Islam-Zentrum in München

Moschee-Projekt: Der Mann, der Brücken bauen will

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Stefan Jakob Wimmer mag es gerne, dass man in München an jeder Ecke Historisches sieht. Unser Bild zeigt ihn an der Ludwigstraße in der Maxvorstadt.

München - Mit dem Münchner Moschee-Projekt verbindet man seit Jahren vor allem den Penzberger Imam Benjamin Idriz. Dabei gibt es auch hinter dem Initiator starke Unterstützer. Zum Beispiel den Münchner Ägyptologen Stefan Jakob Wimmer.

Berlin ist nichts für Stefan Jakob Wimmer. Er kann es nicht ausstehen, sagt er. „Schrecklich, da gibt es keine Wurzeln mehr, alles hängt so in der Luft.“ In seiner Heimatstadt, in München, sei das anders. Wimmer mag das Traditionelle. Er sieht es aber in Gefahr. „Ich finde es unheimlich schade, dass meine Kinder im Kindergarten das Bairische verlernt haben“, sagt er. Er sagt sehr viele solche Sachen. Warum auch nicht. Trotzdem ist man immer wieder einen Moment irritiert davon. Denn Wimmer ist nicht nur überzeugter Bayer – sondern auch einer der vehementesten Unterstützer des Münchner Moschee-Projekts.

Die Sonne knallt auf die Ludwigstraße, es ist schon Mittag, aber Wimmer bestellt unter dem Sonnenschirm vor dem „Café an der Uni“ ein deftiges Frühstück „Franz Josef Strauß“. Wimmer, 51, ist ein großer, schlanker Mann. Er spricht so bedächtig und leise, dass man ihn durch die lärmende Ludwigstraße und die kichernden Studenten kaum verstehen kann. Ein Intellektueller, der lange und oft im Ausland war und doch ein Ur-Münchner geblieben ist. Und: Seit der Penzberger Imam Benjamin Idriz für sein Moschee-Projekt in München wirbt, ist er sein Unterstützer und enger Berater.

Wimmer hat in den achtziger Jahren in Jerusalem studiert, er schwärmt noch immer von der Stadt. „Ich war dort als Ausländer ein Mosaiksteinchen. Da ist keiner Mehrheit, keiner Minderheit.“ In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau kennen, eine muslimische Palästinenserin. Im Jahr 2000, Wimmer lebte wieder in München, bekamen sie ihr erstes Kind. Wimmer stand vor den Fragen, vor denen so viele Eltern unterschiedlicher Herkunft stehen. Eine der wichtigsten davon ist die nach der religiösen Erziehung. In Jerusalem hatte Wimmer radikale Muslime demonstrieren sehen. So sollten seine Kinder auf keinen Fall werden.

Wimmer stieß auf die Islamische Gemeinde Penzberg, wo ein weltoffener Islam gepredigt wird. „Es war mir ein Geschenk“, sagt er noch heute. „Ich habe mir gedacht: Wenn es so geht, dann ist es nicht mehr wichtig, ob meine Kinder Christen oder Muslime werden.“ In Penzberg wird auf Deutsch gepredigt, Imam Idriz wirbt für einen Islam, der mit dem Grundgesetz in Einklang steht – einen Islam, den sich der Ägyptologe auch für seine Kinder vorstellen konnte.

Wimmer war begeistert – und lud Idriz und dessen Frau zu sich nach Hause ein. Idriz saß auf seiner Couch und berichtete ihm von der Idee eines Islam-Zentrums in München. Es war die Zeit der Proteste gegen die Moschee am Gotzinger Platz in Sendling. „Du siehst doch, was dort los ist“, riet Wimmer ihm spontan ab. Idriz habe gedacht, was in Penzberg gehe, müsse in München doch auch gehen. „Im Rückblick war das vielleicht ein bisschen naiv“, sagt Wimmer heute.

Wimmer unterstützte Idriz trotz seiner Bedenken. Er half den Initiatoren, ihre Texte in perfektes Deutsch zu gießen, war anschließend jahrelang der erste Stellvertreter von Idriz im Verein „Ziem“ (Zentrum für Islam in Europa München), heute: Münchner Forum für Islam (MFI).

Für den Verein, der kein bosnischer, türkischer oder arabischer sein will, sondern einer für alle, ist Wimmer auch deshalb wichtig, weil er deutsche Vorfahren hat und einen deutschen Namen. Wimmer sei ein „Brückenbauer zwischen den Religionen“, hat Imam Idriz kürzlich unserer Zeitung gesagt. „Er hilft uns enorm, die Feinheiten der Mentalität der Mehrheitsgesellschaft besser zu verstehen.“ Wimmer selbst glaubt, dass er besonders für die Außenwirkung des Projekts hilfreich sei.

Wimmers großes Thema: Das Gemeinsame der Religionen

Das Gemeinsame der Religionen – das ist Wimmers großes Thema. Er hat die „Freunde Abrahams“ gegründet, einen Verein, der nach dem sucht, was Judentum, Christentum und Islam eint. Er kann Führungen geben zur jüdischen Geschichte in München und hat ein Buch über den Islam in der Stadt geschrieben – und er wünscht sich, dass die Hauptstadt Bayerns wieder katholischer wird. „Schade, dass Religion so an Bedeutung verliert“, sagt er.

„Ein fantastisches Zeichen“ hätte Wimmer es gefunden, wäre die Moschee an der Herzog-Wilhelm-Straße in der Altstadt gebaut worden. „Die Protestanten“, sagt Wimmer, „waren vor 200 Jahren auch erstmal am Stadtrand. Das hat Tradition“. Eine Tradition, die er gerne gebrochen gesehen hätte. Neben Katholiken, Protestanten und Juden auch Muslime mit einem repräsentativen Standort im Zentrum: Daraus wird aber nichts. Es gibt keine politische Unterstützung dafür.

Trotzdem haben die Initiatoren wieder Grund zur Hoffnung. Die Stadt hat dem MFI mittlerweile Standorte im entstehenden Kreativquartier am Leonrodplatz angeboten. Wimmer kann mit dieser Variante sehr gut leben. Innerhalb des Mittleren Rings, nahe dem Olympiapark – und sichtbar für die vielen Autofahrer an der Dachauer Straße. Sichtbarkeit – das bleibt ein zentrales Motiv dieser Moschee, die nicht viel gemein haben soll mit Gebetsräumen in Hinterhöfen. Ein offener Ort, an den auch Deutsche christlichen Glaubens gerne und ohne Angst kommen, dafür wirbt Idriz.

Wie viel Widerstand es von den Anwohnern in Neuhausen noch geben wird, wie sehr die neue Politiker-Riege an der Stadtspitze das Projekt wirklich unterstützt, das ist beides noch unklar. Scheitern könnte die Moschee für München aber vor allem noch am fehlenden Großspender. Von 40 Millionen Euro ist seit Jahren die Rede – und vom Emir von Katar als Geldgeber.

Katar steht wegen Menschenrechtsverletzungen international in der Kritik. Einen Widerspruch zu einer Geldspritze in München will Wimmer da aber nicht zwingend erkennen. „Ja und Nein“, sagt er. „Was über Katar gesagt wird, wird nur wegen der Fußball-WM gesagt. Man müsste es fairerweise auch über sehr viele andere sagen.“ Auch wenn es das natürlich nicht besser mache, wenn scheußlich mit Arbeitskräften umgegangen werde. Wimmer glaubt, dass Katar sich bald entscheidet. „Wir haben auf jeden Fall alles Menschenmögliche in die Wege geleitet.“ Und wenn es nichts wird, „dann gibt es ja auch noch andere reiche Länder am arabischen Golf“.

Stefan Jakob Wimmer auf jeden Fall wird nicht aufhören, für eine große Moschee in München zu werben. Die soll dann ein Teil der Stadt sein, die insgesamt ihre Traditionen bewahrt. „Hoffentlich“, sagt Wimmer, „bekommt die Religion insgesamt wieder einen größeren Stellenwert.“ Ihm geht es eben nicht nur um den Islam – sondern auch darum, dass die Stadt ihre Wurzeln nicht vergisst.

Von Felix Müller

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