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Daniela von Poschinger-Camphausen

München - Ein Hausmeister soll einen jungen Investment-Manager umgebracht haben, um an dessen teures Auto zu kommen. Die Witwe schilderte ihr Leben mit den Kindern nach dem Drama.

Wenn Selina (6) und Saskia (7) die Stimme ihres toten Vaters vermissen, rufen sie dessen Mailbox an. Wird die Sehnsucht der kleinen Tochter zu groß, erzählt sie dem Papa dann darauf, was sie bewegt – auch wenn er es nicht mehr hören kann. Als die Witwe des ermorderten Investment-Managers Dirk von Poschinger-Camp­hausen diese Geschichte erzählt, schüttelt sich eine Dame im Publikum. Daniela von Poschinger-Camphausens (36) Stimme bleibt fest. Das erste Mal Auge im Auge mit dem eiskalten Killer ihres Mannes – und sie erträgt alles tapfer. Ihr Auftritt am ersten Prozesstag erstaunt auch erfahrene Juristen.

Die Witwe trägt schwarz, genauso wie die Mutter des Ermordeten, die mit ihrem Mann im Zuschauerbereich sitzt. Daniela von Poschinger-Camphausen ist sehr zierlich, ihr schwarzes Kleid und die hochhackigen Stiefel lassen sie noch schlanker erscheinen. Sie trägt dezenten Schmuck, ihre Augen sind geschminkt, die lockigen Haare vorne zurechtgezurrt. Während der Verlesung der 17-Seiten-Anklage bewegt sich die Witwe kaum. Sie sitzt kerzengerade, die Hände auf dem Schoß verschränkt, und fokussiert den Mann, der ihr und den Töchtern das Liebste genommen hat. Der Angeklagte Rainer H. (40) erwidert den Blick nicht. Es wirkt, als wolle die Witwe in ihm lesen, warum er diese unfassbare Tat begangen hat. Wie dieser Mensch vor ihr einen unschuldigen Mann aus purer Habgier mit 13 Schüssen umbrachte.

Sie bekommt keine Antwort. Stattdessen eine knappe Aussage, die in ihren Ohren wie Hohn klingen muss. „Hohes Gericht, ich bin unschuldig!“ Dabei kaut der Angeklagte lässig auf einem Bonbon herum. Die Prozessbeobachter schütteln den Kopf ob dieser überraschenden Aussage. Poschinger-Camphausens Vertreterin Gabriele Schöch spricht später von einer „Unverschämtheit“, Staatsanwältin Nicole Selzam kommentiert: „Was sich eine Witwe da anhören muss …“ Die Witwe schluckt kurz und richtet den Blick sofort wieder auf den Angeklagten.

Dennoch, trotz all der Gedanken, die ihr in diesem Saal durch den Kopf gehen müssen, bleibt sie bei ihren Aussagen stets distanziert und sachlich. Sie spricht von einem „Herrn Arnold“ (der Deckname Rainer H.s), berichtet darüber, wie sympathisch ihn ihr Mann beim ersten Aufeinandertreffen fand. Sie erzählt, dass ihr Mann und der Angeklagte über den neuen Geruch des Autos gescherzt hätten, der Rainer H. imponiert habe. „Er hat gesagt, er habe ihm davon erzählt, dass mir bei dem Geruch immer schlecht wird. Er hat sich gefreut, dass einer auf derselben Wellenlänge lag, was den A8 betraf.“ Sie spricht in ihren Ausführungen nie vom „Angeklagten“. Die Staatsanwältin zollt der Witwe nach der Verhandlung Respekt: „Sie hätte all ihre Gefühle – wie es viele tun – auf den Angeklagten übertragen können. Aber sie hat keinerlei Belastungseifer, eine geradezu vorbildliche Distanz.“

Wie schafft sie das nur? Sie habe von Beginn an als Nebenklägerin vertreten sein wollen, sagt ihre Anwältin Schöch. „Damit wir immer über alles informiert sind.“ Sie habe ihre Mandantin gut auf den heutigen Tag vorbereitet, ihr den Sitzungs-Saal gezeigt und sie gewarnt, dass Rainer H. überheblich auftreten könnte.

Als es um ihren Mann geht, wird Daniela von Poschinger-Camphausens ohnehin mädchenhafte Stimme noch weicher. Sie habe gehofft, dass ihm der neue Job und der damit verbundene Umzug nach München „zumindest am Wochenende“ mehr Zeit für die Familie bringe, das habe sich auch bewahrheitet. Er habe immer geschaut, dass es „seinen drei Mädels“ gut ginge. Er sei immer liebevoll gewesen. „Wir haben viel miteinander gelacht.“ Bis zu jenem Tag im Februar, als der Familienvater sterben musste.

Daniela von Poschinger-Camp­hausen beschreibt, wie sie bei diesem vermeintlichen Autohandel von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt habe. „Auf der Kopie des Ausweises des Käufers war die Schrift sehr deutlich, aber das Bild sehr verschwommen.“ Ihr Mann sei immer sehr vorsichtig gewesen. Hier offenbar nicht genug. Sie schreibt ihm kurz vor der geplanten Geld-Transaktion in einer Bank am Promenadeplatz eine SMS: „Toi, toi, toi.“ Er antwortet: „Huah?!? Passt schon, ich liebe dich.“, um ihr die Sorgen zu nehmen. Schon als ihr Mann nicht wie vereinbart kurz darauf anruft, macht sich die Ehefrau Sorgen. Etliche Anrufe, immer klingelt es durch. Dann geht plötzlich die Mailbox ran. „Es war mir egal, ob ich nerve. Irgendwas muss ich machen.“ Mit diesem Gedanken fährt sie zur Bankfiliale, sucht ihren Mann. Sie findet ihn nicht. Wieder daheim setzt sie sich ans Internet und stößt auf zwei Firmenadressen unter dem Namen des vermeintlichen Käufers, aber auf keine Telefonnummer. Schnurstracks fährt sie zur Polizei und gibt eine Vermisstenanzeige auf. Nur deshalb konnten die Ermittlungen rechtzeitig in Gang kommen und Rainer H. gefasst werden. Den Mord konnte die Ehefrau trotzdem nicht verhindern.

Den Kindern fehle der Vater sehr, sagt sie später aus. „ Sie fühlen sich nicht gut, weil sie anders sind.“ Als der Richter Michael Höhne einfühlsam nachhakt, ob sie professionelle Hilfe in Anspruch nehme, antwortet die studierte Sozialpädagogin, das sei momentan nicht nötig. Ihre Kinder hätten im Moment ihren eigenen Schutz aufgebaut. Wie es den Eltern ginge? Schon bei der Frage fängt die Mutter in der zweiten Reihe an zu weinen. Die Schwiegertochter antwortet: „Seiner Mutter geht es sehr schlecht.“ Ihr dagegen ginge es als Mutter okay. „Ich kriege das hin. Als Partnerin und beste Freundin geht es mir nicht so gut, er fehlt mir sehr.“ Ein einziger Satz, in dem die tapfere Witwe, die noch immer in München wohnt, Einblick in ihre geschundene Seele gibt.

Nina Bautz

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